Selbstanalyse macht stark. Und die USA sind darin besser als alle anderen

Endlich ist die großartige Serie „Homeland“ auch bei uns zu sehen. Um ein Land, das Derartiges hervorbringt, muss man sich keine Sorgen machen.

 

Nicholas Brody ist Soldat. Er hat Frau und zwei Kinder, Bungalow, Garage und Hobbyraum. Im Irak-Krieg gerät er in Gefangenschaft, erst nach sieben Jahren kommt er wieder frei. Brody könnte ein Held sein. Einer, der gedemütigt, aber nicht gebrochen wurde. Ein ganz Großer, eine amerikanische Identifikationsfigur. Er könnte jedoch auch ein Verräter sein – vom Feind gehirngewaschen und umgedreht, ein islamistischer Schläfer mitten im Machtzentrum Amerikas. Als solcher hätte er das Zeug zum gefährlichsten Terroristen aller Zeiten.

Carrie Mathison ist Angestellte beim amerikanischen Geheimdienst CIA, Spezialistin für islamistische Terrorzellen. Sie ist intelligent, manisch-depressiv, beziehungslos, getrieben von Sendungsbewusstsein und unfähig, ihr Leben vom Job abzugrenzen. Auch Carrie gibt es in zwei Möglichkeitsformen: Sie könnte eine Verrückte sein – hysterisch, paranoid, eine tragische Patientin, die man besser wegsperrt, ehe sie sich selbst wehtut. Oder aber: Sie ist inmitten von korrumpierten, verblendeten Opportunisten die einzig Redliche, die Einzige mit einem intakten Kompass, der Gut von Böse, Wichtig von Unwichtig und Wahrheit von Lüge zu unterscheiden vermag.

Brody und Mathison sind die Hauptfiguren von „Homeland“, einer grandiosen Serie des Senders Showtime, die in den USA heuer in die dritte Staffel geht und nun endlich auch bei uns (auf Sat1) zu sehen ist. Brody und Mathison verkörpern gleichzeitig Amerika in all seiner Widersprüchlichkeit: hochmoralisch und grausam, arrogant und verletzlich, komplex und unendlich banal. In alles mischen sie sich ein, alles, was auf der Welt geschieht, beziehen sie auf sich und gehen allen anderen damit gehörig auf die Nerven. Doch andererseits: Wer sonst soll ran, wenn niemand sonst sich zuständig fühlt?

Das „Homeland“-Amerika ist ein kaltes, zweifelndes Land ohne Führung. Der Präsident kommt nicht vor, er hat nicht einmal einen Namen. Zwar spielt die Militärkapelle, in den Vorgärten von Suburbia wehen trotzig die Fahnen, aber geborgen fühlt man sich in diesem Heimatland nicht mehr. Der Feind hingegen, der islamistische Terroristenanführer Abu Nazir, ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, gläubig, traumatisiert, charismatisch. Einer, der weiß, wofür er kämpft.

Die amerikanischen Teenager dieses Films sind am sensibelsten. Sie spüren die Misstöne als Erste und stellen die richtigen Fragen: Welche Ordnung wird hier geschützt, welches System verteidigt? Sind die Methoden die richtigen? Lohnt sich der Kampf überhaupt? Und was geht dabei kaputt?

All das ist ziemlich verstörend, und müsste in seiner Uneindeutigkeit eigentlich wehtun, speziell einem Land, das sich de facto immer noch im Kriegszustand befindet und Soldaten an mehreren Fronten im Einsatz hat. Den Daheimgebliebenen, Zweifelnden bietet es keinen Trost, den Mächtigen hilft es wenig zur Rechtfertigung. Dennoch ist es auf dem US-Markt erfolgreich. „Homeland“ hatte tolle Einschaltquoten und wurde mit Preisen überhäuft, es ist Barack Obamas deklarierte Lieblingsserie. Ein Land, das in der Lage ist, auf derartigem Niveau über sich selbst nachzudenken – um dessen Kreativkraft muss man sich langfristig keine Sorgen machen.

Egal, was sie für Irrtümer begehen, und egal, was ihnen an Schicksalsschlägen widerfährt: Solchen Amerikanern wird immer eine Wendung einfallen, mit der das Drehbuch weitergeht.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2013)

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