Anfang Februar tickte die Meldung über die Agenturen: Ein internationales Forscherteam hat einen potenziell bewohnbaren Planeten in einer Entfernung von etwa 22 Lichtjahren, also einem vergleichsweise nahen Sonnensystem, aufgespürt. Der Planet kreist dort um einen Zwergstern in der richtigen Entfernung für flüssiges Wasser, wie in den „Astrophysical Journal Letters“ zu lesen war. „Dieser Planet ist der neue beste Kandidat für Bedingungen, die flüssiges Wasser und vielleicht Leben erlauben, wie wir es kennen“, erläuterte Guillem Anglada-Escudé in einer Mitteilung.
Meldungen wie diese nähren die Fantasie, man könne die Entdeckungsreisen der Menschheit fortsetzen: nun nicht mehr zu fremden Kontinenten auf unserer Erde, sondern zu fernen Planeten unserer Milchstraße. Bei nüchterner Betrachtung stellt sich heraus, dass die zu überwindenden Entfernungen – mit einigen Lichtjahren wird man sicher rechnen müssen – zu unzumutbar langen Reisedauern führen. In absehbarer Zeit wird wohl keines Menschen Fuß einen Planeten eines fremden Sonnensystems betreten. Selbst die Reise zum im Verhältnis dazu unmittelbar benachbarten Planeten Mars unseres eigenen Sonnensystems ist noch ferne Zukunftsmusik. Und wohnlich ist es auf dem Mars sicher nicht.
Als Gegenentwurf zu Weltenreisen wird von vielen ins Spiel gebracht, dass man mit den Außerirdischen in Funkkontakt treten könne. Bei hundert Milliarden Sternen pro Galaxie und hundert Milliarden Galaxien im bisher sichtbaren Universum und angesichts der Tatsache, dass viele Sterne von Planeten umrundet werden, scheint es fast zwingend, dass das All von intelligentem Leben erfüllt ist. Allerdings ist auch hier Skepsis angebracht: Es könnten außerordentlich rare Ereignisse notwendig sein, die zu fühlen und zu denken begabte Wesen zu entstehen erlauben. Zum Beispiel: dass Erde und Mond einen Doppelplaneten bilden. Dass aus völlig ungeklärter und vielleicht extrem seltener Ursache neben dem pflanzlichen Leben das tierische entstand. Dass ein Asteroideneinschlag zur rechten Zeit die tumben Saurier aussterben ließ und die Säugetiere die Erde erschlossen. Wenn die Existenz intelligenter Wesen von solch außerordentlich sporadischen Begebenheiten abhängt, verringert sich die Wahrscheinlichkeit, in einem Umkreis von 100 Lichtjahren mit Extraterrestrischen Kontakt aufzunehmen – viel weiter würde die Kommunikation doch sehr eintönig – auf praktisch null. Zusätzlich muss man in Rechnung stellen, dass die Ära der Schriftkultur auf der Erde keine 10.000 Jahre währte, was im Vergleich zu den Milliarden Jahren, in denen das Sonnensystem existiert, fast ein zeitliches Nichts bedeutet. Dass während einer extrem kurzen Zeitspanne innerhalb eines relativ kleinen Bereichs der Milchstraße zwei mit intelligenten Wesen bevölkerte Welteninseln parallel existieren und dass eine dieser Welteninseln just unser Blauer Planet ist, erweist sich als so hochgradig unwahrscheinlich, dass man auf die Versuche verzichten sollte, mit Außerirdischen zu kommunizieren.
Ich befürchte, diese schale Sicht der Dinge verstört. Nicht deshalb, weil man sich den Blick zu den Sternen bewahren möchte. Dieser bleibt davon unberührt. Sondern deshalb, weil die Illusion der Außerirdischen den Blick von der Erde und von all den auf ihr bestehenden Problemen abzuwenden hilft.
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Zum Autor:
Rudolf Taschner
ist Mathematiker und Betreiber des math.space im
quartier 21, Museumsquartier Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2012)















