Was ist ein Auto? Es ist mehr als ein Fortbewegungsmittel. Es ist ein großes Versprechen. Steig ein, drück aufs Pedal – und tu, was du willst. Du kannst rechts fahren oder links, wie du grade Lust hast, nichts hält dich auf, nichts schränkt dich ein. Kein Fahrplan, kein Ticketkauf, kein demütigendes Warten auf den Anschlusszug. Im Auto bist du Herr über dein Schicksal, wählst dein Ziel, und wo immer ein Weg ist, kannst du fahren. Das Auto sagt: „Nimm mich, kauf mich, und du bist frei.“
Selbstverständlich sind das alles Lügen. Wer je in einem Auto gesessen ist, weiß, dass es mit der Freiheit dort nicht weit her ist. Vorn und hinten wird sie von Stoßstangen begrenzt, rechts und links von Sperrlinien, rundherum von Verkehrszeichen, vorn ist ein Rotlicht, hinten ein Idiot. Ökonomisch reicht die Freiheit nur, so weit der Sprit einen trägt. Zeitlich reicht sie nur, solange die Kinder nicht quengeln und das Pickerl gilt. Und räumlich? Oje. Man kann halt leider nur hinfahren, wo man das Auto auch abstellen kann. Wo es nicht zu gefährlich ist (Autodiebe!) und nicht zu teuer (Tiefgaragen!), nicht zu voll (Strafmandat!) und nicht zu mühsam (Parkscheine!).
So gesehen taugt die Debatte ums Parkpickerl trefflich dazu, das gesamte Auto-Freiheit-Paradox auf den Punkt zu bringen. In Ottakring dürfen irgendwann nur noch Ottakringer Autos stehen, in Mariahilf nur noch Mariahilfer Autos, und in Perchtoldsdorf nur noch Perchtoldsdorfer Autos (zumindest, wenn es nach Madeleine Petrovic und den niederösterreichischen Grünen geht). Zu Ende gedacht heißt das: Das Auto bleibt, wo es ist. Vor der eigenen Haustür, in der eigenen Garage. Man geht es jeden Tag besuchen, schaut nach, ob es noch da ist und ob es etwas braucht. Man putzt die Scheiben, poliert die Radkappen. Füllt Öl nach. Kontrolliert die Kontrolllämpchen. Saugt die Fußmatten. Drückt verstohlen auf die Hupe. Freut sich am Geruch, am Material, an der Metallicfarbe. Greift alles an. Redet darüber – über die Leasingraten, die fetten Bässe und das ABS, und zeigt dem Nachbarn stolz die neu erworbenen Extras.
Ab und zu fährt man eventuell sogar eine Runde. Entweder in die Stadt oder – wenn es dann eine Citymaut gibt – nur um den Häuserblock. Ohne auszusteigen, selbstverständlich, denn es ging ja bloß ums Fahren. Dann stellt man das Auto wieder dort ab, wo es hingehört: daheim. Und es ist endlich auf das reduziert, was vielleicht immer schon seinen Wesenskern ausgemacht hat: Lustobjekt, Spielzeug, Freund, Fetisch oder Statussymbol zu sein. Bloß kein nützliches Fahrzeug.
Womit nur eine nicht ganz unwichtige Frage offenbleibt: Wenn das Auto Menschen nicht mehr von A nach B bringen kann, vom Wiener Umland in die Stadt, von der Wohnung in die Arbeit, von der Arbeit ins Geschäft, in den Kegelklub und von dort weiter zu Tante Berta – welches Fahrzeug nehmen wir denn dann?
Das wäre der Moment, in dem alle, die nüchtern denken können, eigentlich über den öffentlichen Verkehr im Wiener Umland reden müssten. Über pünktliche Schnellbahnen, leistungsfähige Straßenbahnen, dicht getaktete Busse, überregionale Anschlüsse, ein engmaschiges Netz von Sammeltaxis in die hintersten Winkel des Landes, rund um die Uhr, und über ein einfaches und übersichtliches Tarifsystem. Alles, was es einem erleichtern würde, ohne Auto frei zu sein. – Seltsam, wie still es zu diesem Thema ist.
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Sibylle Hamann ist Journalistin in Wien. Ihre Website: www.sibyllehamann.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2012)















