25.05.2012 12:02 | Meine Presse Merkliste 0

Entweder man ist einzigartig, oder aber man existiert überhaupt nicht

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Das Wort von der „Durchschnittsfalle“ ist viel zu harmlos. In Wahrheit ist „Durchschnitt“ nichts anderes als ein vernichtendes Urteil. Durchschnitt hat, wie Thomas L. Friedman schreibt, keinerlei Zukunft.

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Die Koinzidenz ist bemerkenswert: Zur gleichen Zeit, da „Die Durchschnittsfalle“ des österreichischen Genetikers Markus Hengstschläger erschien und die Bestsellerlisten stürmte, war in der „New York Times“ ein luzider Kommentar ihres durch seine Bücher über die Globalisierung bekannten Korrespondenten Thomas L. Friedman mit dem Titel „Average is over“ zu lesen.

Der Durchschnitt ist nicht nur, wie Hengstschläger in seinem Buch nachweist, weit davon entfernt, erstrebenswert zu sein, der Durchschnitt hat, so Friedman, keinerlei Zukunft. Anders als Hengstschläger schreibt Friedman nicht mit Berufung auf die Naturwissenschaft, sondern als Wirtschaftsjournalist mit umfassenden Einsichten in die globalen ökonomischen Systeme gegen den Durchschnitt an.

Seine Beweisführung ist leicht nachzuvollziehen: Überall dort, wo nur der Durchschnitt zählt, wird es über kurz oder lang gelingen, die menschliche Arbeitskraft durch Apparate zu ersetzen. Moderne Technologie wird dafür verantwortlich sein, dass dem Menschen Standardtätigkeiten, mit denen er bisher sein tägliches Brot verdiente, entrissen werden.

Friedman nennt als Paradebeispiel das vor Kurzem gegründete Unternehmen „E la Carte“, das Restaurants Servierpersonal einsparen helfen wird: Der Gast nimmt am Tisch Platz, sieht vor sich ein Pad, auf dem er die Menüvorschläge findet: bei Interesse auch mehrsprachig und bebildert sowie mit vielfältigen Varianten versehen. Es wird elektronisch bestellt und nach Verzehr auch elektronisch kassiert, wobei natürlich kein Problem besteht, einzeln pro Gast abzurechnen oder für den ganzen Tisch. Friedman schätzt ab: Jede Konsole dieses Systems, das sich bezeichnenderweise „Presto“ nennt, kostet im Monat 100Dollar. Wenn das Restaurant jeden Tag acht Stunden serviert und dies sieben Tage die Woche, bedeutet dies einen Aufwand von rund 40Cent pro Stunde und Tisch – und damit ist Presto billiger als der billigst denkbare Kellner.

Mag sein, dass Presto seine Kunden finden wird. Ob ich selbst dazugehören werde, bezweifle ich. Denn ich will kein Durchschnittsgast sein, von dem „E la Carte“ ausgeht. Und ich weiß auch von den Obern meiner Lieblingskaffeehäuser, deren es viele gibt, dass sie weit entfernt vom Durchschnitt ihren Dienst versehen. Jeder von ihnen ist einzigartig. Darum und nur darum müssen sie nicht um ihre Stelle bangen.

Dieses Beispiel steht paradigmatisch für viele. Nur Bedauernswerte wollen alle Produkte von der Massenanfertigung aus dem Billigland haben. Nur Bedauernswerten genügt durchwegs die Standardproduktion, die den Bedürfnissen des Durchschnitts entspricht, die mit billiger Informationstechnologie gefertigt wird. Ihr fehlt in allen Fasern jener Charme, der in der Ware steckt, die von einem originellen und unverwechselbaren Produzenten stammt. Wobei unter „Ware“ all das gemeint ist, was auf dem Markt erwerblich ist: von Lebensmitteln, Möbeln, Gewändern bis hin zu Dienstleistungen, Patenten und Ideen reichend.

