Sicherheit und Freiheit in einem klug ausgewogenen Maß forcieren die Schule

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Zweifelt der Staat an der Lehrerschaft, schränkt er den Freiraum von Schulen ein. Die Zukunft der österreichischen Schulen hängt allein davon ab, wie gut die künftige Lehramtsausbildung gelingt.

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Am Rädchen der Dienstzeit für Lehrerinnen und Lehrer zu drehen und alles andere so zu belassen, wie es ist, bringt die Schule nicht voran. Dieser Satz stand in der Überschrift meines letzten „Quergeschrieben“. Mit Recht stellten mir einige Leserinnen und Leser die Frage: Was bringt Schule tatsächlich voran? Mein Antwort: Sicherheit und Freiheit in einem klug ausgewogenen Maß.

Schule gibt Sicherheit erstens den ihr anvertrauten Kindern und deren Eltern: Dass sie davon ausgehen können, von Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet und erzogen zu werden, deren fachliche Kenntnisse einerseits und deren pädagogisches Geschick andererseits außer Frage stehen.

Schule gibt Sicherheit zweitens den in ihr wirkenden Lehrkräften: Indem sie Schule als Wirkungsstätte mit einem wohldurchdachten, erprobten und harmonisch abgestimmten Regelwerk mit gut eingespielten zeitlichen und räumlichen Strukturen empfinden, die ihrer Arbeit zuträglich sind.

Schule gibt Sicherheit drittens dem Staat und der Gesellschaft: Weil in der guten Schule den jungen Menschen Fertigkeiten und Kenntnisse fachgerecht so vermittelt werden, dass diese staatsbürgerliches Bewusstsein erlangen und dafür gerüstet sind, sich in der modernen Welt zu bewähren, aussichtsreiche Berufe zu ergreifen und zuversichtlich ihre persönliche Zukunft zu gestalten.

Schule braucht Freiheit erstens, um nachhaltig sowohl die Charakterbildung als auch die Talente junger Menschen fördern zu können. Es wäre lächerlich, hierfür ein rigides Raster vorzugeben. Und statt Lehrpläne „entrümpeln“ zu wollen – was schon seit Jahrzehnten versprochen wurde –, wäre es sinnvoller, ganz auf sie zu verzichten. Zentrale Prüfungen bei Schulabschluss, mit denen das Beherrschen der Mindest- und Regelanforderungen bestätigt wird, genügen vollauf.

Schule braucht Freiheit zweitens, um der Vermittlung der Begeisterung der Lehrerinnen und Lehrer für ihr Fach freien Lauf lassen zu können. Jedenfalls, sobald es nicht mehr um das Einüben von Fertigkeiten geht, sondern um Bildung: sowohl um intellektuelle, wie auch um emotionale, um soziale, ja sogar um handwerkliche und sportliche Bildung.

Schule braucht Freiheit drittens, um ein jeweils eigenes, ihre besonderen Vorzüge und Angebote berücksichtigendes Profil erstellen zu können. In diesem dokumentiert sie, welche Schwerpunkte sie in der Bildung und Ausbildung der Schülerinnen und Schüler setzt.

Der ad nauseam geführte Streit zwischen der Gesamtschule einerseits, der Aufteilung der Kinder mit zehn Jahren auf zwei Schultypen andererseits erübrigte sich, wenn eine bunte Palette verschiedener Schulformen vorläge und es jederzeit problemlos möglich wäre, je nach Eignung und Neigung des Kindes von der einen zur anderen Schule zu wechseln. Die vom Staat verlangten (und nur einen geringen Teil des Unterrichts bildenden) Mindest- und Regelanforderungen an Kenntnissen und Fertigkeiten wären ja von jeder Schule zu gewährleisten.

Freiheit erfordert verantwortungsvolle und urteilsfähige Lehrerinnen und Lehrer. Zweifelt der Staat an ihnen, schränkt er den Freiraum von Schulen ein. Doch dadurch werden sie nicht besser. Folglich hängt die Zukunft von Österreichs Schulen nur davon ab, wie gut die künftige Lehramtsausbildung gelingt.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2012)

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6 Kommentare

Ein paar Fragen

1. Warum spricht bei der Diskussion um Lehrpläne, Bildungsstandards, Zentralmatura usw. usf. niemand über die Schüler? Alle tun so, als wären die Schüler unbeschriebene Tafeln, auf die die Schule im Laufe der Zeit dann die Inhalte schreibt. Und wenn am Schluss der Content nicht stimmt, muss alleine die Schule daran schuld sein. Diese Weltsicht ist doch wohl etwas zu simpel.
2. Ein paar Begriffe sind aus der Schuldiskussion komplett verschwunden: Lesen, Schreiben, Rechnen (Religion sowieso), Lernen, Verantwortung...
Offensichtlich unnötig.
3. Glaubt jemand wirklich, dass Motivation von außen kommt?
4. Bei der Diskussion um Bildungsstandards mußte ich an einen Beitrag von Shapiro/Varian denken, den ich vor einiger Zeit gelesen habe. Die Kernaussage lautete: Die Einführung von Standards (dabei ging es allerdings um technische Standards) führt dazu, dass sich der Wettbewerb verlagert. Er wird ab dann zunehmend über den Preis geführt. Hat das jemand der Zentralmaturafreaks bedacht?

