25.05.2012 22:18 | Meine Presse Merkliste 0

Das Unendliche ist nur ein Wort – oder irren die Mathematiker womöglich?

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Dieser Tage vor 150Jahren wurde im ostpreußischen Königsberg David Hilbert geboren: Er war ein herausragender Gelehrter, der die Mathematik wie ein Haus auf festem Grund errichten wollte.

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Am 23.Jänner 1862 wurde im ostpreußischen Königsberg David Hilbert geboren. Schon zu Lebzeiten erwarb er sich den Ruf eines herausragenden Mathematikers. In der Algebra, der Zahlentheorie, der Geometrie, der Analysis, der mathematischen Physik, namentlich bei der Allgemeinen Relativitätstheorie, leistete er Beeindruckendes.

Anlässlich eines Kongresses hielt Hilbert im Jahre 1900 in Paris ein Grundsatzreferat. Er benannte darin die seiner Meinung nach 23 wichtigsten mathematischen Probleme, von denen man im neu anbrechenden 20.Jahrhundert eine Lösung erwarten dürfe. Tatsächlich wurden die meisten dieser Aufgaben gelöst, doch nicht immer so, wie es Hilbert erwartet hatte. Das zweite Problem seiner Liste ist ein Beispiel dafür: Grob gesprochen verlangte er darin, einen Beweis zu führen, dass die Mathematik keine Widersprüche zulässt.

Dem Laien scheint das banal: Nichts empfindet er sicherer als das Rechnen mit Zahlen. Das stimmt auch. Jedoch treten dann Schwierigkeiten zutage, wenn das Unendliche mit ins Spiel kommt. Hier stolpert man auf Schritt und Tritt über Paradoxien. Galilei wunderte sich schon: Es gibt unendlich viele Quadratzahlen; es gibt genauso viele, nämlich unendlich viele Zahlen, aber nur wenige Zahlen sind Quadratzahlen – wie geht das?

Pascal argwöhnte, „unendlich“ könne keine Zahl sein: Es ist nicht gerade, denn dann wäre es um 1 vermehrt ungerade, aber immer noch „unendlich“. Und ungerade ist es aus dem gleichen Grund auch nicht. „Paradoxien des Unendlichen“, so nannte Bolzano sein vor Hilbert geschriebenes Buch. Und noch Verwirrenderes findet Cantor bei unendlichen Mengen.

Die Lösung, so meinte Hilbert, bestehe darin, den Begriff des Unendlichen zu „zähmen“: ein Sprachspiel, einen Kalkül von Worten mit einem formalen Regelwerk zu entwerfen, in dem akribisch genau der Gebrauch des Wortes „unendlich“ festgelegt wird, ohne dass man sich darunter etwas intuitiv vorstellen dürfe. Tatsächlich haben Hilberts Schüler einen solchen Kalkül entworfen. Aber Kurt Gödel zeigte, dass ein Beweis seiner Widerspruchsfreiheit nie gelingen würde.

Vom Unendlichen, ja von Zahlen überhaupt zu sprechen ist Hilbert zufolge eine bloße Façon de parler – ähnlich wie eine Dame im Schachspiel, aller weiblichen Züge beraubt, nichts anderes als eine wertlose Figur auf dem Schachbrett ist. Und wie Bauern und Könige im Schach weder Felder bestellen noch Länder regieren, sondern nur stumme Statisten, starre Steine in der Hand von Spielern sind, so ist es auch mit der modernen Mathematik bestellt: Ihre Kalküle handeln von nichtssagenden Zeichen, ihre Sätze beziehen sich auf nichts Wirkliches, ihre Probleme betreffen ein Denken, das autistisch um sich selbst kreist.

