26.05.2013 11:10 Merkliste 0

Über die klammheimliche Freude beim Zertreten eines Aaskäfers

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Parolen, Programme, Ideen, die einem nicht behagen, soll man scharf attackieren, jedoch nicht deren Vertreter als Schädlinge diffamieren. Genau dies aber tut Frankreichs Philosophen-Dandy.

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Seine Behörde prüfe die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens wegen Volksverhetzung, berichtete ein Sprecher der Staatsanwaltschaft in Göttingen: Die Mitinhaberin eines wegen seiner Torten und Pralinen über die Universitätsstadt hinaus bekannten Cafés hatte laut „Göttinger Tageblatt“ Probleme mit Bettlern beklagt und dabei angeblich erklärt: „Es läuft viel Dreck rum in der Göttinger Innenstadt.“ Einige Bettler seien „sehr dreist“ und „wie Ungeziefer“.

Besonders ekelerregende Ungeziefer sind die Aaskäfer. „Sie finden sich“, schreibt Alfred Brehm, „sämtlich an Tierleichen ein, sei es, um selbst davon zu zehren, sei es, um ihre Eier an dieselben zu legen, und besitzen als Aasfreunde die nichts weniger als liebenswürdige Eigenschaft, einen stinkenden Saft aus dem After oder dem Maule oder aus beiden zugleich von sich zu geben, wenn man sie anfasst.“

Umso beeindruckender war es, nicht im kleinen „Göttinger Tagblatt“, sondern in der angesehenen Zeitung „Die Welt“ die jüngste Kolumne des Gastkommentators Bernard-Henri Lévy zu lesen: Marine Le Pen, Kandidatin für das Amt des französischen Staatspräsidenten, sei ein „Aaskäfer des französischen Leids“, ein „nécrophage du mal français“, so das Original – und dies deshalb, weil die Dame wagt, Lévys Namen in Wahlkampfveranstaltungen ausbuhen zu lassen und keine Gelegenheit auslässt, ihn „und einige andere mit manchmal ordinären Schimpfworten einzudecken“.

Um nicht missverstanden zu werden: Kein kluger und verantwortungsbewusster Mensch wünscht sich ein Europa, in dem die politischen Ansichten einer Marine Le Pen oder ihrer Gesinnungsfreunde die Oberhand gewinnen. Denn mit ihren Parolen sind sie, wie Jacob Burckhardt sagte, „terribles simplificateurs“, angsteinflößende Vereinfacher, die von ihrer Mission getrieben starrsinnig in den Abgrund lenken.

Doch die Wahlsprüche, die Programme und die Ideen der Führerin des Front National sind zu widerlegen, wenn nötig zu bekämpfen, nicht aber die Person als Ungeziefer zu diffamieren. Nicht einmal dann, wenn Frau Le Pen es ihrerseits täte – denn niemand, dem nur ein Quäntchen Stil zu eigen ist, wird sich auf das Niveau derartiger Schmähungen begeben. Bernard-Henry Lévy hingegen tut dies. Jener von seinem Chic, seiner Eleganz und seiner Unfehlbarkeit überzeugte Schönling, den die amerikanische Zeitschrift „Foreign Policy“ zur Nummer 22 der „100 Top Global Thinkers“ kürte.

Gewiss, er ist keine unbedeutende Göttinger Zuckerbäckerin, sondern – jedenfalls in seinen Augen – die geistige Koryphäe Frankreichs, der sogar der Präsident der Grande Nation sein Ohr leiht. Wunderbar verdeutlichte eine am letzten Samstag in der „Presse“ gedruckte Fotografie die Hybris dieses sich einen Philosophen nennenden Dandys: Das Bild zeigt Bernard-Henri Lévy mit stolzgeschwellter Brust beim Verlassen des Élysée-Palastes.

Genauso darf man ihn sich vorstellen, wie er selbstbewusst über die Straßen des unter seiner Anleitung – so glaubt er – von Gaddafi erlösten Tripolis schreitet. Und krabbelte ein daumengroßer schwarz glänzender Aaskäfer vor ihm, er stiege flugs mit seinem Schuh auf das Tier und dächte, wenn er das Knirschen des Chitinpanzers hört und sich vorstellt, wie das gallertartige Innere des Käfers nach außen quillt, mit Wohlbehagen an Marine Le Pen.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2012)

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6 Kommentare

Nummer 22 der „100 Top Global Trinkers“


... eher

"Um nicht missverstanden zu werden: Kein kluger und verantwortungsbewusster Mensch wünscht sich ein Europa, in dem die politischen Ansichten einer Marine Le Pen oder ihrer Gesinnungsfreunde die Oberhand gewinnen."


auf einen groben klotz gehört ein grober keil !!

die von ihnen propagierte salon-höflichkeit hat noch nie funktioniert, herr taschner.

daher: die methoden, die ein politiker zur verfolgung seiner interessen einsetzt, müssen auch GEGEN diesen politiker eingesetzt werden können.
alles andere entspräche dem schwenken eines weißen tuchs.

Re: "Um nicht missverstanden zu werden: Kein kluger und verantwortungsbewusster Mensch wünscht sich ein Europa, in dem die politischen Ansichten einer Marine Le Pen oder ihrer Gesinnungsfreunde die Oberhand gewinnen."

Wenn ich meinen politischen Gegner genau wegen seiner Art Politik zu betreiben anprangere, und dann seine Methoden anwende,- wodurch unterscheide ich mich noch?
Es kann nicht um Revanchismus gehen - auf politische Marodeure kann nur höhere Besonnenheit vernünftig reagieren.

Antworten Gast: freund?
26.04.2012 10:08
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Re: "Um nicht missverstanden zu werden: Kein kluger und verantwortungsbewusster Mensch wünscht sich ein Europa, in dem die politischen Ansichten einer Marine Le Pen oder ihrer Gesinnungsfreunde die Oberhand gewinnen."



NA , BITTE !

auch der oberst ist für LePen !

endlich vernünftig geworden?

Re: Re: "Um nicht missverstanden zu werden: Kein kluger und verantwortungsbewusster Mensch wünscht sich ein Europa, in dem die politischen Ansichten einer Marine Le Pen oder ihrer Gesinnungsfreunde die Oberhand gewinnen."

schon tragisch, wie viele menschen hierzulande nicht sinnerfassend lesen können und trotzdem (oder gerade deswegen) ihren senf absondern.

Antworten Antworten Antworten Gast: freund?
27.04.2012 10:30
0 0

Re: Re: Re: "Um nicht missverstanden zu werden: Kein kluger und verantwortungsbewusster Mensch wünscht sich ein Europa, in dem die politischen Ansichten einer Marine Le Pen oder ihrer Gesinnungsfreunde die Oberhand gewinnen."





zweitnick, 'oberst'?

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