23.05.2013 03:36 Merkliste 0

Am Rande des Sonnensystems: Hut ab vor den Kärntner Spaßverderbern

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Sie verweigerten sich. Gehörten nicht dazu, wenn die Mächtigen „wir“ sagten, wenn sie schunkelten, lachten und ausgrenzten. Sie hatten es nicht leicht. Aber, das sieht man jetzt: Sie haben recht behalten.

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Es ist heute keine große Kunst, festzustellen, dass etwas im „System Kärnten“ faul war, all die Jahre lang. Und es ist billig, im Nachhinein zu behaupten, man habe es eh schon immer gewusst. Doch es gibt in Kärnten Menschen, die es auch früher schon gewusst – und gesagt haben. Leute wie Rolf Holub, der grüne Abgeordnete, der den Hypo-Untersuchungsausschuss leitete, und mit seinen Recherchen gegen die verhaberte Politikerkaste nicht locker ließ. Leute wie Angelika Hödl, die als Bürgeraktivistin jahrelang Menschenrechte und Rechtsstaat verteidigte – speziell, wenn es um die Rechte von Asylwerbern und anderen Underdogs ging. Wie Josef Winkler, der Schriftsteller, der sich dem verordneten Konsens konsequent entzog und über Kärnten stets sagte, was er für notwendig hielt. Oder Bachmann-Preisträgerin Maja Haderlap, die im Kärntner Narrativ beharrlich stets auch die zweite, verborgene, verleugnete Stimme mitklingen ließ – die slowenische.

Es gab einige. Intellektuelle und einfache Leute mit Zivilcourage. Kulturschaffende und Angestellte, Wirte und Bäuerinnen. Menschen, die in Kärnten blieben, es zu verändern versuchten, statt wegzuziehen. Die das Land mochten und dem System trotzten. Doch sehr viele waren es nicht. Und leichtes Leben hatten sie keins.

Wie mag es sich angefühlt haben, jahrelang? Rundherum sind immer alle lustig, und alle gehören dazu. Hier ein Frühschoppen, dort eine Straßeneröffnung, ein Bieranstich, ein Feuerwehrfest, der Villacher Fasching und die Fête Blanche. Rundherum ein lärmendes, schulterklopfendes, stets gut gelauntes „wir“, dem man sich anschließen könnte. Man könnte GTI fahren, Beachvolleyball spielen, Dirndl anziehen, bei dem Rave abtanzen. Oder zumindest fröhlich mitschunkeln, wenn es die anderen tun.

Es ist wie damals, bei der bestimmenden Clique auf dem Schulhof: Wer lustig und fesch ist, hat gute Chancen, dabei zu sein. Wer am lautesten lacht, wenn der Cliquenanführer einen Witz macht, steigt zum Statthalter des Anführers auf. Dann kann man andere aufnehmen oder ausgrenzen, ermuntern oder auslachen, belohnen oder bestrafen, je nachdem.

Wer „wir“ ist, kann damit rechnen, dass man sich um ihn kümmert. Mit einem Job, einem Preis, einer Förderung, einer Beförderung, einem Direktorenposten, einem Auftrag. Oder zumindest mit einem Heizkostenzuschuss oder hundert Euro in bar aus der Hand des Landeshauptmanns. „Unser Geld für unsere Leut“: Der FPÖ-Spruch kriegt da einen sehr ehrlichen Klang. Genau wie das Plakat, das nach Haiders Tod affichiert wurde: „Wir passen auf dein Kärnten auf“.

„Wir“, „uns“: Irgendwann sind das dann fast alle. Ordnen sich willfährig in konzentrischen Kreisen um die Sonne. Und nur noch ein paar seltsame Gestalten bleiben übrig, ganz am Rand, außerhalb des Planetensystems. Sonderlinge. Störrische. Einzelgänger. Underdogs. Randalierer. Spaßverderber. Chaoten. „Kerzerlträger“, „Nestbeschmutzer“ und „Landesverräter“, wie sie heute noch genannt werden. Nicht ernst zu nehmen. Dumm. Arm. Selber schuld.

Kärntens Sonderlinge haben nicht sicher wissen können, dass sie eines Tages objektiv recht behalten würden. Dass sich ihr Misstrauen gegen die Stets-Lustigen bestätigt, und ihre trotzige Verweigerung im Nachhinein als gute Menschenkenntnis entpuppt.