Nicht die Schuldenbremse wird uns über die Krise hinweghelfen. Noch weniger die Ausrede, man orientiere sich ohnehin am Durchschnitt. Die Ausrichtung einer Wirtschaft am Durchschnitt bedeutet à la longue deren Absinken ins Bodenlose. Was nicht nur auf die Wirtschaft, sondern auf alle Aspekte des Daseins zutrifft.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2012)

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15 Kommentare
teifl eini
06.02.2012 11:09
1 0

die individualismus- und fachidioten-falle

ich möchte gerne auch das andere extrem thematisieren: wenn aus einer durchschnittlich gut mit allgemeinbildung versehenen bevölkerung ein bunter haufen an individualisten und fachidioten geworden ist, muss jede gesellschaft zerbröseln und wird sich der tsunami an halbwahrheiten und halbwissen nur noch weiter verstärken.

wenn es so ist, dass 50-75% der auszubildenden (was ich stark bezweifle) jobs haben werden, die es jetzt noch gar nicht gibt, was bleibt dann der schule anderes übrig, als sich auf jene basiskompetenzen zu konzentrieren, die dem schüler ein möglichst breites feld an optionen über ein ganzes arbeitsleben hinweg eröffnen: sinnerfassendes lesen, verständliches schreiben, sachlich fundiertes argumentieren, ein logisch-mathemathisch-technisch-betriebswirtschaftliches grundverständnis, einen sinn für kreative problemlösungen innerhalb realistischer rahmenvorgaben, handwerkliches geschick und das verstehen systemischer zusammenhänge der natur, biologie, gesellschaft und ökonomie.

bei der vermittlung dieser grundkompetenzen darf es keine kompromisse oder konzessionen geben. hat jemand darin schwächen, sind diese entsprechend zu bearbeiten. denn dann erwirbt das kind so nebenbei auch die allerwichtigste kompetenz: den eigenen schweinehund zu überwinden

ich halte nichts von hengstschlägers ansatz, nur die stärken zu fördern. quasi-autistische fachidioten sind nichts als menschenmaterial einer vollautomatisierten wirtschaft; aber lange noch keine menschen

Antworten Gast: pensionär
13.02.2012 11:06
0 0

Re: die individualismus- und fachidioten-falle

Besser Fachidiot als nur Idiot mit AllgemEinbildung.

Antworten teifl eini
06.02.2012 12:42
0 0

Re: die individualismus- und fachidioten-falle

es ist wie im spitzensport: ohne breite basis, keine spitze.

ohne grundfertigkeiten keine spitzenleistung.

und by the way: die von taschner vorgebrachte automatisierung im kellnerwesen wird maximal eine nische sein, die es in ähnlicher weise in from des running sushi schon längst gibt. und verzichtet man auch auf die räumlichkeiten und verlegt das bestellportal ins internet, dann sind wir beim klassischen pizzaservice angelangt.

man muss nicht aus jeder mücke gleich einen elefanten machen.

Antworten Antworten teifl eini
06.02.2012 12:48
0 0

Re: Re: die individualismus- und fachidioten-falle

und noch etwas kann zu hengstschläger angemerkt werden:

ich wäre schon froh, wenn die schulabsolventen wenigstens zu durchschnittlichen leistungen fähig werden. wie man von unis oder lehrlinge ausbildenden unternehmen hört, wird das durchschnittliche niveau nicht gerade besser. gerade um das allgemeinwissen bzw. alltagswissen ist es traurig bestellt. aber wozu braucht man das, wenn man den "like"-button auf facebook oder copy-and-paste aus wikipedia beherrscht ...?

0 0

naja, in Wirklichkeit sind eh alle Menschen durchschnittlich...

...mit kleineren Abweichungen eben.

Gast: pensionär
02.02.2012 20:44
1 0

Sehr richtig, Herr Taschner ...

... leider an die falsche Adresse gerichtet. Vor dieser Situation haben wir Gruftis und Kompostis (so benennen uns die Gäuche) schon lange gewarnt. Es werden immer mehr Unfähige und Unbrauchbare mit klingenden Titeln produziert, für die man dann Pöstchen brauchen wird. Sie werden den Fähigen und Areitswilligen dann vor die Nase gesetzt - ob da die Parteibonzokratien nicht mitspielen?
Das gemeine Volk, die Sklaven, werden durch Nivellierung in der Bildungspolitik verblödet - das kommt den wirklich Mächtigen gerade recht, die das in eigenen Konferenzen (z. B. Bilderbergertreffen) schon lange im Voraus planten. Da machen wir ein bisschen Wirtschaftskrise, hetzen eine Gruppe gegen die andere auf oder machen ein wenig Bürgerkrieg oder andere Kriege (z. B. um Öl oder Urananreicherung9. Wir stufen die noch aktiven Länder durch Ratingagenturen herunter, damit die Kapitalinhaber höhere Zinsen bekommen. Die PoLÜGniker werden durch Lobbyisten gekauft oder korrumpiert - und wenn sie nicht mitspielen ausgetauscht oder verunfallt.
Der Kampf der Patrizier gegen die Plebejer wie im alten Rom ...
Wie sang Qualtinger anno dazumal " ... der Papa wirds schon richten ...".