Nur eine verschwindend kleine Gruppe sogenannter konstruktiver Mathematiker überwindet das sinnlose Sprachspiel, indem sie, den eminenten Gelehrten Brouwer und Weyl folgend, die Mathematik bewusst der Dialektik zwischen dem naiven Ideal des absoluten Wahrheitsanspruchs und der abgeklärten Dekonstruktion aussetzt. Für die meisten Mathematiker jedoch ist mit der Botschaft, moderne Mathematik bestehe aus leerem Gerede, das letzte Wort gesprochen. Und es ist wundersam zu beobachten, wie sie sich in der ihnen verbliebenen Ruine wohlfühlen.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2012)

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9 Kommentare
Gast: Rudolf Sponsel
26.03.2012 10:03
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Falsch "Das stimmt auch"

Interessant, aber Einspruch zu folgender Ausführung:
"Dem Laien scheint das banal: Nichts empfindet er sicherer als das Rechnen mit Zahlen. Das stimmt auch. Jedoch treten dann Schwierigkeiten zutage, wenn das Unendliche mit ins Spiel kommt."

Das stimmt gewiss nicht, wenn wir an den Zahlengebrauch in Statistik, den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften denken. Dort gibt es eine reichhaltige Numerologie von "Zahlen"spielen (Stichwort Nichtbeachtung der Skalenniveaus).

Rudolf Sponsel, Erlangen

Gast: pensionär
24.01.2012 11:12
0 0

Konstruktive Mathematik

Paul LORENZEN lehnt den Unendlichkeitsbegriff überhaupt ab
http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Lorenzen#Konstruktive_Mathematik
Was in der Realität durch Messinstrumente nicht erfasst werden kann, darf in der Wirklichkeit unseres Denksystems nicht manifestiert werden.
Die neuen Erkenntnisse über die dunkle Materie zeigen, dass der Begriff des Nichts kaum zu halten ist.

Sprengt natürlich den Rahmen der Diskussion.

evklides
23.01.2012 21:40
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Grundlagenstreit 19/20 Jhdt

Das "Unendliche" ist für sich keine mathematische Größe. Auf der Zahlengeraden tatsächlich nur ein Symbol für z.B. Grenzwertberechnungen. Dieses "Unendliche" spielt auch nur eine untergeordnete Rolle in der von L. Brouwer initiierten Entwicklung des Intuitionismus, des "Tertium non Datur". Die meisten Mathematiker, die ich kenne, lehnen intuitionistische Beweise schon alleine deshalb ab, weil sie oft elends lang sind - viel zu lang, um zum Beispiel Distributionentheorie oder Partielle Differentialgleichungen damit zu begründen oder gar erfolgreich zu betreiben. Ähnliches gilt m.E. auch für andere Teile der Mathematik, so etwa Topologie, die auch Brouwer m.W. nicht grundsätzlich intuitionistisch betrieben hat (weil sein Intuitionismus erst später kam). Möglicherweise ist der nachstehende Wiki-Artikel hilfreich, sich mehr Meinung zum "Grundlagenstreit" zu bilden.
http://de.wikipedia.org/wiki/Grundlagenkrise_der_Mathematik

Gast: pensionär
21.01.2012 11:15
0 0

die Wirklichkeit

ist in unserem "Denknetzwerk" und die Reality wird mit unzulänglichen Messinstrumenten beschrieben - vielleicht sollte Herr Taschner die Begriffe aktuale und potentielle Unendlichkeit heranziehen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Potentielle_und_aktuale_Unendlichkeit

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"...das autistisch um sich selbst kreist"

Gilt das nicht auch für andere "weltfremde" Betrachtungen ??

Der Ichwar, Ichbin u. Ichwerdesein wirds mir später ausserhalb von Zeit u. Raum enthüllen, wenn notwendig.

Somit ist Unendlichkeit zwar ein mathematisches
Problem, dass Euler oft genial umschiffte, doch Bescheidenheit tut not.


Gast: 1. Parteiloser
18.01.2012 20:15
4 0

Die Unendlichkeit ist kein Paradoxon!

