Die neue Landesverteidigung: Männer, die pflegen – und Frauen, die schießen

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Die derzeit laufenden Kampagnen pro und kontra Wehrpflicht haben eine interessante Begleiterscheinung: dass mit Geschlechterklischees gebrochen wird.

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Wir sollen demnächst also über die Wehrpflicht abstimmen. Wir haben dazu jede Menge Argumente gehört, unter ihnen viele vorgeschobene und halbherzige, seltsame und unehrliche. Wir haben Werbespots im Kino gesehen und Prominenten dabei zuschauen können, wie sie sich eine Meinung zur umfassenden Landesverteidigung abquälen.

Die regierenden Parteien haben viel von unserem Geld in die Hand genommen, damit wir an ihrer Stelle ihre Arbeit tun – nämlich Entscheidungen treffen. Okay, stimmen wir halt ab. Das Interessanteste an den Debatten der vergangenen Monate war jedoch nicht die Frage „Wehrpflicht – ja oder nein“. Es betrifft vielmehr die Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft.

Beginnen wir beim Zivildiener. Der war, vor zwanzig Jahren erst, eine viel geschmähte Figur. Ein Weichei. Ein Feigling. Ein Drückeberger. Ein junger Mann, der vor der existenziellen Aufgabe kneift, die Männern seit Anbeginn der Menschheit angeblich in die Gene eingeschrieben ist: nämlich sich mit der Keule in der Hand vor die Höhle zu stellen, und Frauen und Kinder gegen Feinde zu verteidigen. Wer die Keule verweigerte, war kein richtiger Mann und kein richtiger Patriot. Dem mangelte es an Mut und Verantwortungsgefühl.

Noch vor wenigen Jahren produzierte und sendete der ORF einen Fernsehfilm, der genau diesem Klischee folgte: ein Atomunfall jenseits der Grenze. Österreich in Panik. Im Moment der Katastrophe nehmen alle Bürger und Bürgerinnen sofort ihre Steinzeitrollen ein: Die Frauen sind allesamt Mütter, Kindergärtnerinnen oder schwanger, verbarrikadieren sich mit dem weinenden Nachwuchs in den Häusern und fürchten sich. Während die Männer zur Verteidigung gegen die äußere Gefahr Stellung beziehen und zu Hochform auflaufen: planen, organisieren, sich Gefahren aussetzen, retten.

So sah die offiziell-österreichische Doktrin von Neutralität und umfassender Landesverteidigung aus. So war das insbesondere im Weltbild der ÖVP. Aber über Nacht ist alles anders.

Da wird nun auf ÖVP-Seite ausgerechnet der Zivildiener zum Helden geadelt. Männer also, die früher nicht bloß lange Haare hatten und als linke Revoluzzer verdächtig waren – sondern auch tun, was aus traditioneller Sicht eigentlich Frauensache ist: pflegen, waschen, füttern, Rollstuhl schieben, sich um alte Leute kümmern. Nicht mehr der Soldat mit der Waffe ist das Role Model unserer Landesverteidigung, sondern der Mann, der sich aus der klassischen Männerrolle des Kämpfens und Verteidigens gelöst hat.

Seltsames passiert gleichzeitig auf der anderen Seite. Da sollen uns nicht übertrieben männlich gezeichnete Rambo-Typen die Vorteile des Berufsheers schmackhaft machen, sondern Offizierinnen und Pilotinnen. Das Codewort „Professionalisierung“ soll signalisieren: Nicht jeder Mensch kann schießen, durch den Schlamm robben, befehlen, gehorchen. Nicht jeder Mensch will es. Aber das Militär braucht genau jene, die es können und wollen – egal ob Männer oder Frauen. Es gibt keine Biologie, die sie unterscheidet, sondern bloß individuelle Fähigkeiten und Vorlieben.

Für die Neuausrichtung unserer Verteidigungspolitik hätten wir diese Volksbefragung nicht gebraucht. Aber wenn sie bei Neuausrichtung unserer Geschlechterrollen hilft, war sie wenigstens nicht ganz umsonst.


Reaktionen senden Sie bitte direkt an: debatte@diepresse.com


Zur Autorin:

Sibylle Hamann
ist Journalistin
in Wien.
Ihre Website:

www.sibyllehamann.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2013)

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15 Kommentare

wahrer Geschlechtsunterschied: Männer sind über Pflichten definiert, Frauen über Rechte

Der Unterschied zwischen den Geschlechtern besteht in der Definition des Mannes über Pflichten und der Frau über Rechte (Der Mann soll zum Kind stehen, die Frau nicht für einen Fehltritt bestraft werden usw.).
Allein die Wörter Männerrechte und Frauenpflichten sind verpönnt.

