25.05.2012 22:19 | Meine Presse Merkliste 0

Pädagogisch unkorrekte Notiz zu einer pädagogisch unkorrekten Bemerkung

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Kein Platz mehr für das Kokettieren mit einer Watsche? Die pädagogisch ach so Korrekten machen es sich bei Pauschalurteilen mit dem Heben ihres Zeigefingers ein wenig zu leicht.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Im Zusammenhang mit der vorgesehenen und verhinderten Bestellung von Nikolaus Pelinka zum Büroleiter in der Generaldirektion des ORF war bemerkenswert, was der berühmte Vater dem berühmten Sohn über das Magazin „Falter“ in herzerfrischender Offenheit – ich meine das nicht ironisch – mitteilte: Sollte sein Sohn ernsthaft wagen, bei der Besetzung seiner ORF-Diskussionsrunden zu intervenieren, „dann hau ich ihm persönlich eine Watschen runter“.

Ich muss gestehen, dass ich den Rückzieher, den danach Vater Pelinka in einer seiner Kolumnen vollzogen hat (das mit der Ohrfeige sei ja nur symbolisch gemeint) gar nicht gern gelesen habe. Denn man spürte darin die geduckte Haltung vor dem erhobenen Zeigefinger der pädagogisch ach so Korrekten: „Auch in einer noch so hitzig und emotional geführten Debatte sollte das Kokettieren mit einer ,Watsche‘ keinen Platz haben. Diese Erziehungsmethoden sollten wir schon lange hinter uns gelassen haben.“

In der Tat. Es ist schon lange her, dass ich selbst erleben musste, dass meiner Mutter oder meinem Vater in heiligem Zorn die Hand ausgerutscht ist. Mein Vater verunglückte bei einem Einsatz als Feuerwehrmann tödlich, als ich acht Jahre war, zwei Jahre später starb auch meine Mutter (an gebrochenem Herzen? – Ich weiß es nicht).

Es war selbstverständlich, dass im Internat, in dem ich danach meine Mittelschulzeit verbrachte, jegliche Körperstrafe, selbst in der harmlosest denkbaren Form, verpönt war. Doch es drohten bei Fehlverhalten von Kindern unangemessen strenge Maßnahmen bis hin zur Verdammung aus der Anstalt, vor deren grausamer Härte sich alle fürchteten. Auf der einen Seite das Gewitter mit dem kurzen, reinigenden Schmerz, verbunden mit dem Wissen, dass gleich danach die Sonne wieder scheinen würde. Wohl auch deshalb, weil die Eltern das Entgleiten ihrer Hand sofort danach selbst insgeheim bedauerten. Und auf der anderen Seite die lang anhaltende Düsternis der bösen, peinigenden Unwetterstimmung, die man nicht vertreiben kann und bei der kein Ende abzusehen ist. Beides erlebt: kein Vergleich!

Es liegt im Wesen der Sache, dass Korrekturen, welcher Art auch immer, oft schmerzhaft sind. Ein Dasein ohne Schmerz ist undenkbar, doch es gilt zu unterscheiden: zwischen dem erträglichen und dem unerträglichen Schmerz. Den erträglichen Schmerz nehmen wir auf uns, weil wir, selbst wenn es uns nicht leichtfällt, in ihm einen Wink auf ein erstrebenswertes Ziel erkennen.

Der unerträgliche Schmerz hingegen wütet ziellos chaotisch in unserem Körper, will uns selbst zerstören, und wir versuchen mit allen Mitteln, ihm zu entkommen – wobei wir der Pharmazie unendlich dankbar sein dürfen, wie sie uns dabei hilft. Die Leberpunktion ist mit einem heftigen und gar nicht wünschenswerten Schmerz verbunden, aber er ist erträglich. Der Schmerz der schweren Gallenkolik hingegen ist unerträglich. Ebenso beides erlebt: kein Vergleich!

Auf der Skala zwischen dem erträglichen und dem unerträglichen Schmerz schlägt der Zeiger bei dem kurzen Donnerwetter meiner Eltern ganz links auf der Seite der Erträglichkeit an und bleibt dort haften. Denn ich stehe nicht an – mögen die mit aufdringlicher Heuchelei maßregelnden pädagogischen Eiferer dagegen wettern, was sie wollen –, noch Jahrzehnte nach ihrem Tod meinen Eltern dafür dankbar zu sein.


Reaktionen senden Sie bitte direkt an:

debatte@diepresse.com


Zum Autor:

Rudolf Taschner
ist Mathematiker und Betreiber des math.space im
quartier 21, Museumsquartier Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

15 Kommentare
0 0

na herr professor aus dem theresianum

da kann ich mich an einen physik "professor" in einem wr gymnasium erinnern, der einen schüler wegen einem heraushängenden hemd durchfallen hat lassen. so vor etwa 25 jahren.
vielleicht könnten Sie ein bischen weniger heucheln.

