20.06.2013 11:59 Merkliste 0

Ein kleiner Schnitt und seine großen Folgen

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Ein deutsches Gericht will Juden und Moslems die rituelle Beschneidung verbieten. „Na endlich“, schallt es ihm entgegen. Warum so viele Emotionen? Und woher die Genugtuung?

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Wäre man ein religiöser Mensch, die Sache wäre klar. Ein Staat erklärt eines der wichtigsten religionsstiftenden Rituale für illegal; er untersagt Taufen mit Wasser (wegen der Hygiene vielleicht) oder verbietet wegen der Alkoholprohibition die Wandlung von Wein ins Blut Christi: Logisch, dass Christen das als Schlag ins Gesicht empfänden. Schwieriger ist es jedoch draufzukommen, warum auch nicht religiöse Menschen zum Thema Beschneidung eine derart ausgeprägte Meinung haben. Warum es in wenigen Stunden tausende Postings dazu gegeben hat, die allermeisten davon zustimmend.

Ist es, weil man Kindern niemals Schmerz zufügen darf? Vielleicht. Aber so viel leidenschaftliches Mitgefühl würde man sich oft wünschen, wenn Kinder nebenan geschlagen, vernachlässigt, missbraucht, ihren Eltern entrissen oder in Schubhaft gesperrt werden.

Ist es wegen „der Natur“? Vielleicht. In den USA waren es tatsächlich die Hippies, die gegen die dort übliche Beschneidung aufbegehrten. Öko-Fundis wollen der Natur nicht ins Geschäft pfuschen und lehnen deswegen auch Kaiserschnitte, Flaschenmilch und Impfungen ab. Doch normalerweise ist das ein Minderheitenprogramm. Wer sich mit Muttermalentfernungen, Zeckenimpfungen, Zahnspangen, Tattoos und Ohrringen arrangieren kann, müsste auch den Verlust einer Vorhaut für verkraftbar halten.

Ist es wegen der Selbstbestimmung der Kinder? Vielleicht auch das. Aus radikal individualistischer Sicht ist es tatsächlich eine Zumutung, dass Eltern bestimmen, in welchem Milieu ihre Kinder aufwachsen, welche Normen ihnen dabei vermittelt und welche Gewohnheiten gepflegt werden. Ob ihre Eltern Punks oder Hells Angels, Workaholics oder depressiv sind: All das suchen sich Kinder ebenso wenig aus wie deren Gottglauben. Ja, das ist unfair und willkürlich. Wäre aber nur lösbar, indem man Kinder zwangskollektiviert. Will das wirklich irgendjemand?

Die gute Nachricht: Heranwachsend können sie sich aus dem Milieu, in das sie ungefragt eingepflanzt wurden, lösen. Kinder von Punks werden Workaholics, Kinder von Orthodoxen ungläubig – und umgekehrt. Zum Glück schließt keine Religion Männer ohne Vorhaut von vornherein aus, und Atheismus lässt sich beschnitten ebenfalls ganz gut leben.

Es gibt also tatsächlich Gründe, Beschneidungen für überflüssig zu halten. Wie es auch Gründe gibt, im Kopftuch Frauenfeindlichkeit zu erkennen und im Schächten von Tieren Tierquälerei. Doch die Leidenschaft, mit der sich Nichtbetroffene stets empören, wenn diese Themen auftauchen, steht in keinem Verhältnis zum Anlass. Was den Verdacht nährt, es gehe ihnen womöglich gar nicht vorrangig um Kinderrechte oder Frauenrechte oder Tierschutz. Sondern eher darum, „den anderen“ Grenzen aufzuzeigen und in ihre Schranken zu weisen. Sie als rückständig, archaisch, grausam zu punzieren und ihnen klarzumachen, was „hier bei uns“ geht und was nicht.

Religiöse Rituale dienen nicht nur Gott. Sie erfüllen, sogar für Ungläubige, auch eine weltliche Funktion. Mit ihnen zeigt man Zugehörigkeit, Verbundenheit miteinander, sie markieren, wer man ist, und dass man da ist.

