25.05.2012 12:14 | Meine Presse Merkliste 0

Menschen am Einundzwanziger

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Die Straßenbahn ist das urbane Transportmittel der Zukunft. Bloß der Wiener Bürgermeister weiß das nicht.

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Die Straßenbahnzüge der Linie 21 schauen neuerdings ramponiert aus. Die runden Anzeigenscheiben leuchten leer, der Fahrer steckt bloß noch ein mickriges 21er-Taferl hinter die Windschutzscheibe. Das soll wohl bedeuten: Diese Bim ist so gut wie gar nicht mehr da. Gewöhnt euch dran. Sagts baba.

Der 21er fährt vom Schwedenplatz die Taborstraße hinauf, zum Praterstern, am Wurschtelprater und am Messegelände entlang. Die Strecke ist eine richtige Leopoldstädterin: ein bisserl abgelegen; historisch beladen, doch eher schäbig; bürgerlich und gleichzeitig halbseiden. Doch jetzt kommen, wummzack, Euro, Einkaufszentren, neuer Prater, mehrere Stadterweiterungsgebiete und die blitzblanke, neue, verlängerte U2. Deren Route der 21er an ein paar Stellen streift. Nächste Woche wird er deswegen auf Geheiß des Bürgermeisters eingestellt.

Dann werden die Menschen am 21er, die im Volkert- und im Stuwerviertel, die an der Ausstellungs- und an der Engerthstraße, die Schüler und die Pensionistinnen, der Gemüsehändler und die Trafikantin, wissen, was die SPÖ meint, wenn sie „moderne Verkehrspolitik“ sagt: Sie werden sehr viel weiter gehen müssen bis zur nächsten Station, Taschen und Kinderwägen unter die Erde schleppen, auf Busse warten, die nur in viertel- oder halbstündlichen Intervallen verkehren und sonntags überhaupt nicht. Sie werden dann lieber ins Auto steigen oder doch ganz zu Hause bleiben. Sie sind dann auch nicht mehr die Menschen am 21er, sondern „Menschen am 80B, fallweise auch am 77A, sonntags an gar nix“. Straßenbahnen sind identitätsstiftend. Autobusse nicht.

Wenn der Bürgermeister das nicht glaubt, soll er mit dem Dienstwagen mal zur Endstation Praterkai fahren. Dort stehen große, stolze Gemeindebauten. Und dort wohnen stolze, trotzige Menschen, die noch eigenhändig Straßenbahnschienen verlegt haben, in der Zwischenkriegszeit. Es muss ein geiles Gefühl gewesen sein, auf einem schnurgeraden Schienenstrang bis zur Floridsdorfer Brücke durchzufahren, quer durch die Industriegebiete an der Donau, am Kühlhauskomplex, den Lagerhäusern und am Kraftwerk vorbei. Der 11er war das. Den ersetzte man dann durch einen Autobus. Jetzt muss, mit dem 21er, das letzte Teilstück dieser Strecke dran glauben.

Sprechen wir die Wahrheit aus: Wo Straßenbahnen entfernt werden, kommen Straßenautobahnen. Zu besichtigen auf der Praterstraße (wo früher vier Linien verkehrten), auf der Lassallestraße, und – wenn der 21er weg ist – demnächst auf der Ausstellungsstraße. Menschen ohne Autos werden unter die Erde geschickt, damit sie Menschen in Autos weniger behindern. Deswegen sind die genannten Straßen heute tot. Sie weisen Menschen ab, sie lassen sich nicht überqueren, sie trennen Stadtviertel.

U-Bahnen sind super, für die langen Strecken. Straßenbahnen sind ebenfalls super, für die kurzen. Nur gemeinsam ergeben sie eine Verkehrspolitik, die man „modern“ nennen kann. Vielleicht bringt irgendwer diese Nachricht mal ins Rathaus. Das liegt, seit die Gleise auf der Zweierlinie weggerissen wurden, ja ebenfalls an einer Stadtautobahn.

Sibylle Hamann ist Journalistin in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2008)

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20 Kommentare
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stimmt

ja, wer braucht noch strassenbahnen, wer muss noch wo hin, wo keine u-bahn die günstigste verbindung ist?! erinnert an das einstellen von nebenbahnen bzw. die irrwitzigen zugsverbindungen in manchen regionen...

es kommt mir auch vor, dass strassenbahnen gerade in wien langsamer sind als anderswo, fast wie wenn sie sich einbremsen würden, weils für die menschen, die es eilig haben, ja eh die u-bahn gibt. bzw. werden strassenbahnen vielleicht dort schneller gefahren, wo keine u-bahnen sind?!