Dr.Schwejk
01.02.2012 16:34
0 2

Lieber Taschner!

Sie haben ein sehr simples, wenn nicht einfältiges Weltbild.
Wenn jemand von Prügelstrafen nichts hält, dann halten Sie ihm den Satz "mögen die mit aufdringlicher Heuchelei(sic!) maßregelnden pädagogischen Eiferer(!) dagegen wettern ..." entgegen.
Ich hoffe, Ihre mathematischen Forschungen sind nicht derart simplifizierend ;-)

Gast: murkas
01.02.2012 15:41
0 2

ich bin in ihrer diktion, herr professor, ein...

..."mit aufdringlicher Heuchelei maßregelnde[r] pädagogische[r] Eiferer", denn ich bin pädagoge und wettere gegen die so genannte g'sunde watschen. aber was unterstehen sie sich, mir heuchelei zu unterstellen? weder als pädagoge noch als vater würde ich je watschen austeilen, es handelt sich dabei nämlich in meiner welt um eine form von körperlicher gewalt, und ich lehne körperliche gewalt in jeder form ab. sie verletzt, schmerzt, ist lieblos, kann traumatisieren - in jeder form.

zwischen dem "Gewitter mit dem kurzen, reinigenden Schmerz" und der "lang anhaltende[n] Düsternis der bösen, peinigenden Unwetterstimmung" gibt es ein ganzes spektrum an möglichkeiten, mit unerwünschtem verhalten einen guten umgang zu finden.

in ihrer argumentation verteidigen sie aus der perspektive eines kindes jene eltern, die ihre negativen emotionen, die durch ihre unfähigkeit, mit unerwünschtem verhalten einen guten umgang zu finden, entstehen, mit hilfe körperlicher gewalt schnell bewältigen. einerseits ist diese bewältigung nicht aufgabe von kindern, daher brauchen kinder dafür eigentlich kein verständnis entwickeln. andererseits sollten sich eltern bei dieser ureigenen aufgabe einfach mehr antun, als ihre kinder zu schlagen. ich halte das für elterliche pflicht, wenn man diese aufgabe ernst nimmt.

denkreal
31.01.2012 19:32
0 0

Erstarrung - Richtungswechsel

und jetzt als registrierter Benutzer....

Die "gsunde Watsche" an sich ist wohl nicht das Thema. Die will keiner mehr. Die Botschaft liegt, wie so oft, codiert unter der Oberfläche.
Das Verbohren an dieser Detailformulierung zeigt nur die Erstarrung des Erziehungszeigers am anderen Ende der Skala. Tatsache ist, dass Unterricht in einer vernünftigen Geben-Nehmen-Situation heute kaum mehr möglich ist und zwar trotz Einsatz neuer Medien, trotz wechselnden Unterrichtsformen, trotz motivierter Lehrer und Lehrerinnen. Endlos belastbar sind auch die nicht! Ein sanfter Richtungswechsel tät uns allen gut!

Gast: Klaus
31.01.2012 18:46
0 0

zu viele Bildungsexperten

Die "gsunde Watsche" an sich ist wohl nicht das Thema. Die will keiner mehr. Wer sich an dieser Detailformulierung aufhängt hat die Botschaft nicht verstanden und ist vermutlich nie in einer Klasse gestanden, um Wissen zu transportieren.

Gast: auch gut
31.01.2012 15:31
0 3

wie bitte??

das darf doch nicht wahr sein!! als wäre die einzige alternative zur "g'sunden" (sic&sick) watschn der liebesentzug! ich schätze herrn taschner ob seiner mathematischen witzigkeiten, als pädagoge oder bewerter pädagogischer "massnahmen" ist er untragbar auch wenn er auch selbst einmal kind war. das waren wir alle.

wmaurer
28.01.2012 11:07
4 0

der Liebesentzug ist die furchtbarste Strafe überhaupt


und Prof. Taschner hat es auf den Punkt gebracht. Warum reitet die p.c. Gesellschaft so entschieden lediglich gegen die "gsunde Watschen" die in ihrer Urform mit körperlicher Gewalt und Prügel gar nichts zu tun hat. Die bewußte und unbewußte seelische Verwahrlosung, das Alleinlassen, das Nichtkümmern, die Chancenverweigerung und der erwähnte Liebesentzug rund um unsere Kinder sind die größten und bösesten Grausamkeiten. Das aufzuzeigen verdient unseren Respekt vor Prof. Taschner.

