Er hat ein schmales Gesicht mit zarten Zügen. Weiche blonde Haare und einen aufgeweckten Blick. Er trägt feinen grauen Zwirn, einen einreihigen Anzug mit silbernen Knöpfen und akkurater Bügelfalte. Seine Krawatte ist zu einem dicken Knoten gebunden, sie hängt ihm über den Hosenbund.
Kolja Lukaschenko ist 120 Zentimeter groß und sieben Jahre alt. Sein Vater, Alexander Lukaschenko, ist Präsident von Weißrussland. Kolja begleitet ihn zu Ordensverleihungen, auf Dienstreisen und VIP-Tribünen. Manchmal nimmt er die Militärparade ab. Dann trägt er eine goldene Pistole. Kolja wurde von seinem Vater als Nachfolger designiert, jetzt schon, „für die Zeit in 20, 25 Jahren“.
Wie es dem siebenjährigen Kolja geht, so geht es Königskindern in Monarchien seit Menschengedenken. Der Habsburger Kronprinz Rudolf wurde als Vierjähriger in Uniform gesteckt und auf ein Kavalleriepferd gesetzt, um sich daran zu gewöhnen, wie sich das anfühlt. (Er war nicht der Einzige, der an dieser Last zerbrechen sollte.)
Noch seltsamer sind solche dynastischen Rituale jedoch, wo angeblich das Volk regiert: in Aserbaidschan, wo der herzkranke Hajdar Alijew seinem Sohn Ilham die Herrschaft weitergab, in Syrien, wo Bashar al-Assad Krieg gegen sein eigenes Volk führt, in der Nachfolge von Hafez, seinem Vater, in Haiti, das „Papa Doc“ Duvalier seinem noch grausameren Sohn „Baby Doc“ vererbte, und im Kongo, wo die Macht nach dem Tod von Laurent-Desiré Kabila direkt auf dessen Sohn Joseph überging. In der Volksrepublik Nordkorea herrschen die Kims in dritter Generation.
Warum machen die das? Erstens: aus Angst. Wer Macht usurpiert hat, kennt sich aus, wie das geht. Und weiß, dass Staatsstreiche umso erfolgversprechender sind, je näher der Putschist dem Machthaber steht und je mehr Vertrauen er genießt. Im Umkehrschluss heißt das: dass ein Usurpator gerade seinen allerengsten Mitstreitern und Beratern nie, niemals vertrauen und sich auf ihre Treue nie, niemals verlassen darf. Nur Blutsverwandtschaft zählt. Zweitens verrät die dynastische Erbfolge groteske Selbstüberschätzung. Despoten rechtfertigen ihre Herrschaft, indem sie behaupten, sie wüssten als Einzige, was ihren Untertanen guttut: Ohne mich seid ihr verloren. Was logisch bedeutet, dass sie sich in ihrer Rolle grundsätzlich unersetzbar fühlen. Ersetzbar nur durch jemanden, der genetisch fast derselbe ist.
Was die dritte Antriebskraft verrät: den Wunsch, die Zeit anzuhalten. Die Welt auf dem Höhepunkt der eigenen Machtfülle stillstehen zu lassen und diesen Moment in Endlosschleife zu wiederholen. Eigentlich kann so etwas nur ein Gott. Einem Sterblichen gelingt es bloß, wenn er als sein eigenes Kind quasi wiedergeboren wird – und immer wieder von vorn anfangen kann.
Lukaschenko zeigt alle drei Symptome in beklemmender Deutlichkeit. Kolja ist ein Kind ohne Geschichte. Seine Mutter kommt in der Öffentlichkeit nicht vor, eigene Biografie hat er keine, „die Umstände seiner Geburt sind nicht wichtig“, sagt Lukaschenko. Kolja existiere nur durch ihn, in seiner Nähe. „Wenn ich nicht zu Hause bin, isst er nicht und schläft er nicht. Ich muss ihn überallhin mitnehmen, denn er ist an mich geheftet wie ein Teil meines eigenen Körpers.“
Armer Kolja. Doch es soll schon Kinder gegeben haben, die die Erwartungen ihrer Väter enttäuschten.
Reaktionen senden Sie bitte direkt an: debatte@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2012)















