Deutschland ist eines der letzten Länder Europas, das die Hausfrauenehe staatlich subventioniert. Das Zauberwort dafür heißt „Ehegattensplitting“ und bezeichnet einen Steuervorteil. Der Vorteil wächst, je größer die Einkommenskluft zwischen den zwei Ehepartnern ist. Am größten ist er für einen Spitzenverdiener, der gleichzeitig Alleinverdiener ist.
Der deutsche Staat fördert also Paare, in denen sich jeweils einer hundertprozentig in die Lohnarbeit und der andere ganz in die Hausarbeit wirft, und bestraft Paare, die sich beides gleichberechtigt teilen. Er belohnt Hugo, wenn er viele Überstunden macht, damit seine Gattin Helga den ganzen Tag Zeit hat, ihm einen Zwetschkenkuchen zu backen. Er bestraft Hugo hingegen, wenn er den Kuchen selber backt und Helga ermuntert, sich doch ebenfalls einen Job zu suchen – denn dann schmilzt Hugos Steuervorteil. In diesem Sinn ist das Splitting ein anachronistisches Modell, am Familienideal der Fünfzigerjahre orientiert, das Gott sei Dank in Österreich unter Bruno Kreisky abgeschafft wurde.
Deutschland ist jedoch nicht nur ein rückschrittliches, sondern gleichzeitig ein fortschrittliches Land. Deswegen hat es, ein Jahrzehnt vor Österreich, gleichgeschlechtliche Partnerschaften legalisiert, die der Ehe fast gleichgestellt sind. Fast – bis auf das Ehegattensplitting. Und hier wird es jetzt lustig. Das Verfassungsgericht rügt genau das nämlich als gleichheitswidrig, und fordert: Wenn schon, denn schon. Was für Hugo und Helga gilt, müsse ebenso für Hugo und Hans gelten, sowie für Helga und Helene. Wenn der Staat es für grundsätzlich förderungswert hält, dass ein Partner zu Hause bleibt, um dem anderen den Haushalt zu führen, kann er zwischen homo- und heterosexuellen Paaren nicht willkürlich unterscheiden.
Der Staat soll also dafür zahlen, dass Hugo von Hans seine Wäsche gewaschen und seinen Kuchen gebacken kriegt? Das mag angenehm sein für Hugo, aber was geht es die Allgemeinheit an? Wie kommt die abgehetzte Alleinerzieherin, die ganz allein arbeiten und waschen und backen muss, dazu, Hugos Privileg zu finanzieren? Sollte es denn nicht um Familien gehen, um die Geburtenrate, die Unterstützung von Eltern und die Versorgung von Kindern?
Nein, genau darum geht es eben nicht. Mit Familie hat das deutsche Steuerprivileg nichts zu tun. Bloß der Trauschein zählt, Kinder sind völlig irrelevant. Der kinderlose Partykönig mit getrennt lebender, Golf spielender Gattin profitiert; der Vollzeit arbeitende Witwer, der allein drei Kinder großzieht, hingegen nicht. Pervers, absurd und himmelschreiend ungerecht war diese Schieflage im Prinzip immer schon. Doch es hat die Homosexuellen-Ehe gebraucht, damit Konservative die Absurdität erkennen konnten.
Nüchtern betrachtet, gibt es im gleichzeitig rückschrittlichen und fortschrittlichen Deutschland nun zwei vernünftige Lösungen: Entweder man begreift homosexuelle Paaare ebenso als „Keimzellen der Familie“ wie heterosexuelle, ermutigt sie zum Kinderkriegen, zu künstlicher Befruchtung und Adoption, samt allen damit verbundenen Familienförderungen. Oder man schafft das Ehegattensplitting ersatzlos ab, was Heteropaaren ebenso guttäte.
Am besten natürlich, man macht gleich beides gleichzeitig – und kommt damit in einer modernen Familienpolitik an.
Reaktionen senden Sie bitte direkt an: debatte@diepresse.com
Zur Autorin:
Sibylle Hamann
ist Journalistin in Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2012)















