19.06.2013 23:47 Merkliste 0

Supersize-Burger, Fritten im Kübel, Mayo. Und ein Liter Cola dazu.

Von Sibylle Hamann (Die Presse)

Der New Yorker Bürgermeister will die Fetten zu maßvollerem Essen und Trinken erziehen. Gut, dass er selbst zu den Fitten gehört, die den Anblick der Fetten offenbar ganz schwer aushalten.

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Es gibt die einen. Sie sind sehnig, haben definierte Muskeln und passen auf Anhieb in alles, was sie anprobieren. Sie sind täglich um sechs Uhr auf, damit sich vor dem ersten Meeting noch eine Stunde im Fitnessstudio ausgeht. Behandeln ihren Körper ebenso sorgfältig wie ihr Börsenportfolio und achten drauf, was sie essen. Umwege müssen sie dafür nicht machen, denn wo sie wohnen, gibt es Biomärkte, Saftbars und Delis mit viel Grünzeug. Dort haben die Lokale europäisch klingende Speisekarten, mit kleinen Portionen auf großen Tellern. Der Wein wird deziliterweise gereicht (angesagt ist übrigens der Grüne Veltliner, „Grooner“ genannt), doch spätestens nach dem zweiten Gläschen ist Schluss. Wochenends, nach dem Yoga, reicht man Rezepte von Hand zu Hand und lädt einander zum Kochen ein, in blitzblanke Edelstahlküchen mit frei stehendem Herd.
Der Körper der einen signalisiert: Ich bin ein gut funktionierender Teil dieser Gesellschaft; ich bin wertvoll und habe mich im Griff.
Dann gibt es die anderen. Sie keuchen schon beim Gehen, und wenn die Oberschenkel aneinanderreiben, macht es seltsame Geräusche. Jogginghosen tragen sie nicht zum Joggen, sondern weil diese am Bund einen Gummizug haben. Sie tragen zentnerschwer am Fett, ihre Sehnen sind mürbe, die Gelenke abgenützt, das Herz rast. Viel weiter als ein paar hundert Meter am Stück schaffen sie nicht, dann müssen sie rasten. Am besten auf den Bänken im Fast-Food-Lokal, denn auf normale Stühle passen sie gar nicht mehr. In New York gehören diese anderen fast immer der Unterklasse an. Wo sie wohnen – in South Bronx, East Harlem oder Brownsville – gibt es keine Bioprodukte, keine Feinkostläden, keine gut sortierten Supermärkte. Dort stehen ausschließlich Pizza Hut, Kentucky Fried Chicken, Burger King, Taco Bell, einer neben dem anderen. Es gibt Donuts und Cola zum Frückstück, Pizza und Cola zu Mittag, Burger und Cola am Abend, alles Supersize mit Mayo, das Cola stets im Ein-Liter-Kübel.
Der Körper der anderen signalisiert: So sehen Verlierer aus. Ich bin schwach, willenlos, lasse mich gehen, doch das ist mir egal.
New Yorks Bürgermeister, Michael Bloomberg, gehört zu den einen und will den anderen nicht länger tatenlos bei der Selbstzerstörung zuschauen. Wisst ihr denn nicht, wie viel Fett in euren Fritten ist? Und wie viel Zucker in einem Liter Cola? Ab Herbst will er, als erzieherische Maßnahme, die Supersize-Gebinde verbieten und Sprudelgetränke bloß noch in Viertelliterbechern ausschenken lassen. Damit die Fetten zumindest noch einmal ächzend aufstehen müssen, ehe sie sich die zweite Portion holen.

Die Fitten halten den Anblick der Fetten offenbar ganz schwer aus. Sie empfinden Ekel, Sorge um gesellschaftliche Folgekosten, vielleicht sogar ehrliches Mitleid. Aber wollen sie tatsächlich, dass die Fetten verschwinden? Dass es keine Fetten mehr gibt?

Eher nicht. Es sind Fitte, die sich für das schlechte Essen Werbelinien ausdenken, neue Rezepturen, Verkaufstricks und Expansionsstrategien. Fitte verdienen, wenn die Fetten essen. Und wenn die Fetten ein schlechtes Gewissen haben, abnehmen, Wunderdiäten ausprobieren, Therapien machen oder sich den Magen operieren lassen, verdienen Fitte ebenfalls.

Die einen geben es zwar ungern zu – aber sie brauchen die anderen. Schon allein, um sich nach jeder Begegnung wieder ein kleines bisschen schöner, stolzer und selbstzufriedner zu fühlen.