Muslimischen Zuwanderern solche Markierungen zu verbieten ist schlimm genug. Wenn ein deutsches Gericht deutschen Juden solche Markierungen verbietet, unter anfeuerndem Applaus des Publikums – dann ist das unerträglich.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2012)

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52 Kommentare
 
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Perverse religiöse Rituale

Wenn man im 21. Jhdt Beschneidungen, Schächten und andere perverse Riten braucht, um Zusammengehörigkeit zu zeigen, und Rassismus, Sexismus vom Staat nicht nur toleriert, sondern durch völlig unangebrachte Privilegien fördert, dann hat die Menschheit das dunkle Mittelalter immer noch nicht überwunden!
Eigentlich wären diese Handlungen der ideale Grund, um endlich einmal den Mafiaparagraphen § 278 nicht nur an Tierschützern, sondern sinnvoll anzuwenden. Mit der deuschen Holocaustkeule als Totschlagsargument zu winken, zeigt auch nicht gerade von Intelligenz, liebe Frau Hamann.
Das für Demokratien richtungsweisende Urteil, das sicher weltweit anerkannt wird, ist ein ethischen Meilenstein. Und wo liegt das Problem, wenn etwas, das rückständig, archaisch, sexistisch, grausam, rassistisch ist, auch als solches PUNZIERT wird? Ich schätze das sehr, weil nur so kann sich die Menschheit endlich von perversen Hirngespinsten, die nur zum Machterhalt dienen, befreien. Wer im Schächten keine Tierquälerei erkennen will, ist entweder dumm oder ein Sadist! NACHDENKEN statt NACHBETEN vor dem Schreiben, Frau Hamann!

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Re: Perverse religiöse Rituale

Pervers ist hier höchstens der Unsinn den Sie von sich geben. Und zum Oberkasperl macht Sie dass Sie anderen User den Intellekt absprechen und Sie als dümmlich und idiotisch bezeichnen weil Sie Ihre hinterweltlerische Meinung nicht teilen. Danke fürs selbst lächerlich machen Sepp!

Gast: Gast: Leser
09.07.2012 12:55
8 0

Frau

Als Frau, und dadurch nicht Betroffene, kann Sybille Hamann ja die Beschneidung locker empfehlen, sie kann sich die Folgen ja auch gar nicht vorstellen, versucht es wohl auch nicht. Ich bin aber überzeugt, dass sie bei den Klitorisbeschneidungen der Mädchen sofort empört aufschreit. Ja, dafür reicht ihre Vorstellungskraft sicher aus.

8 0

Frage

Und wie ist es mit der weiblichen Beschneidung, verwehrt man diesen Mädchen ebenfalls die Zugehörigkeit und Anerkennung?

Gast: emma74
08.07.2012 19:16
10 0

Die erste Frage ist,

ist es Körperverletzung? Zweifellos, weil Körperverletzung schon viel weniger ist, etwa Kratzer oder blaue Flecken, die nach ein paar Tagen heilen. Die Ausrede, dass der Eingriff eh harmlos ist, ändert an der rechtlichen Beurteilung nicht das geringste. Die zweite Frage ist, ist es gerechtfertigt? Da käme nur die Einwilligung des Verletzten infrage. Der ist aber zu klein und kann nicht einwilligen. Die Einwilligung der Eltern ist aber extrem problematisch, weil eine solche nur zur Heilbehandlung erteilt werden kann, das Erziehungsrecht Körperverletzungen aber schon lange nicht mehr umfasst. Dogmatisch ist das deutsche Urteil absolut einwandfrei. Ansonsten hätte man Religion als Rechtfertigungsgrund für Körperverletzungen bei anderen anerkennen müssen, da wäre mir richtig mulmig geworden.

Gast: Schächter
07.07.2012 14:39
0 0

Zerbrechnen wir uns lieber den Kopf über die Beschneidung:

Vielleicht können wir auch das Abnabeln nach der Geburt zum Thema machen! Über das Ausbluten von Tieren bei lebenden Leib wollen war aber nicht reden! Ist ja auch kein "zeitgeistiges" Thema ...

Ideologie verhindert Denken

Das kommt davon, wenn man Ideologie vor abwägendes logisches Denken stellt. Dann muss ich automatisch gegen alles sein, wogegen mein "Feind", also der Andersdenkende ist.
Im Fall Beschneidung:
Endlich hat jemand genau hingesehen, was passiert. Nämlich Körperverletzung von unmündigen Kindern. Auch für das Schlagen von Kindern findet sich biblische Untermauerung. Erlauben wir es deshalb? Nein, denn die Zeiten haben sich geändert und unsere Einsichten in Recht und Unrecht auch.
Die Religionen sollen sich symbolische Akte für ihre rituellen Pflichten ausdenken und die Kinder unversehrt lassen!