Frauen können sich freiwillig zum Heer melden, werden bei der Aufnahme bevorzugt, können dann aber im Ernstfall kündigen, während der wegen ihr abgelehnte Mann eingezogen wird.
Die SPÖ argumentiert mit der Gleichheit, aber nicht mit der der Männer, dies wäre innerparteiisch nicht möglich, sondern mit mehr Berufssoldatinnen.

Arbeitersöhne und Hilfsarbeiter müssen im Ernstfall ihren Kopf hinhalten, während Unternehmertöchter, Studentinnen, weibliche Nationalratsabgeordnete und sogar Berufssoldatinnen das Land verlassen dürfen.
Und wie zum Hohn steht in der Verfassung "Vorrechte des Geschlechts sind ausgeschlossen."

Und beinahe jeder Journalist passt genau auf seine Wortwahl auf, um das Tabu nicht zu verletzen.
Fühlt man sich da nicht an 1984 erinnert?

Anders herum: die biologische Aufgabe der Frauen

ist doch das Kinderkriegen und nicht als Flintenweiber bei Einsätzen in ausländischen Kriegsgebieten (die im Grunde unserer Neutralität widersprechen) herumlaufen!

Familienväter hingegen sind aber besten zum Schutz unseres Landes und seiner Einwohner an den LANDESGRENZEN und im Katastrophendienst legitimiert! Von gedungenen Söldners (deren Beruf das Töten gegen Bezahlung ist) kann eine so hohe Kampfmoral nicht erwartet werden.

Nur Männer müssen den Kopf hinhalten

Wehrpflicht ist gut für junge Männer - sagt jedenfalls Landeshauptfrau Gabi Burgstaller, und die hat bekanntlich den besten Über- und Durchblick nicht nur in finanziellen Dingen.

Tatsächlich ist es beim Bundesheer relativ ungefährlich, weil beim schlechtesten Willen kein großer Krieg in Sicht ist . Frauen, die einen sicheren Posten im Bundesdienst wollen, sind beim Heer an passender Stelle, können als Offizierinnen Jungmänner herumkommandieren und sie somit auf das Leben, in dem auch meist die Frauen das Sagen haben, vorbereiten.

Wie aber Sibylle Hamann (der Name bedarf vielleicht noch der Genderung) auf "Frauen, die schießen" (Überschrift) kommt, bleibt ihr Geheimnis. Wenn es tatsächlich ernst würde, müßten ausschließlich Männer ihren Kopf hinhalten und der von Hamann geleugnete biologische Unterschied würde ganz schnell wieder als Begründung dafür herangezogen.

Bologie gibt schon...

.... Frau Hamann, entschuldigen Sie bitte wenn ich zu widersprechen wage. Frauen sind es nämlich die Kinder gebären können. Und ich sage Ihnen Frau Hamann, auch wenn ich die Mutterrolle der Frau sehr hoch schätze, weil diese Rolle wie keine andere überhaupt, für den Fortbestand unserer Art besonders wichtig ist, ich bin trotzdem kein NAZI. Der Gefahr als solcher bezeichnet zu werden, setzt man sich nämlich aus, wenn man von der Rolle der Frau als Mutter spricht und nicht sofort anschließt wie wichtig auch der Mann für die heranwachsenden Kinder und Jugendlichen ist. Gebären können aber nur Frauen, werte Frau Hamann, so ist das nun einmal und das ist Biologie. Im Wissen um dieses Faktum, haben tausende Generationen unserer Vorfahren, die Frauen versucht zu schützen. soweit dies möglich war. Wissen Sie Frau Hamann, und da fährt, wie man hierorts zu sagen pflegt "die Eisenbahn drüber".

Re: Bologie gibt schon...

in erster Näherung haben Sie recht, aber warum nicht Single-Frauen, die lebenslang kein Kind wollen, und das ist ein erklecklicher Anteil, unsere Gesellschaft verteidigen sollen, da finde ich keinen verhindernden Grund. Und wenn Wehrpflicht, dann auch diese Frauen.

Re: Re: Bologie gibt schon...