Es einfach so, dass die Unendlichkeit keinen Platz in unserem Leben, ja nicht einmal im Universum hat. Somit kann die Unendlichkeit auch niemals wirklich begriffen werden auch nicht damit gerechnet werden.

Die Mathematik, unser Leben und das Universum betreffend, die ist aber real und da darf / muss mit sämtlichen bestehenden Parametern gerechnet werden. Mit der Unendlichkeit dürfen wir nicht rechnen, weil diese nicht real ist. Ich würde das nicht als Paradoxon sehen, eher wie ein Grundgesetz. Die Mathematiker irren also nicht und Mathematik ist kein leeres Gerede, auch keine Ruine.

Vielleicht gibt es außerhalb des Raum - Zeit Kontinuums und von Materie / Energie eine Existenz, welche Unendlichkeiten erlaubt. Dann wird man diesen Begriff auch mathematisch erfassen und verarbeiten können. Erst wenn die Mathematiker das Raum - Zeit Kontinuum verlassen können, dann haben die vielleicht auch eine Chance mit Unendlichkeiten zu arbeiten. Das ist aber eine andere, für uns nicht reale, Welt und nur dort gültig.

Der Artikel hat mir sehr gefallen, Danke!

Antworten TheAlien
19.01.2012 15:17
0 0

Re: Die Unendlichkeit ist kein Paradoxon!

bitte beweisen Sie Ihre Hypothese, Unendlichkeit sei nicht real!

Den Artikel empfinde ich auch als erfrischende Abwechslung.

Antworten Antworten Gast: 1. Parteiloser
20.01.2012 10:08
0 0

Nur Gedanken!

Die Beweisführung zu einer Nichtexistenz von Etwas ist eine Aufgabe, welcher ich nicht gewachsen bin. Mit der Beweisführung, dass die Endlichkeit ein Teil unseres Lebens ist, mit dieser Beweisführung wären Sie sich nicht zufrieden, weil der Umkehrschluss ja nicht zwingend korrekt sein muss.

Ich meine aber, dass die schwarzen Löcher es am Ende ganz gut richten werden. Die werden alles, das gesamte Universum, verschlucken, sich dann zusammen gesellen und, vielleicht einen neuen Urknall ermöglichen. Sollte das der Fall sein, und endlos wiederkehrend, dann könnte es sich um eine Art der Unendlichkeit handeln.

In unserem Universum hat das aber keine Gültigkeit, weil die Masse und die Massenanziehung für eine Endlichkeit sorgen. Das Ansaugen der schwarzen Löcher ist eindeutig, genauso wie sich diese am Ende auch zusammenfinden werden. Vielleicht liegt der Beweis der Endlichkeit in der Existenz der Gravitation?

Ein neuer Urknall könnte ganz was Tolles sein, auch wenn vorher die Erde an der Sonne verbrannt sein wird. Aber auch diese Endlichkeit spielt in meinem Leben keine Rolle. Da müsste es ja ein Forscher schaffen die Zellteilung so zu verlangsamen, dass mein Leben gewaltig verlängert, wenn auch nicht unendlich verlängert, werden kann. Will ich das überhaupt?

Wie Hr. Jobs schon sagte: Der Tod ist die beste Erfindung, er ermöglicht einen Neuanfang. Vielleicht gibt es bei diesem Prozess des permanenten Neuanfang tatsächlich eine Unendlichkeit.

Antworten Antworten Antworten TheAlien
20.01.2012 11:20
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Re: Nur Gedanken!

Schade: wenn Sie Nichtexistenz und Realität (egal wovon) hätten beweisen können, wäre das mal ein echter Fortschritt gewesen!

Um das Thema an sich aus subjektiver Sicht abzuschliessen: mir ist die Existenz/Nichtexistenz von Unendlichkeit schlichweg wurscht, weil deren (subjektive) Realitätsrelevanz für mich persönlich ohnedies gegen null konvergiert.

Aber es macht Spass, fallweise darüber zu philosophieren!

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