Gast: ava
27.01.2012 19:25
3 0

man sagt

wer geschlagen wurde, gibt schläge weiter. ist empirisch nicht erwiesen. ich fürchte, die größten schlägertypen generieren sich aus denen, die überhaupt laizziere faire aufwuchsen. hoffentlich richtig geschrieben.

Gast: emantsaG
27.01.2012 14:58
0 4

Der getretene Hund dankt dem Herrchen.

Es war ja nur aus Liebe, nur zu seinem Besten - mhm, ganz sicher!
Mir fällt da gerade so ein Wort ein, irgendwas mit Stockholm...
Ein altbekanntes Phänomen, dass Opfer den Peiniger (die Peinigerin) verherrlichen. Gerade Kinder, die sich ja nicht wehren und die Liebe der Eltern nicht infrage stellen können - können doch nicht mal die meisten Erwachsenen sich eingestehen, dass ihre Kindheit vielleicht doch nicht so schön war, wie sie denken. Selbst viele halb tot geprügelte Kinder verteidigen als Erwachsene ganz vehement ihre Eltern und nehmen die Schuld auf sich.
Traurig.
Noch trauriger, dass Menschen, die körperliche Gewalt an Kindern verurteilen, dann als Heuchler hingestellt werden...
Und das ist weit verbreitet: Wie oft gibt es Kampagnen gegen "Gewalt an Frauen"? Und wie oft gegen "Gewalt an Kindern"? Da sieht man den Stellenwert...

Antworten Gast: Gast4711
28.01.2012 12:44
2 0

Re: Der getretene Hund dankt dem Herrchen.

Beeindruckend, wie Sie Herrn Taschner mit einem geschlagenen Hund vergleichen. Gleichzeitig erkennen Sie in ihm das Stockholm-Syndrom - tolle Ferndiagnose bei jemandem, der Jahrzehnte nach dem Tod seiner "Peiniger" nicht davon loskommen sollte. Merken Sie denn nicht, auf welchem Irrweg Sie sich befinden?

Gast: die matrix
26.01.2012 20:27
2 0

Kompliment, Herr Taschner!

Es wird immer wichtiger, die Verirrungen der "Korrektheiten" aufzuzeigen und nach Maßgabe aufzubrechen, da die Menschen heute durch eben diese schon dermaßen verunsichert sind, dass sie lieber GAR NICHT reagieren, als womöglich einen Fehler zu machen.

Und dieses Verhalten führt m.E. zu ähnlichen "inneren Zuständen", wie Sie sie aus Ihrer Internatszeit beschreiben. Und das auf beiden Seiten.

Es wird hoffentlich niemand annehmen, ich wäre per se für die Prügelstrafe; aber vielleicht spricht der Volksmund nicht umsonst von der "g`sundn Watschn".

Die schlimmste Konsequenz dieser korrekten Zwänge ist jedoch, das ALLE zwischenmenschlichen Beziehungen unter diesem "Herumeiern" leiden.

artemis70
26.01.2012 15:39
1 4

bei allem respekt, lieber herr taschner,

aber könnte es nicht sein, dass jemand wie Sie - absolut verständlich!! - die watschn der eltern aufgrund ihres wirklich tragischen schicksals ein wenig verklärt?

Gast: pensionär
26.01.2012 11:01
4 0

Vielleicht sollte man einmal klären:

Antiautoritäre Erziehung ist Erziehung durch Vorbild.
Laissez-faire ist keine Erziehung sondern die Unfähigkeit zur Konsequenz.

Ich habe meine 5 Kinder überhaupt nie bestraft, es genügte nur eine sinnvolle Erklärung - aber Zuwendung ist nicht nur mit Geld zu erfüllen.

Gast: schlÄchter
26.01.2012 10:40
9 1

sg herr taschner!

wiedereinmal ein mmn sehr kluges "quergeschrieben" von ihnen, kann iahre erfahrungen nur bestätigen.
+
mfg
s.

1 0

Ganz so verpönt waren die harmlosen Körperstrafen nicht

im erwähnten Internat. Da zumindest die erinnerlichen aber im positiven Sinn von Prof. Taschner waren, nenne ich keine Namen. Ich unterstütze seinen Standpunkt ausdrücklich. Allerdings scheint der Gesellschaft die Fähigkeit zu wohlwollendem Strafen weitgehend abhanden gekommen zu sein. Würden Körperstrafen jetzt wieder gestattet, wäre zu befürchten, daß es sich weitgehend um Mißhandlungen handelte. Mißhandlungen - gewaltsame wie "gewaltfreie" - sind natürlich kein Mittel der Pädagogik. Die brutale Gewalt gerade unter Jugendlichen ist eben auch kein Erfolgsausweis der vordergründig gewaltfreien Erziehung.

Mehr Quergeschrieben:

Top-News