Sie haben dennoch durchgehalten, all die Jahre. Hut ab.


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Zur Autorin:

Sibylle Hamann
ist Journalistin in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2012)

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17 Kommentare
Gast: Free
02.08.2012 21:40
6 0

Lächerlicher Kommentar

Gegen Wien sind die in Kärnten Waisenknaben - sozusagen Anfänger der ersten Stunde.

Antworten Gast: Gast: Leser
04.08.2012 10:10
4 0

Re: Lächerlicher Kommentar

Und Wien beweist noch etwas: wenn man die Grünen an die Fleischtöpfe lässt, sind sie sofort Teil des Systems und unterscheiden sich nicht im Geringsten von denen, die sie aus der Oppositionsrolle so hart kritisieren.

Äpfel und Birnen

Kritiker ist nicht gleich Kritiker. Die klar illegale Korruption ist nicht das gleiche wie zwar dämliche, populistische und unmoralische, aber von der Mehrheit legitimierte Wählerbestechung durch Beihilfen und dergleichen. Kritisiert gehört beides, aber doch auf andere Art.
Und selbst wenn ein System - so wie in Kärnten - tatsächlich schwere Mißstände zuhauf aufweist ist noch lange nicht jeder Kritiker des Systems im Recht. Es kommt schon darauf an was er denn eigentlich kritisiert.

Milton Friedman war in meinen Augen z.B. ein idealer Kritiker. Er hat frei von der Leber und ganz offen weg auf alles hingewiesen, was aus seiner Sicht schlecht läuft, das aber nüchtern sachlich und hatte - Pragmatiker der er war - trotzdem kein Problem damit die positiven Seiten des schlechten Systems zu genießen, so lange denn die Mehrheit gegen seinen Rat das System doch am Leben gehalten hat.
Und Recht hatte er meistens auch noch.

Leider hat er nicht in Kärnten gelebt.

4 0

Wehleidigkeit

Warum ist es kindisch oder wehleidig, wie die verbissen blindwütigen Blaufresser als Kommmenatoren schreiben, wenn man von Frau Hamann auch wissen möchte, was sie vom niederösterreichischen und Wiener Sonnensystem hält.

Gast: beschwerer
01.08.2012 19:41
4 3

ich find Sie sonst

zu hysterisch-politkorrekt, aber diesmal sind Sie wirklich gut. Respekt, Madame!

chapeau frau hamann

dem ist nichts hinzuzufügen.

Tucholsky hat das einmal so formuliert:
Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.

Gast: gggggg
01.08.2012 12:18
9 0

Immerhin gibt es auch einige wenige vernünftige Stimmen im Lande (auch hier im forum)

die darauf hinweisen, dass es in anderen Bundesländern u. generell in der österr. Politik, weit schlimmere Sauereien gibt. Kärnten gehört aufgearbeitet, keine Frage, aber das Ekelhafte an dieser Kärnten-Hysterie ist ihre Verlogenheit. Da wird versucht – mit einem lächerlich/pathetischen Gestus der moralischen Empörung – vom wahren Skandal abzulenken. Der wahre Skandal ist die abstruse, antidemokratische Machtpolitik von SPÖ & ÖVP. Diese beiden Parteien, die nur noch über knapp 50% kommen, haben sich unser Land zu 100% unter den Nagel gerissen, haben alle Positionen u. Institutionen mit willfährigen Parteigängern besetzt u. das Land mit ihrer unverfrorenen Freunderlpolitik an den Rand des Abgrunds gezerrt. Die 2 Spezial-Beispiele: die irren Pensionsprivilegien der ÖBB-ler kosten Milliarden, ebenso die aberwitzigen Agrarsubventionen, (u.a. an Industriebetriebe u. Großgrundbesitzer). Ebenso unerträglich ist die Höhe der Parteienförderung, die verantwortungslose Verschwendungspolitik vieler Landespolitiker, die sich als irgendwelche Operettenfürsten zu fühlen scheinen, (große Ausnahme Voves! Gehört vor den Vorhang), von den Umfärbungen u. Inseraten Faymanns oder den Privilegien der Wr. Beamten ganz zu schweigen. DAS alles, Fr. Hamann, ist nicht nur am Rande sondern außerhalb des Sonnensystems. Onkel Erwin sowieso. Ja, es müssen in Kärnten alle notwendigen – rechtsstaatlichen! - Konsequenzen gezogen werden, aber nicht nur in Kärnten. Davon sind wir allerdings Lichtjahre weg.

