Josef F., das irre Monster. Josef F., das abartige Wesen, das mit uns nichts, aber auch gar nichts gemein hat. Das Land und seine Medien verwenden in diesen Tagen wieder einmal viel Mühe darauf, sich den Gewalttäter von Amstetten vom Leib zu halten. Der Mann mit der blauen Aktenmappe vorm Gesicht wird als das ferne, abgründige, unfassbare Böse stilisiert. Als radikale Antithese zu allem, was den Österreichern lieb und heilig ist. Das Publikum nimmt diese Interpretation dankbar an.
Doch die Wahrheit ist schlimmer, und manchmal schimmert sie durch: Josef F. ist nicht das Gegenbild zur gesellschaftlichen Normalität, sondern dessen extreme Zuspitzung. Das Milieu, das ihn und seine Gewalttaten hervorgebracht hat, ist den meisten Österreichern und Österreicherinnen nur allzu vertraut: Es ist die autoritäre, patriarchale Kernfamilie, wie sie, in der katholischen Variante, am Land und in der Kleinstadt heute noch oft vorkommt. (In den Städten ist eine orientalische Version davon dazugekommen.)
Wir haben aus dem einstigen Alltag der – oberirdischen – Familie F. in den vergangenen Monaten viele Details erfahren. Der Papa bestimmte, wer reden durfte. Wer nicht gehorchte, fing sich eine Tachtel ein. Der Papa hatte die Mama „im Griff“, wie man so schön sagt. Sie erfüllte brav ihre Haushaltspflichten, sie war dabei still und sehr sparsam, denn finanziell hielt er sie an der kurzen Leine. Vor Nachbarn und Verwandten wies er sie mit gezielten Demütigungen zurecht, bis sie schwieg. Wenn so ein Vater sagt, keiner darf in den Keller, dann kann er sicher sein, dass keiner in den Keller geht. Weil alle zusammenzucken, sobald er den Blick auf sie richtet. Weil alle sich wegducken, Angst haben, gebrochen sind.
Diese Art Familie kennt beinahe jeder. In ihr ist Gewalt quasi strukturell eingebaut – noch ehe das ganz große, grausige Verbrechen geschieht. In dieser Art Familie verfügt das „Oberhaupt“ über seine Angehörigen wie über sein Eigentum. Er unterbindet Kontakte nach außen und hält sie in totaler Abhängigkeit. Er lässt sie diese Abhängigkeit spüren, indem er sich immer wieder entfernt und sie im Ungewissen lässt, wann er wiederkommt. Er spendet oder verweigert Nahrung, Zuwendung, Kommunikation, ganz, wie es ihm passt. Er kommt heim, benützt seine Familie wie ein Spielzeug, dann geht er wieder.
So ähnlich hat die Staatsanwältin in St.Pölten die Anklage gegen Josef F. formuliert. Ihre Worte beziehen sich auf den Keller – aber sie passen, in weiten Strecken, auch für das Leben im ersten Stock. Man muss die „normale“ patriarchale Gewalt, die uns allen vertraut vorkommt, bloß ins Extreme ausdehnen, zu Ende denken – dann kommt das Kellerverlies dabei heraus.
Josef F. sei „kein Monster“, sagt sein Verteidiger. Er sei „kein besonderer Mensch“, sagt der Leiter der Justizanstalt. Auf eine verräterische, schwer erträgliche Art haben sie wahrscheinlich recht.
Sibylle Hamann ist Journalistin in Wien.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2009)















