24.05.2013 20:23 Merkliste 0

Man nimmt halt, was man kriegen kann – und jetzt ist nichts mehr davon übrig

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Oft war der Schlecker das einzige Geschäft im Dorf und der einzige Arbeitgeber für Frauen. Jetzt ist er pleite. Nur dem Firmengründer, dem geht es immer noch ganz gut.

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Bei Schlecker ist es ruhig. Haarshampoo kriegt man noch. Außerdem den Bauch-weg-Gürtel um 7 Euro 99 (statt 19,99). Oder einen „Merlot Vino2go“, wahrscheinlich eine Art Wein um 12 Cent, in der praktischen Aludose. Nein, besonders schick war Schlecker nie. Weder die Geschäfte noch das Design, weder die Waren noch die Werbung. Weder die dort einkaufenden noch die dort arbeitenden Menschen. Aber Schlecker war oft das Einzige, das es gab.

In toten Ortskernen, zum Beispiel. Kein Wirtshaus da, kein Postamt, kein Schuhgeschäft, kein Kaffeehaus. Keine Menschen, keine Schaufenster, keine Waren, keine Kommunkation. Greißler oder Supermarkt oder Imbissstand auch keiner, weil ja alle hinausfahren wollen zum Billa oder Interspar am Ortsrand, wo es den tollen großen Parkplatz gibt. Nur „der Schlecker“ hielt auf den verödeten Hauptplätzen vieler Kleinstädte und Großdörfer Österreichs die Stellung. Der war fast überall. Obwohl man oft vielleicht eher frische Semmeln gebraucht hätte als billiges Haarshampoo. Aber man nimmt halt, was man kriegen kann. Besser als nichts.

Auch auf brachliegenden regionalen Arbeitsmärkten war Schlecker oft der Einzige. Da hat man sich, unter vielen Mühen und Entbehrungen, ein Haus gebaut, auf billigem Grund, in einer strukturschwachen Gegend. Hat offene Rechnungen und Schulden bei der Bank. Ein Kind in der Schule, eins im Kindergarten, aber sowohl Schule als auch Kindergarten sperren schon um zwölf Uhr mittags zu. Kein Auto tagsüber, denn das nimmt immer der Mann, der frühmorgens in die Schicht fährt. Kein Bus, der fährt nur zweimal täglich. Wo soll eine Frau unter diesen Umständen Arbeit finden? Für fünfzehn Wochenstunden höchstens, ausschließlich vormittags und in einer Entfernung, die sich notfalls mit dem Fahrrad machen lässt?

Was blieb, war der Job als Schlecker-Teilzeit-Verkäuferin. Oder als Teilzeit-Regalbetreuerin. Oder in Personalunion, denn oft stand ja eine Frau ganz allein im Geschäft. Obwohl sie vielleicht eher Bürokauffrau gelernt hat. Obwohl sie vielleicht ambitionierter gewesen ist und gern Anspruchsvolleres gearbeitet und mehr verdient hätte als ein paar hundert Euro, knapp an der Geringfügigkeitsgrenze. Aber man nimmt halt, was man kriegen kann. Besser als nichts.

Jetzt ist Schlecker pleite. Wie es mit Schlecker Österreich und den 1350 hiesigen Filialen weitergeht, ist noch offen. In Deutschland jedenfalls haben die 13.000 Filialen bereits zugesperrt, und 25.000 Verkäuferinnen sind arbeitslos. Jetzt gibt es gar kein offenes Geschäft mehr auf den verödeten Hauptplätzen und gar keine Stellenangebote mehr auf den lokalen Jobmärkten, für unflexible Dazuverdienerinnen mit Betreuungspflichten.

Nur dem Firmengründer, dem bleibt noch einiges. Es habe seit Langem und immer wieder „Vermögensverschiebungen“ gegeben, sagt die Staatsanwaltschaft. Grundstücke, Wertgegenstände, Wohnungen, Zentrallager samt Lagerbeständen, ein 13.000 Quadratmeter großes Familienanwesen. An die Kinder übertragen, billig an die Kinder verkauft, der Ehefrau überschrieben.

