Die Innenministerin muss zu den Hungerstreikenden in die Votivkirche

Johanna Mikl-Leitner sollte die besten Urdu- und Paschtu-Dolmetscher des Landes mitnehmen. Denn Asylwerber verdienen Gehör und Respekt – unabhängig davon, wie ihre Verfahren ausgehen.

Es ist kalt in der Votivkirche. Vorn die Krippe mit dem Jesuskind drin, hinten Schlafsäcke mit etwa zwanzig Männern drin. Es ist die dritte Woche ihres Hungerstreiks. Sie sind schon schwach, die Konzentration leidet, die klamme Feuchtigkeit macht es nicht leichter. Draußen Regen, die Stimmung unter den Helfern ist gereizt, das Klo kaputt, die Situation verfahren. Irgendetwas sollte hier passieren, ehe jemand zu Schaden kommt. Aber was?

Es wäre einfach: herkommen, zuhören, mit ihnen reden. Doch genau das bringt Österreich nicht zustande. Vor dem Kirchentor steht der Mesner mit dem Schlüssel in der Hand, sperrt zu und weist außerhalb der Gottesdienstzeiten alle Besucher ab. Mit den Hungernden könne und dürfe man nicht sprechen, sagt er, die seien allesamt Analphabeten und des Englischen nicht mächtig (was gelogen ist).

Security-Leute riegeln den Seiteneingang ab, verteilen Passierscheine. Hinein dürfen nur Journalisten und Mitarbeiter der Caritas. Warum jedoch müssen Asylwerber, samt ihren Anliegen, von der Bevölkerung ferngehalten werden? Weil sie gefährlich sind? Weil sie ansteckende Krankheiten haben? Was könnte es sonst für Gründe geben?

Man kann die Szenerie rund um die Votivkirche als Abbild der gesamten österreichischen Flüchtlingspolitik lesen. Über Asylwerber wird da ja viel geredet. Sie dienen zur Illustration der eigenen Weltanschauung, man kann sie als Statisten benützen, um – je nach Standpunkt – Menschlichkeit oder Härte zu markieren. Aber jetzt sind konkret welche da, abgekämpfte, ausgemergelte, nervöse, vom Leben gezeichnete Männer mit Wollmützen, die gehört werden wollen. Und die zuständigen Politiker halten sich die Ohren zu. Zuhören, Interesse zeigen – was für eine Zumutung! Wenn das einreißt! Wo kämen wir da hin!

Ein Zeichen von Souveränität ist das nicht. Eher ein Zeichen von Schwäche und Feigheit. Wer überzeugt ist von der Redlichkeit unserer Politik, kann das auch vor den unmittelbar Betroffenen vertreten, und ihnen dabei in die Augen schauen.

Die Hungernden in der Votivkirche sind keine Experten, keine Juristen, keine PR-Profis. Sie haben unser Asylwesen bloß in der Praxis erlebt, das offenbar sehr oft Verwirrung, Entmündigung, Demütigung und Hilflosigkeit erzeugt. Die Liste ihrer Forderungen ist disparat, nicht in allem haben sie recht. Sie verlangen Existenzielles (fähige Übersetzer, die ihre Berichte tatsächlich verstehen), Marginales (einen Friseur im Lager, Spiegel in den Duschräumen) und Illusorisches (die Anerkennung ökonomischer Asylgründe).

Sie wollen selbst kochen statt abgefüttert werden, sie wollen sich mit Arbeit selbst erhalten. Aus allem – speziell aus den Spiegeln – kann man ein grundlegendes menschliches Bedürfnis herauslesen: respektvoll behandelt zu werden.

Eine Lösung kann nicht so ausschauen, dass jeder, der hungert, automatisch ein Bleiberecht bekommt. Aber dass sich die Verantwortlichen anhören, wie sich ihre Politik anfühlt und von den Betroffenen konkrete Verbesserungsvorschläge entgegennehmen – das ist zumutbar.

Und wenn die ausgemergelten, erschöpften, vom Leben gezeichneten Menschen dann ihre selbstzerstörerische Aktion beenden und mit erhobenem Kopf aus der Votivkirche gehen können, sei ihnen das gegönnt.


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Zur Autorin:


Sibylle Hamann
ist Journalistin

in Wien.
Ihre Website:

www.sibyllehamann.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2013)

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