11.02.2012 18:28 | Meine Presse Merkliste0

Noch ein paar Fragen

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Bei der direkten Demokratie muss Wien nicht auf halbem Weg stehen bleiben.

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Wien will's wissen. Soll heißen: Die Wiener SPÖ stellt ihren Bürgern demnächst ein paar Fragen. Aber warum ist die Partei dabei so plötzlich so zaghaft, so zurückhaltend? Ihre Volksbefragungsidee ist inhaltlich ausbaufähig, der Stil ebenso. Anbei ein paar Ideen für einen ausführlicheren Fragenkatalog.

1)Der Bürgermeister von Wien fragt Sie nach Ihrer Meinung. BürgerInnen beweisen ihre Mündigkeit und demokratische Reife, indem sie ihre Meinung sagen, wenn sie danach gefragt werden. Möchten Sie dem Bürgermeister also Ihre Meinung sagen? o jao nein

2)Internationale Studien zeigen, dass saubere Straßen einen entscheidenden Faktor für das alltägliche Wohlbefinden darstellen und außerdem das Gesundheitsniveau und das Sicherheitsgefühl der Gesamtbevölkerung deutlich heben. Sind Sie für saubere Straßen? o jao nein

3)Einige Großstädte (z.B. Pjöngjang) haben zur Bewältigung des Müllproblems Gefängnis und Folterstrafen für Müllverursacher eingeführt. In Wien konnte durch die erfolgreiche Müllbewirtschaftungspolitik der letzten Jahre (funktionale Mülltonnen, farbenfrohe Mistkübel, freundliche Angestellte der Müllabfuhr) der Müll mit menschlicheren Methoden von der Straße beseitigt werden. Sind Sie für die Beibehaltung dieses erfolgreichen, sanften, effizienten und doch gleichzeitig überaus kostengünstigen Wegs? o jao nein

4)Sind auch Sie davon beeindruckt, wie bescheiden die Stadtverwaltung nach außen auftritt, und wie selten sie in Versuchung kommt, sich selbst zu loben? o ja o nein

5)Es ist also unbestritten, dass Wien eine tolle Stadt ist. Ist Wien eine tolle Stadt? o jao nein

6)Zahlreiche renommierte objektive ExpertInnen sagen, dass der Bürgermeister der zentrale Erfolgsfaktor für diese unbestrittene Lebensqualität in Wien ist. Vereinzelte missgünstige Neider behaupten, der Bürgermeister hätte mit der Lebensqualität in Wien wenig bis nichts zu tun. Glauben Sie im Zweifelsfall eher den renommierten objektiven ExpertInnen als den missgünstigen Neidern? o jao nein

7)Die SPÖ regiert Wien. Weil Wien demokratisch ist, wäre jede andere Regierungsform ebenfalls theoretisch denkbar, in der Praxis allerdings mit höheren Steuern, größeren Unannehmlichkeiten, schlechterer Stimmung, schmutzigeren U-Bahnhöfen und weniger Sonnentagen verbunden. Soll die SPÖ weiterregieren? o jao nein

8)Der Bürgermeister findet es super, dass Sie ihn super finden. Können Sie das nachempfinden? o jao nein

Danke für Ihre Unterstützung! Wir hätten es zwar auch ohne Sie geschafft, die richtigen Antworten auf all diese Fragen zu finden, aber wir hätten uns dabei bei Weitem nicht so gut, so sensibel und so demokratisch gefühlt!

Ihre Wiener SPÖ.

Sibylle Hamann ist Journalistin in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2010)

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6 Kommentare

lgabriel
20.01.2010 15:53
1 0

......mein Tag ist gerettet

Gratulation und Dank Frau Hamann!!!

Sie haben mit diesem Artikel nicht nur den Nagel auf den Kopf getroffen, sondern eine exakte Analyse der Einbildung unserer Wiener Politiker gemacht!

Vielen Dank!


1 0

das motto des ganzen: gib dem affen zucker!

wäre die bevölkerung ausgestattet mit demokratischer reife, dann wären solche no-na-net befragungen überflüssig.

aber eine überwältigende mehrheit wünscht sich statt politik halt eine polit-show, in vielfältigen ausprägungen.

das volk bekommt, wonach es dürstet und was es verdient!

Gast: Wissender
20.01.2010 12:28
1 0

Respekt

Ich bin ja selten begeistert von Frau Hamanns Artikeln und Ansichten, aber mit diesem Artikel hat sie mir den heutigen Tag definitiv versüßt.

Gast: skeptischer Wiener
20.01.2010 10:06
1 0

Warum nur

BürgerInnenmeisterIn? Daß die Stadt Wien die Neider nur in der geschlechtsneutralen Form konventioneller Art (also nicht NeiderInnen) ansprechen würde, ist eine Unterstellung von Frau Hamann. Selbstverständlich spricht die Stadt Wien auch von EinbrecherInnen, MörderInnen etc.

Gast: begeisterter Wiener
19.01.2010 23:45
2 0

auf halbem Weg

stehen bleibt, wer uraltpatriarchal vom Bürgermeister spricht. Häupl ist unser BürgerInnenmeisterIn.

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