übrigens, eine frage: hat dir die medienlöwin was gebracht? bei mir gab es genau null anfragen, ob ich wo was schreiben möchte, und auch jetzt, wo ich völlig in der luft hänge und breit einen hilferuf mit angebot meiner fertigkeiten verbreitet habe, hat sich genau eine journalistin gemeldet. sieht so aus, als würde die medienszene gewisse preisträgerinnen lieber verr*** lassen als einladen, etwas zu schreiben oder wo zu arbeiten...

alexandra bader - nähere infos bei www.ceiberweiber.at


Antworten Gast: der Insider
12.05.2008 13:00
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Re: stimmt

Straßenbahnen fahren eigentlich in allen modernen Städten schneller als in Wien. Außerdem baut man in modernen Städten U-Bahnen als wirkliches Schnellverkehrsmittel (also Straßenbahn-Ergänzung) und nicht als Straßenbahn-Ersatz, selbst in Prag ist man schon so weit. Nur in Wien nicht.

Gast: Martin S
10.05.2008 17:52
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Na der Wampo wird

trotzdem die nächsten Wahlen wieder gewinnen - denn er ist ja für die "kleinen" BürgerInnen da.... haben ja alle alzheimer, die Sozenwähler...
Das EInzige, was dem Wampo interessiert, ist "Wo is' mei Schweinsbrotn und mei Bier" - denn Wein sauft er net, drum sch..t er auf Grinzing....
ABER wie gesagt: Er wird wieder gewählt.... PROST

Gast: rob
09.05.2008 19:21
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kluger kommentar

straßenbahnen sind in der tat ein sehr fortschrittliches und bequemes fortbewegungsmittel, leider sind sie offenbar ein hindernis für die beschleunigung des straßenverkehrs, es ist ja auch eine furchtbare zumutung für pkw-lenker, bei straßenbahnhaltestellen auf ein/aussteigende menschen warten zu müssen.

die menschen im pensionistenwohnheim engerthstraße, die zur zeit eine straßenbahnhaltestelle unmittelbar vor dem eingang haben, freuen sich sicher, jetzt 500m zum stadioncenter gehen zu dürfen

Gast: gast
09.05.2008 10:45
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ziemlich retro, dieser kommentar

irgendetwas braucht der wiener offensichtlich immer um ausgiebig raunzen zu können. sie bekommen zwar die gelegenheit, mit der u-bahn das zenrum vor allem schneller, aber auch umsteigefrei und komfortabel zu erreichen - aber früher war trotzdem alles besser!

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Re: ziemlich retro, dieser kommentar

Was Du von Dir gibst, sind die Propagandasprüche der Stadt, die nur dann Zutreffen, wenn man vor einer U-Bahn-Station wohnt. Ist dies nicht der Fall, hast Du durch den wegfallenden Oberflächenverkehr genau das Gegenteil von schnell und umsteigefrei.

Antworten Gast: Hatschi
09.05.2008 11:55
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Re: ziemlich retro, dieser kommentar

Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Es steht nirgends, dass es früher besser war.

Die einzige Konklusio, die ich erkennen kann ist, dass ein Zusammenspiel von Straßenbahn und U-Bahn ein modernes Öffi-Konzept ergibt. Und dem stimme ich 100% zu.

U-Bahn um Stadtgebiete zu erreichen ist gut, aber dazwischen muss auch die Straßenbahn verkehren, denn die U-Bahn kann nicht so viele Stationen per km haben wie eine Straßenbahn.

Es werden heutzutage viel zu wenig Straßenbahnlinien gebaut, ich kann mich gar nicht erinnern, wann die letzten Gleise verlegt wurden ...

Liebe Grüße

Gast: - 21-
07.05.2008 13:47
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21-

Das die Ausstellungsstraße dann durch mehr Verkehr belastet wird geht mir erst jetzt auf. Ich wohne direkt an der Straße und es ist eh schon laut wegen des Praters.

Jetzt freu ich mich nur noch halb auf die U2. Ich hoffe die lassen die Gleise noch ein wenig drin!

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Natürlich wird mehr Verkehr

Dadurch daß die U-Bahn weniger Zugangsstellen hat (und nicht wie die Straßenbahn an jeder Hausecke hält) werden viele aufs Auto oder ältere Leute aufs Taxi umsteigen.