Murray
02.02.2012 12:06
3 0

Das Problem liegt tiefer

Wenn wir Durchschnitt sind, dann sind "wir" nicht. Sind wir nämlich identische Abbilder einer Blaupause eines ISO-9000-Humanoiden, dann unterscheidet uns nichts von den anderen - abgesehen von der Seriennummer. Und die reicht nicht aus, um die Existenz eines Individuums zu begründen.
Ob es einen von diesen Humanoiden mehr oder einen weniger gibt, macht lediglich einen quantitativen, jedoch keinen qualitativen Unterschied aus. Damit geht aber auch das Recht auf eine individuelle Existenz verloren, weil es dann nichts Individuelles mehr gibt.
So überzogen das Beispiel klingen mag - das ist der Zustand, auf den wir hinarbeiten.

Antworten Boris
02.02.2012 12:44
2 0

Re: Das Problem liegt tiefer

So kann man das mit guten Gründen auch sehen

Dagobert
02.02.2012 10:36
6 0

Froh

Ich wäre schon froh, wenn der Durchschnitt in unserem durschnittlichen Bildungssystem nicht jährlich gesenkt werden würde, indem man unterdurchschnittlichen Schülern vorgaukelt, sie wären durchschnittlich.

4 0

Durchschnittspolitiker?

In einem Punkt wäre eine Orientierung am Durchschnitt aber wünschenswert.

Hätte ein durchschnittlicher Politiker Österreichs das durchschnittliche wirtschaftliche/rechtliche Verständnis eines Politikers weltweit (von Experten bei IHS/etc. ganz zu schweigen), dann wären wir um sehr viele Probleme ärmer.

Gast: barra
02.02.2012 02:30
3 0

sie sprechen mir aus der seele.

würden sie bitte die politiker und beamten der EU darüber unterrichten?
die sind nämlich bekanntlich wild entschlossen uns mit diesem durchschnittspürierstab zu vernichten.
ich schrei seit jahren laut um hilfe, aber auf mich hören die ja nicht, wollen mich nicht hören.
sie haben dort mit sicherheit wesentlich mehr gewicht.

Boris
01.02.2012 20:12
7 0

So gesehen...


wird unser Parlament, in dem hauptsächlich auf Durchschnittsmaß abgeschliffene Flaschen die durch parteihierarchische Auswahlverfahren die komplementär zur Evolution selektiert wurden, ihre teuren Hinteren breitsitzen, durch iPads in den Wohnungen der Wähler ersetzt werden.

Ich denke die Einsparungsmöglichkeit würde durch den Wegfall der Parteiakademien, Parteiförderungen, und collateralkosten ec. in die hunderte Mill. € gehen.

Alle Botschaften in € Ländern, die de facto seit dem Beitritt von der Logik her beschäftigungslos sein müssen, könnte man durch iChat / Skype vidiwalls die ans Außenministerium angeschlossen sind ersetzen.

Re: So gesehen...

Unsere demokratische Ordnung zielt darauf ab, das Parlament mit "österreichischem Durchschnitt" zu füllen. Das wird gerne übersehen - was zu dem fatalen Irrtum führt, diese Leute könnten überdurchschnittlich komplexe Probleme lösen (oder auch nur als solche erkennen).

Ich denke, Herr Taschner bezieht sich eher auf marktwirtschaftliche Vorgänge, die mit Politik und den dort durchgefütterten überhaupt nichts zu tun hat. Leider.

Gast: dirge
01.02.2012 18:58
0 0

erfreulich

dass die nms, noch unter dem durchschnitt, ein kurzes leben haben wird.

Gast: Vogel Strauss
01.02.2012 18:36
2 4

Wiener Kaffeehauskellner ...

... so sie noch eingeboren sind, sind höchstens überdurchschnittlich unfreundlich und unwillig. Was aber hat das Computer-Restaurant mit der Angst vor dem Durchschnitt zu tun? Ich finde Durchschnittlichkeit sehr erstrebenswert, weil beruhigend - bei so vielen Überfliegern und Querdenkern rundherum ...

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