Die Koinzidenz ist bemerkenswert: Zur gleichen Zeit, da „Die Durchschnittsfalle“ des österreichischen Genetikers Markus Hengstschläger erschien und die Bestsellerlisten stürmte, war in der „New York Times“ ein luzider Kommentar ihres durch seine Bücher über die Globalisierung bekannten Korrespondenten Thomas L. Friedman mit dem Titel „Average is over“ zu lesen.
Der Durchschnitt ist nicht nur, wie Hengstschläger in seinem Buch nachweist, weit davon entfernt, erstrebenswert zu sein, der Durchschnitt hat, so Friedman, keinerlei Zukunft. Anders als Hengstschläger schreibt Friedman nicht mit Berufung auf die Naturwissenschaft, sondern als Wirtschaftsjournalist mit umfassenden Einsichten in die globalen ökonomischen Systeme gegen den Durchschnitt an.
Seine Beweisführung ist leicht nachzuvollziehen: Überall dort, wo nur der Durchschnitt zählt, wird es über kurz oder lang gelingen, die menschliche Arbeitskraft durch Apparate zu ersetzen. Moderne Technologie wird dafür verantwortlich sein, dass dem Menschen Standardtätigkeiten, mit denen er bisher sein tägliches Brot verdiente, entrissen werden.
Friedman nennt als Paradebeispiel das vor Kurzem gegründete Unternehmen „E la Carte“, das Restaurants Servierpersonal einsparen helfen wird: Der Gast nimmt am Tisch Platz, sieht vor sich ein Pad, auf dem er die Menüvorschläge findet: bei Interesse auch mehrsprachig und bebildert sowie mit vielfältigen Varianten versehen. Es wird elektronisch bestellt und nach Verzehr auch elektronisch kassiert, wobei natürlich kein Problem besteht, einzeln pro Gast abzurechnen oder für den ganzen Tisch. Friedman schätzt ab: Jede Konsole dieses Systems, das sich bezeichnenderweise „Presto“ nennt, kostet im Monat 100Dollar. Wenn das Restaurant jeden Tag acht Stunden serviert und dies sieben Tage die Woche, bedeutet dies einen Aufwand von rund 40Cent pro Stunde und Tisch – und damit ist Presto billiger als der billigst denkbare Kellner.
Mag sein, dass Presto seine Kunden finden wird. Ob ich selbst dazugehören werde, bezweifle ich. Denn ich will kein Durchschnittsgast sein, von dem „E la Carte“ ausgeht. Und ich weiß auch von den Obern meiner Lieblingskaffeehäuser, deren es viele gibt, dass sie weit entfernt vom Durchschnitt ihren Dienst versehen. Jeder von ihnen ist einzigartig. Darum und nur darum müssen sie nicht um ihre Stelle bangen.
Dieses Beispiel steht paradigmatisch für viele. Nur Bedauernswerte wollen alle Produkte von der Massenanfertigung aus dem Billigland haben. Nur Bedauernswerten genügt durchwegs die Standardproduktion, die den Bedürfnissen des Durchschnitts entspricht, die mit billiger Informationstechnologie gefertigt wird. Ihr fehlt in allen Fasern jener Charme, der in der Ware steckt, die von einem originellen und unverwechselbaren Produzenten stammt. Wobei unter „Ware“ all das gemeint ist, was auf dem Markt erwerblich ist: von Lebensmitteln, Möbeln, Gewändern bis hin zu Dienstleistungen, Patenten und Ideen reichend.
Nicht die Schuldenbremse wird uns über die Krise hinweghelfen. Noch weniger die Ausrede, man orientiere sich ohnehin am Durchschnitt. Die Ausrichtung einer Wirtschaft am Durchschnitt bedeutet à la longue deren Absinken ins Bodenlose. Was nicht nur auf die Wirtschaft, sondern auf alle Aspekte des Daseins zutrifft.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2012)