Die ehemaligen Teilzeitverkäuferinnen hätten noch ein paar Forderungen offen. Nicht ausbezahlte Löhne, nicht abgerechnete Überstunden. Ob sie ihr Geld jemals bekommen, „steht in den Sternen“, sagt die Gewerkschaft. Leider, leider: Von Schlecker ist nichts mehr da.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2012)

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13 Kommentare

Freier Markt - WTF?

Und mal wieder ein Artikel, der beweist, dass der Begriff der freien Marktwirtschaft für Frau Hamann ein Fremdwort ist.

Ein Betrieb, der als einziger in verödeten Ortszentren die Stellung hält, darf sich nicht wundern, dass der Umsatz pro Filialquadratmeter nicht konkurrenzfähig ist.

Ein Betrieb, der sich modernen Entwicklungen im Bereich des Einzelhandels fast vollständig verweigert, darf sich nicht wundern, wenn er Kunden verliert.

Und vor allem: Eine Person, die ihr Haus in eine strukturschwache Gegend baut (oft nur, weil der Grundpreis noch niedrig ist) und sich dann beschwert, weil es in dem Kuhdorf keine Arbeit gibt, ist selbst schuld.

In diesem Sinne Frau Hamann: Dieser Artikel ist substanzlos. Setzen. Fünf.

Re: Freier Markt - WTF?

na geh, seien sie doch nicht so streng mit der frau redakteurin. sie wird schließlich in einem land sozialisiert in dem ein einer der haupttäter dieser zersiedelung, der fortwährenden raumplanungslügen, der infrastruktur-fehlinvestitionen etc. in den letzten jahrzehnten - nämlich ein LH aus ostösterreich noch eins draufsetzt und die zersiedelungsprämie für die bürger noch steigern will:
"Niessl für Kilometergeld statt Pendlerpauschale" (!) - noch keine 3 tage alt...
reaktionen: kaum widerspruch, aber von den anderen einschlägigen raumplanerischen sonntagsrednern, münchhausens und pinocchios bekam er natürlich auch noch jede menge applaus und schulterklopfen für den kontraproduktiven irrsinn.
wie soll da eine frau hamann verstehen...

Na und?

Es haben sich eh die Gewerkschaften so engagiert in ganzen Medienkampagnen der armen "Schlecker-Frauen" angenommen - jetzt ist halt der Laden pleite. Hoffentlich nehmen sich der jetzt arbeitslos gewordenen "Schlecker-Frauen" die GewerkschaftsfuzzInnen genau so erfolgreich an - wie gegen den Kapitalisten Schlecker...

Re: Na und?

Genauso ist es. Die Gewerkschaften haben es sich jahrelang scheinbar zum Privatvergnügen gemacht, Schleckers Ruf - speziell im Vergleich zu dm und bipa - zu ruinieren. Fragen Sie irgendwelche unbedarfte Leute auf der Straße, Sie werden immer dasselbe hören: Schlecker: böse, beutet Leute aus. dm/bipa: gut, nett, rechtschaffen.

So ein Blödsinn aber auch. Der Schlecker-Konkurs ist ein beispielloser Anlassfall dafür, wie Gewerkschaften einen Konzern in die Pleite treiben können. Gratulation jedenfalls. Da müssen ja die Sektkorken knallen.

3 0

Sah in der "Süddeutschen" anders aus...

Also nach den Aussagen des Masseverwalters der "Süddeutschen" gegenüber haben die Schleckers einen Gutteil ihres Vermögens vor der Pleite IN das Unternehmen transferiert und dort verloren.

Nach der Darstellung von Frau Hamann hat Schlecker Arbeitsplätze für Personen geboten, die sonst keinen bekommen hätten, hat Waren an Orten angeboten, an denen sonst niemand mehr anbieten wollte und war eigentlich ein Segen für die Menschheit. Wieso haben dann die Medien so eine Kampagne gegen Schlecker geführt? So, wie das Unternehmen zuvor dargestellt worden war, hätten doch jetzt alle ob der Insolvenz in Freudentränen ausbrechen müssen...

so

phantasielos frau hamann - die können doch jetzt alle Medizin studieren anfangen ..

moment, frau hamann.

schlecker ist ein LEISTUNGSTRÄGER!

solche werden von lesern der presse verehrt und vergöttert. sie dürfen nicht nur ihr geld in sicherheit bringen, sie MÜSSEN es sogar, denn sonst würden es ja die bösen linken für nutzloses zeugs rausschmeissen.
und wenn sie ihr geld in steuerparadiesen in sicherheit bringen, dann sind sie vorbilder für presse-leser.

also vorsicht, sie legen sich mit menschlich-moralischem schrott an, da kann man sich leicht verletzen!