Auf Beschleunigungsmaßnahmen bei der Straßenbahn verzichtet man in Wien zugunsten von U-Bahn-Bauten vollkommen, wodurch man aber einem steigenden ÖV-Interesse entgegen wirkt.

Die Ansicht im Rathaus ist, daß Wien eine Weltstadt ist und Weltstädte nun mal U-Bahnen brauchen. Punkt aus. Daß man aber solche Verkehrsmittel braucht, wovon alle was haben, bedenkt man nicht.

Antworten Antworten Gast: Hatschi
09.05.2008 11:57
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Re: Natürlich wird mehr Verkehr

Trifft so cirka meine Antwort. :)

Ich sollte alle Beiträge vor'm Antworten lesen. ^^

Liebe Grüße

Antworten Gast: otto
08.05.2008 09:34
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Natürlich wird mehr Verkehr

Dadurch, daß es zum öffentlichen Verkehrsmittel weniger Zugänge gibt (U-Bahn-Stationen sind ja nicht wie Straßenbahnstationen an jeder Hausecke), werden mehr Leute aufs Auto oder ältere Leute aufs Taxi umsteigen.

Antworten Antworten Gast: MOE
08.05.2008 13:37
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Re: Natürlich wird mehr Verkehr

Was denkst du denn? Um die Straße autogerecht zu gestalten, müssen die lästigen Schienen entfernt werden.

Lediglich die paar hundert Meter in der Heinestraße und Mühlfeldgasse werden als Betriebsstrecke erhalten und betriebsfähig bleiben, aber sinnvollerwiese künftig nur von einem flexiblen Dieselautobus (80A wird von einem privaten Betreiber gefahren, der nicht wie die Wiener Linien mit Flüssiggas fährt).

So wird in Wien Verkehrspolitik betrieben!

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Dieser private Betreiber

ist aber über 2 Ecken eine 100% Tochter der Wiener Linien. Auf diese Weise erspart man sich das Personaltari-Wirr-Warr und die teuren Flüssiggasbusse.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: MOE
10.05.2008 23:17
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Re: Dieser private Betreiber

Ein Betreiber, der offenbar auch massiv beim Personal spart. Die meisten dort angestellten Fahrer können kaum Deutsch. Haltestellenansagen haben sie auch nicht. Sie haben zwar topmoderne Busse, die Digitaldisplays zeigen aber nichts an. Der Dr. Richard hat seit Jahren Ansagen und Haltestellenanzeigen in seinen Bussen!

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Insider
12.05.2008 12:59
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Re: Re: Dieser private Betreiber

Der Richard hat auch viel Erfahrung im Busbetrieb, während "Wiener Lokalbahnen Busbetrieb" nur zum Sparen gegründet wurde.

j.r.tm
06.05.2008 22:04
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was die

schienen werden auch noch rausgerissen?

Antworten Ophicus
07.05.2008 09:16
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Re: was die

Sicher. Irgend einen Grund braucht man ja immer um im Sommer die Straßen aufzureißen.

Antworten Antworten Gast: MOE
08.05.2008 13:33
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Re:

Die Ausstellungsstraße wird vierspurig ausgebaut und jede Menge zusätzliche Parkplätze können errichtet werden, wo jetzt noch Straßenbahnstationen sind.

Wien ist die wahrscheinlich rückständigste "Weltstadt". In Frankreich ist man gerade dabei, die Fehler der autonarrischen 60er- und 70er-Jahre zu korrigieren und um viel Geld die damals für den freien Bürger geschaffenen Autorennbahnen wieder zurückzubauen und begrünte Straßenbahnstrecken zu errichten.

Hier zwei beispielhafte Bilder, vorher eine Autorennbahn, später eine grüne Strecke. Die Bilder sind aus Paris.

http://kURL.de/inov
http://kURL.de/iviv

Antworten Antworten Antworten Gast: Hatschi
09.05.2008 11:59
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Re: Re:

Sorry, aber das sind die gleichen Bilder ...

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: hatschi
09.05.2008 14:12
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links

richtig, die richtigen sind:
http://www.viennaslide.com/p/0530-paris/Paris/2007-11-01_Paris_T3_34_Bd_Massena_01.jpg
http://www.viennaslide.com/p/0530-paris/Paris/2007-11-01_Paris_T3_34_Bd_Massena_02.jpg

ich finde das is zwar nicht das beste argument.. weil so viel toller schauts da nicht aus, aber grundsätzlich kann man dem linkposter nur zustimmen

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