25.05.2012 12:08 | Meine Presse Merkliste 0

Von Daten und Marmelade

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Vorratshaltung kann manchmal auch gefährlich sein.

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Vorratshaltung ist nicht mehr sehr angesagt. Gemüsekeller mit verstaubten Marmeladegläsern kommen nur noch in Kinderbüchern vor, die Tiefkühltruhe hat ihre glanzvolle Zeit, die Siebzigerjahre, längst hinter sich. Statt dem Vorratsprinzip huldigen wir heute eher dem Prinzip Raffen und Wegschmeißen. Weil eh fast alles geschenkt ist. Weil Geiz geil ist und Nachdenken fad.

Bloß wenn es um Daten geht, ist plötzlich alles ganz anders. Da wird gehortet, gespeichert, eingekocht und weiterverwurstet, was das Zeug hält. Private Festplatten sind mit runtergeladenem Zeug voll, das ähnlich häufig wieder geöffnet wird wie einst die staubigen Marmeladegläser. Der Staat macht es ebenso. „Vorratsdatenspeicherung“ heißt das und wird demnächst überall in der EU Gesetz: Der Innenminister rafft Telefon- und Mailverbindungsdaten zusammen, so viel er kriegen kann, wahllos über alles und jeden. Es ist im Prinzip dasselbe, was ein Messie tut: Immer nur her mit allem – für irgendwas kann man's sicher mal brauchen, irgendwann.

Was beim Messie persönlich tragisch, aber harmlos ist, ist beim Staat heikler. Doch seltsamerweise stört das niemanden. So geizig der Durchschnittskonsument sonst stets ist – mit Daten wirft er hemmungslos um sich, als wäre er Dagobert Duck im Geldspeicher. Hier ein Schokoriegel umsonst, dort ein Haarschampoo, zehn Prozent billiger – und schon verrät er sowohl dem Möbelhaus als auch dem Drogeriemarkt bereitwillig, wo er wohnt, was er mag und was er so tut den ganzen Tag.

Jedes Baby, das in einem städtischen Wiener Spital geboren wird, kriegt an seinem ersten Lebenstag ein kiloschweres PR-Paket der Babyindustrie. Die Firma Pampers hätte gern nur ein paar Basisinfos – und schon verteilt sie lebenslang Werbezusendungen, samt einem T-Shirt gratis. Ach wie reizend!, sagt da die Mama und füllt im Wochenbett eifrig Datenblätter aus. Dann stellen wir Babyfotos auf die Homepage, machen uns in Hobby-, Schul-, Sex- und Gesundheitsforen wichtig. Und was wir trotz aller Bemühungen immer noch nicht losgeworden sind, verraten wir am Ende eines langen Tages in unserem Blog.

Wir haben ja nichts zu verbergen (außer der Tatsache, dass wir nichts zu sagen haben). Im Gegenteil: Wir wären sogar beleidigt, wenn sich niemand für uns interessiert. Würde sich der Innenminister die Liste unserer Mails und Telefonate nicht per Gesetz holen – die meisten Kunden würden sie mit dem größten Vergnügen wohl selbst auf Facebook online stellen, für einen tollen Ich-hab-nix-zu-verbergen-Bonus von zwei Euro fünfzig.

Keine dieser Informationen hat ein Ablaufdatum. Das unterscheidet sie von der anfangs erwähnten Marmelade. Jede dieser Informationen, egal wie wichtig oder richtig sie ist, bleibt ewig kleben, im Netz oder in irgendeinem Datenspeicher. Sie bleibt, auch wenn wir unsere politischen Ansichten um 180 Grad ändern, wenn wir Sünden abgebüßt, Dummheiten hinter uns gelassen, Krisen überlebt und seltsame Gewohnheiten abgelegt haben. Sie bleibt, auch wenn sich das politische System über Nacht ändert.

Geiz ist kaum irgendwo geil. In der weiten Welt der Daten allerdings schon.

Sibylle Hamann ist Journalistin in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2008)

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4 Kommentare
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Danke für die klare Beschreibung der Problematik!

Das Datensammeln und der leichtsinnige Umgang damit ist für Verbrecher eine echte Chance.

Ohne das verknüpfen zu wollen, ist es doch so, dass die heftigsten Verbrechen von Regierungen begangen werden.

Es gibt neben encoding eine Möglichkeit der Gefahrenminderung.

Das ist totale Transparenz bei Zugriff auf Behördendatenbanken.

Wer dort geloggt ist, wird mit jedem Tastendruck unlöschbar protokolliert.

Sanctionen sind zu bestimmen.


e9325827
03.01.2008 12:17
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je mehr Daten, desto geringer der Wert

In Al Gores Buch gibt es hierzu einen interessanten Gedanken (eines FBI Mitarbeiters, soweit ich mich erinnere):
Viele Daten machen es nur bedingt einfacher für die Polizei oder andere staatliche Stellen. Klar, bei Prüfungen von einzelnen Personen kann man im Internet und in hunderten Datenbanken die tollsten Sachen herausfinden (aber auch viel, viel vollkommen langweiliges). Für Fahndungen nach Tätern anhand von Täterprofilen etc hingegen sind eventuell wenige, saubere Daten hilfreicher als ein riesengroßer Wust unvollständiger, nicht zusammenpassender, inkonsistenter und unterschiedlich alter Daten.

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datenmarmelade

der private sammelt bit um bit, um damit den doch noch tief in sich schlummernden jagd- und sammeltrieb zu befriedigen. und in zeiten der flat-rate sind halt dateien das einfachste und billigste jagdobjekt. nach dem motto: eine volle festplatte macht glücklich.
der angerichtete schaden ist wohl geringer als bei auf dem regal jahrelang vergammelnden marmeladegläsern.

Ophicus
02.01.2008 09:51
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Geiz ist nie geil

Geiz hat mit den Daten aber auch wenig zu tun.
Viele Leute sind so dumm und stehen im Telephonbuch. Durchaus heikle Daten wie Adresse und Telephonnummer sind damit der Welt zugänglich. Manche schreiben auch Kommentare in Zeitungen, womit sie Daten über ihre persönliche Meinung und sogar ihre politische Gesinnung der Öffentlichkeit preis geben - was bei einer plötzlichen Änderung des politischen Systems viel gefährlicher sein kann, als der Eintrag im Werbeverteiler von Pampers.

So lange der Konsument selbst entscheiden kann welche Daten er der Öffentlichkeit - oder einer Firma - zur Verfügung stellt und welche nicht ist die Lage nicht wirklich problematisch. Das ist ein Teil der pesönlichen Freiheit. Natürlich lässt sich ein Mißbrauch nicht ausschließen - es gibt eben keine Freiheit ohne Risiko.

Problematisch wird die Sache erst dann, wenn die Daten ohne Zustimmung des Betroffenen gesammelt werden. Dann kann man über Datenschutz diskutieren.

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