Kulturelle und religiöse Traditionen müssen erhalten bleiben

Beschneidung von Mädchen ebenfalls? Angenommen das würde nicht mit rostiger Rasierklinge sondern "richtig" chirurgisch durchgeführt. keine Infektionen, kaum Schmerzen. lediglich ein Stück unnützer Haut im Dienste einer Religion. Laut Fr. H. ist dagegen nichts einzuwenden.

Gast: Be-obachter
05.07.2012 20:19
14 0

Beschneidung von Kindern

ist ein schwerwiegender Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht eines Menschen.

Jeder Mensch sollte bei Erreichen der Volljährigkeit selbst die Entscheidung treffen können, ob er sich beschneiden lassen will, ob er getauft werden will oder sonstiges.

Einen Menschen durch die Vorwegnahme derartiger Entscheidungen ganz einfach vor vollendete Tatsachen zu stellen, kann nicht die Philosophie unserer Gesellschaft sein.

Religiöse Rituale dienen nicht nur Gott.....

sie erfüllen sogar für Ungläubige auch eine weltliche Funktion....?????
Wenn ich an nichts glaube, Frau Hamann, dann erfüllen für mich religiöse Rituale aber schon gar keine Funktion, warum auch!
Welcher Unterschied ist zwischen Moslems und Juden in der Frage der Beschneidung?
Überall werden Kinder absichtlich, aus Tradition und Freude am Feiern, weil es immer schon so war und weil mein Kind mir gehört, verletzt.

Die Empörung ist berechtigt

Es ist wirklich empörend, wehrlose Kleinkinder zu Mitgliedern einer Weltanschauung zu machen. Sie sollten vorher verschiedene Weltanschauungen kennengelernt haben. Das hat mit den "anderen" oder den "unsrigen" nichts zu tun, denn auch die "unsrigen" dürfen mit ihren Kindern nicht alles machen. Der Staat hat recht, für den Beitritt zu Weltanschauungsgemeinschaften ein Mindestalter festzusetzen.

Genitalverstümmelung

Genitalverstümmelung ist ein Verbrechen!

Wo ist sonst die Grenze? Wenn Beschneidung von männlichen Genitalien ok ist, dann will der nächste weibliche Genitalien beschneiden (was noch viel schrecklichere Folgen hat und schwere körperliche und psychische Schäden verursachen) wie das zum Teil in Afrika praktiziert wird.

Lasst die Kinder in Ruhe!

Gast: Michael RAMI
05.07.2012 09:41
21 2

Es ist kaum zu glauben, ...

... dass Frau Hamann tatsächlich befürwortet, dass die Genitalien von männlichen Kindern verstümmelt werden, nur weil dies religiösen Gebräuchen entspricht.

Antworten Gast: schlÄchter
05.07.2012 17:17
13 0

Re: Es ist kaum zu glauben, ...

sg herr rami!

es ist mmn noch viel unglaublicher, dass frau h. und viele andere das in unserem westlichen kulturkreis verfochtene recht auf selbsbestimmung so auslegen/pervertieren, dass damit unterdrückung der selbsbestimmung in parallelgesellschaften gerechtfertigt wird.

kopftuch/burka - die moslemische frau "darf" das kopftuch tragen - ist ja nur ein modetrend, sie kann es ja jederzeit wieder ablegen?
(unmündige!) moslems und juden "dürfen" beschnitten werden, sie können ja jederzeit die religion wechseln (es fehlt halt a kleines stückerl vorhaut)?
tiere "dürfen" geschächtet werden...ja dann sinds halt tot, wie sonst geschlachtete tiere.

und jenen, die das kritisch(er) sehen punzieren die „selbsbestimmten“? herrlich!

ihr enges, egozentrisches – ich behaupte bizarres- weltbild legt frau h. ja unmissverständlich dar.
die schlechte nachricht blendet sie natürlich völlig – vielleicht auch aus unwissenheit oder angst vor der konsequenz - aus:
die lösung aus einem millieu – und besonders einem religiösen – mag in der westl. postchristl. gesellschaft leicht(er) möglich sein, in anderen religiösen millieus hingegen drohen konsequenzen, die sich nicht nur im verlust einer religiösen bestattungsfeier erschöpfen. die beispiele erspare ich mir.
sogesehen ist dieser gastkommentar/diese weltsicht und diese auslegung des selbsbestimmungsrecht ein schlag in das gesicht all jener die tatsächlich aus ihrem religiösen/sozialen millieu ausbrechen wollen.
mfg
s.

Re: Re: Es ist kaum zu glauben, ...