Sibylle Hamann ist Journalistin in Wien.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2012)

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23 Kommentare

Wer vernünftig essen will,

muß kochen. Wer kochen will, muß wohl auch dann und wann "am Herd" stehen. Genau das ist, was wir, wenn wir einer Hamann oder Hammerl oder Hosek folgen, nicht tun sollen, weil es uns 1. vom Karrieremachen abhält und 2. ein falsches Bewußtsein in uns produziert. Natürlich kochen wir trotzdem, ein Merkmal unserer Emanzipiertheit ist nämlich, daß wir uns nicht von anderen Weibern bevormunden lassen. Aber es sei, wie es wolle: Kochen tut die Unterschicht nicht, aus schierer Bequemlichkeit. Es soll in manchen dieser Unterschichthaushalte nicht einmal Eßtische geben. Anthony Daniels, ein britischer Gefängnispsychiater, der unter dem Nom de plume Theodore Dalrymple seine Erfahrungen berichtet, sagt, die Gefängnisinsassen in Birmingham, junge Männer in ihren Zwanzigern, hätten noch nie in ihrem Leben ein zu Hause gekochtes Mittagessen bekommen. Es wundert einen nicht, wenn außerdem die meisten von ihnen ihre Väter nicht kennen. Daß in den Hauhalten nicht gekocht wird, ist nicht vielleicht ein Zeichen wünschenswerter Emanzipiertheit der Frauen - die machen nämlich keine "Karriere" und sie sind auch nicht "unabhängig", sie leben von der Sozialhilfe und hätte alle Zeit der Welt, "am Herd zu stehen". Die geschilderten Zustände sind Symptome gesellschaftlicher Verwahrlosung, die vom Umverteilungsstaat erst produziert wurden.

Gast: beschwerer
29.08.2012 21:30
4 1

macdonalds ist nicht billig!

sorry, aber die schreiberin ist echt in einer parallelwelt. beim mackie werden zwei leut unter zehn bis 12 Euro einfach NICHT satt, gilt auch für den rest der Ketten. Das Problem vieler Unterschichtler ist eher die institutionelle FAULHEIT, das dumpfe Wabern im Hirn, etwa das häufig urbane Unvermögen, Kartoffeln oder Nudeln mit Gemüse und günstigem Fleisch zu kochen und zu braten, aber viele von den Proles haben meist keine Ahnung von so was, weil, und das stimmt, sie von vermögenden dünnen Machern auch einer Jugendkultur auf die geilen bescheuerten Fressketten programmiert werden. Aber das ist deren Problem, nicht das einer imaginären Gesellschaft. Ich kann kochen seit ich zehn bin, da brauch ich keinen kollektiven Staatskochkurs dazu, Frau Haarmann!

das ewige märchen, dass sich nur reiche gesundes essen leisten können...

um 2 € koche ich gesunde nudeln mit sauce für eine 4-köpfige familie...wieviele werden bei mcd für 2 € satt?

und sprot betreiben muss ich nicht unbedingt im fitness-center. laufen/gehen im park gibt es fast umsonst-einziges investment: alle paar jahre ein paar schuhe...

aber zu all dem muss man seinen hintern bewegen...und daran scheitert es halt.

es ist teil des american dream

erfolg auf kosten anderer zu haben.

kein mcfit ohne fette.
kein millionär ohne tausende tellerwäscher.
keine weltherrschaft ohne millionen getötete.

ob du zu den gewinnern oder zu den losern zählst, ist einzig vom glück abhängig und davon, ob du im fall der konfrontation deinen colt schneller ziehst und weniger hemmungen hast, den anderen abzuknallen.

the american dream. die geschichte wird dieses kapitel allerdings als albtraum bezeichnen.

Gast: Zenzine
29.08.2012 13:24
8 1

Es ist eine Sache der Entscheidung

So einfach ist das. Armut ist keine Ausrede für Übergewicht.

Es mag in den USA zwar Bioware teuer sein, aber Gemüse und mageres Fleisch gibt es in jedem x-beliebigen Supermarkt und ist auch nicht teurer als Fast Food.

Es liegt weniger am Geld, sondern eher an der Psyche der betroffenen Menschen. Man sollte also eher da einmal ansetzen.

Mir persönlich ist es ziemlich egal, ob jemand dick oder dünn ist - muss jeder selbst wissen. Aber mir kann niemand erzählen, dass Übergewichtige glücklich mit ihrem Gewicht sind.

Antworten Gast: ganau
29.08.2012 17:11
1 0

Re: Es ist eine Sache der Entscheidung

Genau! Außerdem sind Nudeln und Gemüse so saubillig im Diskonter!