Ich weiss wirklich nicht warum wir mehr Soldaten brauchen, wenn wir eine friedlichere Welt bauen wollen und finde es geradezu komisch, wenn es Menschen gibt die solches Verlangen auch noch als Fortschritt bezeichnen würden, da die Gesellschaft der Gleichstellung der Frau mit dem Mann näher kommen würde. Ideologie hat es offensichtlich in sich, dass man bloß auf einen Punkt schauen kann und für anderes Scheuklappen wachsen. Um einem Missverständnis vorzubeugen: Da ich Nachrichten aus Welt sehe und mich auch mich auch mit der Psyche von uns Menschen als Lehrer auseinandersetzen musste, kann ich mich dem Pazisfismus nur langsam annähern, d.h. wir können noch nicht völlig auf militärische Landesverteidigung verzichten, sollten aber nicht auf das wertvolle Gut der Frau als Gebärerin des Nachwuchses verzichten, sondern danach trachten wieder weniger Singelfrauen zu haben. Natürlich auch weniger Singelmänner, da gut funktionierende Familien für eine Gesellschaft nach wie vor die beste Basis bilden.

Re: Re: Re: Bologie gibt schon...

...sollten natürlich auf das wertvolle Gut der Frau als Gebärerin nicht verzichten..

...Es gibt keine Biologie, die sie unterscheidet...


Oje, Frau Hamann!

3 0

mehr frauen braucht das heer

Frau Hamann und die Wehrdienstdebatte

- das passt genauso wie Zivildiener als Verteidigungsminister!

Die entscheidende Frage ist doch die Ausrüstung des Bundesheeres:

Wenn man für ein modernes Heer mit modernster Bewaffnung plädiert, mit dem man die österr. Neutralität auch verteidigen kann, dann muß man sich auch für den Eurofighter in ausreichender Stückzahl einsetzen. Der ist natürlich nicht billig, so wie überhaupt die außere Sicherheit für Österreich und die Wahrung unserer bewaffneten Neutralität nicht zum Null-Tarif zu haben ist.

Wenn also die Verfechter eines Berufsheeres ohne Hintergedanken bereit sind, ausreichende Geldmittel zur Verfügung zu stellen, dann könnte man tatsächlich einer solchen Idee nähertreten, so wie Schüssel das schon seinerzeit getan hat.

Will man aber dem österr. Heer aber unzulänglich Mitteln zur Verfügung stellen, dann wird man um die kostenlosen Dienste von Wehrpflichtigen nicht herumkommen ...

Die Art wie man den technisch optimalen aber leider teuren Eurofighter durch bisher haltlose Bestechungsvorwürfe "abgewürgt" hat, läßt aber erahnen, auf was die Befürwortet einer Berufsarmee tatsächlich hinauswollen: auf eine Art "Force Atrappe" nach dem Grundsatz "wasch mit den Pelz, mach mich aber nicht naß" od. anders ausgedrückt: "Armee ja, aber kosten darf`s nix".
Da wäre eine Freiwilligenarmee nach Art der Freiwilligen Feuerwehr schon die bessere Lösung!

Re: Die entscheidende Frage ist doch die Ausrüstung des Bundesheeres:

Ich fürchte, es kommen jetzt als Heeres-Ausrüstungsgerät Lockenwickler und Nagellacke dazu.

Re: Re: Die entscheidende Frage ist doch die Ausrüstung des Bundesheeres:

Ich glaube, die Frauen sollten sich ganz altmodisch lieber aufs Kinderkriegen konzentrieren, denn sonst gibt es bald kein österreichisches Volks mehr, dessen Territorium zu verteidigen wäre.

Aber da haben gew. Politiker auch schon eine Lösung: man macht taxfrei jeden, der nach Österreich kommt, sofort zum Österreicher. Auf diese Weise wird die österr. Nation rasch um Millionen Wirtschaftsflüchtlinge anwachsen ...

Ich spiele keine Frauenrolle, ich BIN eine Frau.

Ich bin es leid, daß mir von anderen Weibern gesagt wird, daß ich mich gefälligst wie ein Mann zu verhalten hätte. No, Maam.

Re: Ich spiele keine Frauenrolle, ich BIN eine Frau.

Ich kann Sie sowas von verstehen!

Traum und Wirklichkeit

Offensichtlich kann Sibylle Hamann nicht unterscheiden zwischen Werbespots und dem realen Leben.

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