26.05.2013 08:51 Merkliste 0

Angst essen Seele auf Auch in Mexiko

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

60.000 ungeklärte Morde gab es in fünf Jahren. Jeden kann die Gewalt treffen, und niemandem kann man vertrauen. Für eine Gesellschaft hat diese Unsicherheit verheerende Folgen.

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Mexiko hat einen neuen Präsidenten gewählt. Was für die Mexikaner leider keine wirklich relevante Tatsache ist. Weil ihr Leben von etwas anderem beherrscht wird, woran der neue Präsident so wenig ändern wird wie der alte: von Gewalt und von der Angst davor.

Gewalt und Angst sind nämlich ein Zwillingspaar, das erst gemeinsam seine volle Kraft entfaltet. Gewalt tut einem Individuum weh. Aber erst die Angst, dass sie einen (oder die eigenen Kinder) nächste Woche, morgen, in einer Stunde oder jetzt gleich treffen kann, irgendwo, ohne Vorwarnung, egal, was man tut – das macht einen kaputt. Zerstört Beziehungen, Stadtviertel, Wirtschaftssysteme, öffentliches Leben, ganze Staaten. Mexiko kann dafür als Forschungsfeld dienen.

60.000 gewaltsame Tode gab es dort in den letzten fünf Jahren. Aber in Mexiko herrscht weder Krieg noch Diktatur, weder Hunger noch Naturkatastrophen. Die 60.000 waren keine Soldaten, sondern Studentinnen, Geschäftsleute, Tagelöhner, Lehrer, Polizistinnen, Obdachlose oder Buchhalter. Sie wurden bedroht, beraubt, erpresst, vergewaltigt oder entführt, dann geköpft, erstochen, erschossen, erdrosselt, überfahren oder verschwanden einfach spurlos. Manchen schnitt man Finger, Beine oder Genitalien ab. Die Leichen finden sich schließlich in Gruben, am Straßenrand, im Wald, in Müllsäcken oder mitten auf öffentlichen Plätzen.

Unendlich viele Gesichter hat diese Gewalt, stets transportiert sie dieselbe Botschaft: Der blutige Haufen, der da liegt und von Maden gefressen wird – das kannst auch du sein, wenn du etwas falsch machst. Aber was falsch und richtig ist, erfährst du vorher nicht. Wir sagen dir nur: Ein Auftragskiller kostet 80 Dollar. Was der mit dir machen kann, siehst du auf Video, kostenlos im Internet.

„Pantalla“ heißt Bildschirm, Leinwand, Projektionsfläche. Es ist eines der Lieblingswörter der Mexikaner, wenn sie versuchen, ihr System zu beschreiben. Man weiß nie, was dahintersteckt, zu fassen kriegt man es nie. Nichts ist, was es scheint. Nichts ist echt. Verbrecher verkleiden sich als Polizisten. Polizisten verkleiden sich als Verbrecher. Polizisten sind Verbrecher. Oder täuschen Verbrecher, weil sie mit anderen Verbrechern unter einer Decke stecken. Soldaten täuschen Polizisten. Politiker täuschen Soldaten und umgekehrt. Aber den Richtern, die all diese Leute verurteilen, und den Gefängniswärtern, die sie bewachen müssten, kann man ebenso wenig trauen. Wem nützt man, wenn man jemanden verrät? Wessen Rache beschwört man damit herauf?

Es geht um Drogen. Um Amphetamine, „Meth“ genannt, für den amerikanischen Markt, und um sehr viel Geld. Das eine Kartell versucht, dem anderen Kartell Territorien abzujagen. Doch der Krieg, den der scheidende Präsident Felipe Calderon den Drogenbossen erklärt hat, hat alles noch schlimmer gemacht: Denn wenn der Hydra ein Kopf fehlt, wachsen sieben Köpfe nach, die erst miteinander klären müssen, wer die Befehle gibt.

Vorübergehende Linderung, kurze Momente der Ruhe, kann in dieser teuflischen Logik nur erhoffen, wer kapituliert. Wer Schutzgeld zahlt, die Stärkeren gewähren lässt, die Segel streicht, sich der totalen Ohnmacht ergibt.