Gast: Zyni
09.08.2012 08:09
1 0

Hamann´s Leben

im Griff der Anderen, fremdbestimmt. Frau erleidet. Und gestaltet nicht.

Frau Hamann, haben Sie nicht etwas verschlafen?

Auf welchem Planeten haben Sie eigentlich die letzte Zeit verbracht, daß Sie die jüngste POSITIVE Entwicklung bei dieser Drogeriemarkt-Kette derart verschlafen haben? Zum Glück für die 3000 Schlecker-Mitarbeiterinnen hat sich nämlich "eine Sekunde vor zwölf" doch noch ein potenter Investor gefunden, der die bisherigen Läden zu echten "Nahversorgern" umgestalten und ausbauen möchte. Der neue Name heißt übrigens "Dayli" (nicht zu verwechseln mit "Daily"). Auf diese Weise könnte man mit neuem Konzept (primär natürlich im ländlichen Raum) endlich alle jene mit wichtigen Produkten des täglichen Bedarfes versorgen, die bisher oft weite Fahrten in andere Orte unternehmen mußten, um all das Gewünschte zu bekommen.

Zwar haben sich bereits jede Menge skeptischer Experten gemeldet, die das für keine besonders ausgereifte Idee halten, aber ein ernsthaft durchdachter Versuch ist es auf jeden Fall wert. Ab jetzt kann es ganz einfach nur nolch besser werden!

Bei den Mitgliedern der Schlecker-Familie dürfte es sich um äußerst seltsame Zeitgenossen handeln. Von einer offensiven Marktbeobachtung scheinen vor allem die "alten" Schlecker kaum etwas gehalten zu haben. Da ging es in der "Außenwelt" dynamisch vonstatten; es scherte sie nicht. Nicht einmal der Portier in der Firmenzentrale in Baden-Württenberg bekam Herrn Schlecker sr. in den letzten 13 Tagen zu Gesicht. Wohlweislich hatte der eine separate Garage und einen separaten Lift hinauf zum Büro. Aber auch die Buchführung war "eigen"...

Sehr gut beobachtet, zum größten Teil

die verödeten Ortskerne, der Bedarf an Teilzeitjobs, der letzte "Nahversorger", der letzte Arbeitgeber. Aber das Geschäftsmodell "Schlecker" hatte Fehler, wurde nicht ausreichend angenommen. Jetzt ist auch der weg.

Was in der Betrachtung von Sibylle Hamann nicht stimmt, ist, dass die ehemaligen Verkäuferinnen ihre Lohnansprüche nicht erfüllt bekommen würden.

Dafür hat ihr früherer Arbeitgeber fleißig Monat für Monat für 25.000 Mitarbeiterinnen ganz schön in den Insolvenzentgeltssicherungsfonds eingezahlt. Und der zahlt die offenen Ansprüche der Mitarbeiterinnen auf Heller und Pfennig. (Euro und Cent)

Soviel dazu, dass zumindest die Kirche im Dorf bleibt.

Gast: Grummelbart2
08.08.2012 16:26
3 0

Aha...

...also soll man solche Geschäfte "mit Muss" am Leben erhalten, oder wie?

Diese Suderei ist nicht zum Aushalten.

Antworten Gast: malleus
09.08.2012 06:54
1 0

Re: Aha...

Typisches Hamann-Emanzen-Gejeier.

Gast: Vivia
07.08.2012 20:29
2 1

Zum Glück ...

... kann ja eine jede ihr ehemaliges Geschäft übernehmen und selbst einen Gemischtwarenladen aufmachen.

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