Gast: Fred
13.05.2012 19:02
0

Lehrer aus Leiden-schaft

Heute - Muttertag - musste ich es wieder über mich ergehen lassen, die Herabwürdigung meines Berufes als Lehrer, sogar von meinen eigenen Verwandten: "Jetzt wirds Zeit, dass es a amoi normal hackeln miasts!"...
Danke dafür!
Meine ArbeitgeberInnen müssen Profis sein in Mitarbeitermotivation!

Wenn ich mir die Frage stelle, was ich mir für meine eigenen Kinder in der Schule wünsche, dann LehrerInnen mit Empathie, Wissen (fachlich und pädagogisch), Selbstkompetenz und Methodik und die Fähigkeit ihren Unterricht zu reflektieren. Die LehrerInnen sind zentral wichtig, dass Schule gelingt. Die meisten von uns haben doch in der eigenen Schullaufbahn zumindest einen "guten" Lehrer gehabt. Ich hatte zum Glück einige prägende Lehrerpersönlichkeiten!

Die Schulorganisation bzw. Schulform ist auch wichtig, besonders bei der Frage der Chancengleichheit, aber nicht um bei PISA besser abzuschneiden.

Schulreform braucht Zeit, muss beim Lehrerdienstrecht und bei der Ausbildung beginnen und kann dann zu anderer Schulorganisation führen!
In Österreich passierts leider anders herum, da werden NMS "gemacht", ohne ein fertiges Konzept. Natürlich treten Probleme auf, die dann "irgendwie" gelöst werden müssen, wie zB. die Beurteilungfragen, die Personalfragen oder Gymnasien, die sich wehren!
Was soll ich mir da denken?

"Nehmt die Besten als LehrerIn, bildet sie gut und praxisorientiert aus, motiviert sie, denn die Zukunft eurer Kinder liegt zu einem großen Teil in ihren Händen!"

Schuldebatte ohne Ende

Neben ein paar Leserbriefen haben wir in der heutigen "Presse" auch den Beitrag von Rudolf Taschner. Warum Schule? Warum Probleme? Schon Heraklit wußte: Panta rhei, alles fließt. Da ist einmal die "Wandlung" des Wissens; viel Neues wurde wichtig, dafür musste (sollte) Überholtes aus den Lehrplänen eliminiert werden. Das ist sicher unzureichend geschehen. Doch viel mehr Änderungsbedarf wurde durch gesellschaftliche Veränderungen nötig, die ausschließlich idelogische Hintergründe haben. Schulen wurden vermehrt neben den (Aus-)-Bildungsaufgaben mit Erziehungsaufgaben überlastet. Ja, es gab auch seinerzeit Problemkinder, 1 oder 2 pro Klasse. Heute ist ein/e Lehrer/in froh, wenn er/sie mehr als 3 "nicht Verhaltensauffällige" in der Klasse hat. Dieser zweifelhafte Fortschritt der Linksideologie wird noch immer nicht erkannt. Vor Kurzem schrieb Frau Hamann, es müsste genug sein, wenn 2 Elternteile jeweils 30 Stunden die Woche arbeiteten, es gäbe zu Hause noch genug zu tun. Und wenn stattdessen ein Elternteil 60 Stunden die Woche Erwerbsarbeit nach geht, der andere sich dem Häuslichen widmet, wird diese Familie vom Finanzamt, von der linken Steuerideologie bestohlen.
Dieses Modell würde sicher weniger "gestörte" Kinder produzieren. Selbst die "bürgerliche" ÖVP denkt nicht im Entferntesten daran, etwas zu ändern (wäre mit Haider sicher zu machen gewesen, Blau und Orange jetzt schweigen).
Alle zusammen haben noch immer nicht ralisiert: Der reale Sozialismus ist 1989 gescheitert!

100% Zustimmung

wie immer kommte es auf die Menschen ab-und nicht auf das System-aber wer will das hören,die Politik sicher nicht.

"Folglich hängt die Zukunft von Österreichs Schulen nur davon ab, wie gut die künftige Lehramtsausbildung gelingt."

der fetisch "ausbildung".

egal wie gut ein x-beliebiger mensch ausgebildet ist: wenn er sein erwerbsleben lang jahr für jahr genau den gleichen job macht ohne aussicht auf beförderung oder mal was neues, dann wird er (von wenigen ausnahmen abgesehen) 'suboptimal' vor sich hin werken.

aber von lehrern erwarten wir genau das.

wenn eine bunte Palette verschiedener Schulformen vorläge

diese lag vor, bis die ministerin mit der nms kam.

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