Das fatale an Kärnten ist, dass man darüber die anderen Bundesländer, allen voran NÖ und Wien vergißt!

NÖ hat absolut den größten Schuldenstand aller Bundesländer und die absolute Gehorsamkeit seiner Vasallen erreicht!
Wien glänzt detto mit einer gigantischen Verschuldung, die mit einer Zeitbombe des Wiener Pensionssystems wird aufwarten können!

Nicht umsonst, weist die OECD in ihrem Korruptionsbericht Österreich hinter Bulgarien aus - Hut ab Bulgarien!

Und "Kärnten" kann man mit "Wien" ersetzen


und die Geschichte stimmt auch wieder!

Antworten Gast: Sozialrat
01.08.2012 09:36
2 1

Re: Und "Kärnten" kann man mit "Wien" ersetzen


nur sind die "Intellektuellen" in Wien schmähstad und spielen mit.

Als Nachwuchsakademien

sind sozusagen die Staatsbetriebe und halbstaatlichen Unternehmen für diese Sonnensysteme zu betrachten. Denn dort fangen diese Mauscheleien auf Steuerzahlerkosten schon an.

Gast: Gelernter Österreicher
31.07.2012 22:38
1 3

Die Österreicher sind durch und durch korrupt

Die Unsitten in der hohen Politik sind da rein gar nichts, denn rein prozentuell gesehen geht z.B. beim Elternverein schon weit mehr durch. Und ja net glauben, dass der der Böse ist, der sich seinen Anteil einstreift, nein der Whistleblower wird gemoppt. Diese Leute haben zumindest persönlich kein Geld genommen, denn das Geld war für die Partei.

Gast: Schärfere Antikorruptionsgesetze
31.07.2012 22:26
3 0

2x so viel Parteienförderung nur um den Korruptionsentgang zu kompensieren

Die Blauen waren halt im Stress, denn sich wie Rot und Schwarz die Versorgungsposten zu schieben ist halt nicht so leicht auf die Schnelle gegangen. Aber vielleicht hat man sich auch nur das AKH zum Vorbild genommen, denn es wurde durch Bestechung, Veruntreuung und Amtsmissbrauch zum teuersten Krankenhausbau Europas.
Unser Bundeswerner macht es da schon viel geschickter, denn er ruft halt bei irgendeinem staatsnahen Unternehmen an, und schon müssen sie für ihn ein Inserat schalten. Da gibt es keinen Umweg über die Parteikasse, wo dann erst wieder eine Werbeagentur beauftragt wird.

14 2

Schreiben's doch mal über das "Wiener System"

Es fängt damit an, dass für die Hypo Alpe Adria bis jetzt 1,7 Mrd EUR Steuergeld aufgewendet wurden, und für die Wiener "Kommunalkredit" 4,8 Mrd EUR.
Und endet bei den 7 Millionen für den Werner.

Re: Schreiben's doch mal über das "Wiener System"

es ist kindergartenniveau, mit dem finger auf andere zu zeigen ("der hat ja auch, tante...!"), wenn man selbst oder der enge freund den kakao absichtlich auf den teppich geschüttet hat.

Antworten Gast: weidinger
01.08.2012 09:44
2 4

Re: Schreiben's doch mal über das "Wiener System"

tut der ausgezeichnete artikel von der fr. hamann so weh, dass sie nicht hinschauen wollen, sondern auf den "werner" ablenken?

Antworten Antworten Gast: schlÄchter
01.08.2012 12:10
8 0

Re: Re: Schreiben's doch mal über das "Wiener System"

sg weidinger!

frau h. lebt in wien und wäre es doch durchaus interessant oder darf gefragt werden, wie sie die situation dort empfindet bzw. ob sie sich in wien zu den "verweigerern" oder zu den "wirs"-systemerhaltern und verteidigern zählt?

mfg
s.

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