Re: Re: Es ist eine Sache der Entscheidung

seit wann sind Nudeln gesund? Oder reden wir hier von Vollkornnudeln?

Gast: Dolfi Teufel
29.08.2012 11:52
0 7

Lassen Sie den Armen wenigsten ihr billiges Fast Food!

Ein karlorien-armes Essen käme diesen Leuten viel zu teuer.
Mir geht es auch in Österreich so: Für die Reduktionskost benötigt man eine Diät-Köche/in, über die ein privater Haushalt im Normalfall nicht verfügt. Und auch den Gaststätten ist die Anstellung von Diätköchen viel zu teuer...
Lieber fettes oder viel zu süsses Essen, das schmeckt besser, seine Herstellung kostet weniger!

Antworten Gast: nain
29.08.2012 17:13
2 0

Re: Lassen Sie den Armen wenigsten ihr billiges Fast Food!

Zu den billigsten Lebensmittel zählen Nudeln und Gemüse, nicht sch... Burger! Schau mal in ein Diskonter rein, und vergleiche es mit McD!

Re: Lassen Sie den Armen wenigsten ihr billiges Fast Food!

Wenn man ein wenig seine grauen Zellen bemüht, dann wird man merken, daß das sogenannte "gesunde Essen" gar nicht mehr kostet. Es geht ganz einfach, aber es ist nicht so bequem, und vieleicht nicht so schmackhaft wie der Burger von McWürg, die eigentlich gar nicht so billig sind.

Aber statt einer Portion Pommes Frites, gesämpfte Erdäpfel zu machen, statt des gummiartigen Bumbs Vollkornbrot zu verwenden (z. B. beim Hofer in Top-Qualität um 89 Cent für 500g) und ein paar Karotten zu reiben und mit etwas Zwiebel und Olivenöl ist bereits Salat fertig.

Mediterane Kost - inbegriff sogenn. gesunden Essen - ist sicher aufwendiger, aber nicht teurer.

Ubrigens: Das Benützen der kleinen gruauen Zellen, die jeder mit sich herumträgt, hilft auch beim Verbrennen der Kilos.

Antworten Gast: Grummelbart2
29.08.2012 12:40
5 0

Re: Lassen Sie den Armen wenigsten ihr billiges Fast Food!

Bullshit.

"Gesundes" Essen kostet nicht mehr; und selbst bei einer Ernährung von "ungesundem" Essen muss man nicht zwangsläufig über 100 Kilo wiegen. Es ist immer die Menge, die es macht.

Und genau bei der Menge ist sparmäßig auch am meisten rauszuholen.

Gast: A. Singer
29.08.2012 11:15
13 1

Peinlich ohne Ende ...

Da ist es wieder - das Hamannsche Paralelluniversum! Da ist alles ganz einfach, es gibt Schwarz und es gibt Weiss, und alles ist von Zentnerschweren Klischees überdeckt ...! Die feine kleine Welt der Sybille H., in der es Glückskinder und geborene Verlierer gibt, die einen sind per se böse weil vom Schicksal begünstigt und die Anderen die Guten weil benachteiligt von Geburt an! Mit denen muss man Mitleid haben gell, weil die sind so hilflos - sniff!
Am Bewusstsein der Sybille H. manifestiert sich der lange Atem des österr. Gesellschaftspolitik nach sozialistischer Manier: Für alles gibt es einen Schuldigen, der auch die Verantwortung (Kosten) zu tragen hat - das ist man natürlich niemals selbst! Es gibt für jeden Lebensbereich eine staatliche Stelle in deren Obhut man sich begeben sollte. Das selbständige Denken wird gleich nach der Geburt dahin ausgelagert!
Sogar fürs eigene Körpergewicht sind andere verantwortlich .....!

P.S.: Wie schafft man es mit diesem Bewusstsein zu einer eigenen Kolumne in dieser Zeitung?

Re: Peinlich ohne Ende ...

"Wie schafft man es mit diesem Bewusstsein zu einer eigenen Kolumne in dieser Zeitung? "

da regiert wohl der neid?

frau hamann schreibt nicht nur in dieser zeitung. frau hamann setzt sogar ihren namen unter ihre texte.
und frau hamann ist nicht so einfältig und vorgestrig, nicht mal ein email-account zu haben, das für eine registrierung bei der presse notwendig ist. sie würde sich vermutlich schämen, ihren neid per sich dauernd ändernder gastnamen rauszuspeien....

Re: Peinlich ohne Ende ...

Dem kann ich nur beipflichten.