Sehr geehrter Herr s.,
wie so oft (außer bei wenigen Themen) bin ich auch hier wieder zu 100% d'accord mit Ihnen. Danke für Ihre unmissverständlichen Stellungnahmen im Sinne von Vernunft und Humanismus!
Eine Frage beschäftigt mich jedoch schon lange. Wie kommts zu Ihrem gar nicht zum Inhalt der Postings korrespondierenden Nick?
Mit freundlichen Grüßen
c.

Antworten Antworten Antworten Gast: schlÄchter
07.07.2012 09:51
0 0

Re: Re: Re: Es ist kaum zu glauben, ...

sg citoyenne!
danke für ihr freundliches posting, ich schätze ihre kommentare auch, und (gelegentliche) meinungsunterschiede regen ja die diskussion an, zwinegn zur selbstreflexion.

mein nick:
1. der CR der presse hat den namen "metzger"
2. gegenüber selbsternannten guten soll es aben auch eine schlechte gegenposition geben
und 3. soll eben nick und inhalt den von ihnenangesprochenen "positiv2-effekt haben - bei wohlmeinenden postern, andere weniger wohlmeinende bestätige ich ja in ihrer ablehnung durch die nickwahl...;-)

beste grüße undnochmals danke
s.

sehr guter artikel



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Das die Rechten hier

so in die Luft gehen zeigt: Frau Hamann hat mit Ihrem Artikel den Nagel auf den Kopf getroffen.

Weiter so!

Re: Das die Rechten hier

Schade, dass hier nicht ein INTELLEKTUELLER Linker postet, die gibt es ja auch (sogar viele und humanistisch gebildet), aber die vertreten wohl nicht eine so bescheuerte, dümmliche Ansicht!

Antworten Gast: malleus
05.07.2012 02:24
14 0

das und dass

Tja, in der Gesamtschule lernt man das (oder doch dass?) nicht.

Aber: Warum ist man automatisch rechts, wenn man gegen Körperverletzung eines Unmündigen ist?

Religiöse Rituale dienen nicht nur Gott?

Sie dienen dem Zusammenhalt einer Gemeischaft und der Bewahrung von Traditionen. Nirgendwo verlangt Gott die Entfernung von Körperteilen.
Inwiefern ist es also Gott gedient, wenn man Kleinkindern Schmerzemn zufügt und ihnen einen Teil des Körpers wegschnipselt? Es ist logisch nicht nachvollziehbar.
Männer werden mit Vorhaut geboren. Warum sollte sich Gott nachträglich ins Handwerk pfuschen lassen?
Dass es sehr viele Kommentare dazu gibt, ist vom Blickwinkel der Männer erst recht verständlich.
Wie, gute Frau, würden Sie argumentieren, wenn man Ihnen die Klitoris wegschnipselte?
Auf jeden Fall wären Sie seelisch und körperlich gebrandmarkt für den Rest Ihres Lebens.

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Re: Religiöse Rituale dienen nicht nur Gott?

Sie haben den Artikel nicht verstanden.

Re: Re: Religiöse Rituale dienen nicht nur Gott?

Die Argumentation Hamanns war so eindeutig, dass es nichts gab, das misszuverstehen war.
Dass Ihnen meine Antwort nicht zusagte, ist eine ganz andere Sache.

Gast: George Orwell revisited
04.07.2012 14:55
6 0

Völlig richtig!

"Muslimischen Zuwanderern solche Markierungen zu verbieten ist schlimm genug. Wenn ein deutsches Gericht deutschen Juden solche Markierungen verbietet, unter anfeuerndem Applaus des Publikums – dann ist das unerträglich."

Völlig richtig! Moslems sind ja weniger wertvolle Menschen.

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Entlarvend...

...ist der letzte Absatz. Sollten nicht vor dem Gesetz alle Menschen gleich sein? Nicht bei Fr. Hamann, dort ist nämlich ein Gerichtsentscheid deswegen unerträglich, weil er sich (negativ) auf Moslems und Juden auswirkt.
Mir selbst fällt es schwer zu entscheiden, auf welcher Seite, Befürworter oder Gegner des Urteils, ich mich wohler fühle, aber Fr. Hamann hat für ihre Gegnerschaft die denkbar schlechteste Begründung gewählt.

Antworten Gast: schlÄchter
04.07.2012 15:56
5 0

Re: Entlarvend...

sg joqer!
sie bringens auf den punkt.
+
mfg
s.

 
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