„Leo“ heißt der Ort, an dem man sicher ist, zumindest beim Fangenspielen. Kein Leo zu haben – es muss einen verrückt machen.


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Sibylle Hamann

ist Journalistin in Wien.

Ihre Website:

www.sibyllehamann.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2012)

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6 Kommentare
Gast: Hirni100
14.07.2012 08:51
0 1

Methaper

H. meint natürlich nicht den Drogenkrieg, H. denkt an Schutzgeld für "Reiche". Gewaltphantasie im Gleichnis verpackt.

Gast: Hupfingatsch
12.07.2012 10:22
3 1

Leo

Angst essen Seele auf auch in Mexico?
Geschreibsel macht Kopf kaputt jetzt auch Presse!
Wo finde ich nur mein journalistisches Leo?

Gast: Gast: Leser
11.07.2012 13:42
4 0

Lösung

Es gibt eine ganz einfache Lösung dieses Problems: Freigabe der Drogen. Damit ist auf einen Schlag die Drogenmafia ihres Tätigkeitsfeldes beraubt, niemand muss mehr jemanden ermorden, um Drogen verkaufen oder konsumieren zu können (weil ja der Preis sofort wesentlich sinken würde) und - sogar wenn es vielleicht mehr Drogentote geben sollte: 60.000, so wie jetzt durch den Drogenkrieg, werden es auf keinen Fall sein, höchstens ein Bruchteil davon. Das ersparte Geld könnte der Staat für Aufklärung und Behandlung der Süchtigen aufwenden. Aber das wird wohl nicht kommen, lieber lassen sich die Regierungen auf einen sinnlosen Krieg ein, der ohnehin nicht zu gewinnen ist (gegen Drogen gekämpft wird ja praktisch seit den 50er Jahren - und, was ist das Ergebnis? Weniger als Null!). Offenbar hat niemand - und am allerwenigsten die USA - aus der Prohibition der 30er Jahre gelernt: sie war natürlich nicht aufrecht zu erhalten, dafür haben sich damals die Mafia- und Gangsterstrukturen gebildet, die heute den Drogenhandel beherrschen.

Re: Lösung

die kostenrechnung fällt sogar noch viel positiver aus, wenn man auch berücksichtigt, dass ein durch den staat organisierter verkauf mehrwert- und gewinnsteuern bringen wird. und die negativ-folgen kleiner ausfallen würden, da kaum verschnittene drogen in umlauf kämen.

doch kann man von einer mehrheit vernunft verlangen in einer sache, die sie nicht persönlich betrifft? die würde wohl erst einkehren, wenn man die legale volksdroge #1, alkohol, ähnlich behandeln würde, wie die bösen illegalen drogen.

Antworten Antworten Gast: Gast: Leser
12.07.2012 12:24
1 0

Re: Re: Lösung

Es gibt ja auch keine logische Begründung dafür, dass einerseits Rauschgift, ja sogar das relativ harmlose (und nicht süchtigmachende) Cannabis verboten ist, die Drogen Alkohol und Tabak aber durchaus legal sind. Nicht, dass ich letztere auch verbieten möchte, im Gegenteil, ich finde, dass man grundsätzlich keinem Erwachsenen Menschen vorschreiben kann und darf, was er konsumiert bzw. sich selbst antut, solange er niemand anderen schädigt. Und um das Argument der Schädingung der Allgemeinheit durch die Therapie- und verwandten Kosten zu relativieren, möchte ich nur die Kosten durch Alkoholiker und Raucher sowie die entsprechenden Trinkerheilstätten und Lungenkrebssanatorien anführen. Entweder alles (verbieten oder erlauben) oder keines.

Gast: Vivia
10.07.2012 23:12
0 0

Die Mexikaner erleiden die gerechte Strafe für‘s …

- Dulden,
- Wegschauen,
- Mitnaschen am großen Drogengeld.
Nur wenn sie gemeinsam gegen die organisierte Kriminalität aufstehen, dann wird sie auch verschwinden. Sizilien könnte dafür ein Beispiel sein.

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