Der große Wortschatz der Frau Hamann dürfte ein Wort nicht enthalten: Selbstverantwortung. Das dürfte sie gestrichen haben, denn das beinhaltet auch, über sich selbst nachzudenken. Und das widerspricht ihrer linken Gedankenwelt, denn der Schuldige muß der Klassenfeind sein.

Antworten Antworten Gast: plat
29.08.2012 17:15
0 4

Re: Re: Peinlich ohne Ende ...

Argumentieren kömma nicht? Platitüden wie 'Eigenverantwortung' kann ich auch schleudern.

Antworten Antworten Antworten Gast: schlÄchter
30.08.2012 10:37
0 0

Re: Re: Re: Peinlich ohne Ende ...

sg plat!
ich suche in ihrer stellungnahme auch vergeblich nach "argumenten".

bleiben sie so lustig.

ritter: +

mfg
s.

Gast: Grummelbart2
29.08.2012 10:05
4 0

Arhem...

...ja, natürlich ist "Fettsucht" auch ein soziales Problem und es besteht auch ein direkter Zusammenhang zwischen Bildung und Übergewicht.

Allerdings: hier die "Fetten" (wie es die Autorin selbst formuliert) in eien reine Opferrolle zu drängen ist nicht akzeptabel.

Jeder kann auf sich aufpassen; mit einem Minimum an Anstrengung kann man sowohl die Ernährung umstellen als auch Gewicht verlieren. Einfach mal die Nachspeise weglassen, eine kleinere Portion nehmen oder was auch immer.

Im Übrigen ist LKM zuzustimmen, dass es nicht nur die beiden Extreme gibt, sondern viel dazwischen.

Gast: gast gast
29.08.2012 09:27
7 0

widerlich

Selbstüberwindung, Etwas aus sich machen, Streben nach Erfolg und das Erreichte zu erhalten... ist und bleibt böse und gemein.

Antworten Gast: meinensie
29.08.2012 17:15
0 0

Re: widerlich

Meinen Sie? SSKM.

Gast: L. K. M.
29.08.2012 09:09
4 0

Wieder einmal

keinen blassen Schimmer von Ahnung, Frau Hamann. Zwischen den "einen" und den "anderen" gibt es erstens noch weitere Gruppen von Menschen, die schlicht "normal" zu leben versuchen, ohne deswegen die Fitnesscenter zu belegen oder Stunden bei McDonald's zu verbringen. Auch in den USA. Dass die "Fetten" in den USA längst in den oberen Etagen angekommen sind und Penthäuser bewohnen ist ein Tatsache, wenn Sie - eben z.B. in NY - einmal längere Zeit dort verbracht haben. Die wohnen nämlich auch in Manhattan. Die übergewichtigen Jugendlichen und Kinder befinden sich inzwischen zu gleichen Teilen in der besseren US-Gesellschaft. Das können Sie auch daran erkennen, wenn Sie die Austauschstudenten der Elite-Universitäten im Sommer in den Parks unseres Landes sehen. Und wo die mittags essen gehen, muss ich nicht noch gesonders ausführen, oder?

Gast: schlÄchter
29.08.2012 08:46
5 0

sg frau hamann!

"Die einen geben es zwar ungern zu – aber sie brauchen die anderen. Schon allein, um sich nach jeder Begegnung wieder ein kleines bisschen schöner, stolzer und selbstzufriedner zu fühlen."

gut gebrüllt - und jetzt gehen sie vielleicht einmal in sich, wen sie brauchen um sich schöner, intellektuell überlegen, stolzer und selbstzufriedener zu fühlen....tipp: lesen sie ihre alten quergeschrieben die sich zb mit kärnten, männern beschäftigen ;-)

m belustigten g
s.

Re: sg frau hamann!

So ähnlich habe ich beim Lesen des Artikels auch gedacht. Da Fr. Hamann aber vor einer Woche an dieser Stelle bewiesen hat, dass schon die Grundrechnungsarten ein Problem sein können, habe ich den Aufruf zur Selbstreflexion wegen Sinnlosigkeit verworfen.

Ob ich ihr damit auch nicht unrecht tue?

Antworten Antworten Gast: schlÄchter
29.08.2012 16:58
5 0

Re: Re: sg frau hamann!

sg de voltaire!
"Ob ich ihr damit auch nicht unrecht tue?"
;-) die frage ist einem voltaire würdig!

frau hamanns quergeschrieben gibt mmn immer sehr schöne einblicke in die gedanken-und befindlichkeitswelt einer bestimmten "elite".
insoferne ist sie wirklich lesenswert.

m besten g
s.

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