25.05.2012 12:27 | Meine Presse Merkliste 0

Dienen, aber richtig

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Erstens sollten wir Frauen und Männer beim Wehrdienst gleich behandeln. Und ihn zweitens abschaffen.

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Weil die Kasernen auseinanderfallen, weil immer mehr Jungmänner untauglich sind, weil die Gewissensprüfung niemanden überzeugt und weil die Motivation im Keller ist, bei den Grundwehrdienern ebenso wie beim zuständigen Minister: Denken wir über das Bundesheer doch einmal grundsätzlicher nach.

Fangen wir mit der radikalsten Idee an: Männer und Frauen bei der Wehrpflicht gleich zu behandeln. Dafür, dass Männer mehrere Monate ihrer Lebenszeit und Arbeitskraft dem Staat schenken müssen, Frauen jedoch nicht, gibt es, wenn man vom Grundprinzip der Gleichberechtigung überzeugt ist, kein einziges logisches Argument. Die einen Menschen – Männer wie Frauen – eignen sich besser für das Militär; andere – Männer wie Frauen – weniger. Selbst wenn man ein Mindestmaß an Muskelkraft (oder Körpergröße) als Voraussetzung definiert, wird man kaum behaupten können, alle Männer seien stärker (oder größer) als alle Frauen.

Wie man Landesverteidigung unter den gegenwärtigen geostrategischen Umständen am besten organisiert, kann man rational diskutieren. Nicht rational diskutieren kann man hingegen ein Gesellschaftsbild, wonach Verteidigung eine ureigene Männeraufgabe sei, während Frauen daheim bleiben sollen, um die Kinder und das Feuer zu hüten.

Haben wir den Schock über die Gleichbehandlungsidee verdaut, stellen wir fest, dass bereits vieles leichter zu lösen ist. Etwa das paradoxe Problem, dass Österreich die Wehrpflicht schon allein deswegen braucht, weil Krankenhäuser, Heime und andere Institutionen dringend auf die Ersatzdienstleistenden angewiesen sind. Stünden da Männer und Frauen zur Verfügung, könnte man die Dienstzeit für alle radikal verkürzen. Oder nur die jeweils motiviertesten einziehen.

Denken wir jedoch noch weiter. Etwa daran, die Wehrpflicht überhaupt abzuschaffen – und stattdessen ein Freiwilligen- (halb)jahr zu entwerfen, das sowohl in der militärischen als auch in der zivilen Variante attraktiv genug ist, um junge Menschen beiderlei Geschlechts anzulocken.

Diese Attraktivität muss sich nicht ausschließlich in Geld niederschlagen. Der Staat könnte, als Gegenleistung, auch Perspektiven bieten: eine praktische Ausbildung etwa, die sich beruflich nützen lässt; die bevorzugte Aufnahme im Bundesdienst; die Befreiung von Studiengebühren oder eine Starthilfe für die Selbstständigkeit. Ein Freiwilligenjahr im Krankenhaus könnte Zusatzpunkte beim Medizin-Aufnahmetest bringen oder als Praktikum angerechnet werden.

Die überzeugendste Herausforderung eines Freiwilligendienstes wäre allerdings: 18-jährige Burschen und Mädchen etwas machen zu lassen, in dem sie einen Sinn erkennen können. Wetten, dass sich dafür genügend finden?

Sibylle Hamann ist Journalistin in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2010)

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11 Kommentare
Gast: anonymos
24.02.2010 10:26
0 0

übrigens ...

... im alten Kaiserreich konnte man als Einjährig Freiwilliger "dienen" ...
... und im "ritten Reich" gab es den Heimdienst - Schulabgängerinnen leisteten 1939 ein obligatorisches Pflichtjahr in der Landwirtschaft und in kinderreichen Familien ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Frauen_im_Nationalsozialismus
Was hätte der alte Kreisky gesagt:"Lernens a bisserl Geschichte ..."

Gast: anonymos
24.02.2010 10:17
0 0

was Sie alles wissen

Es gibt so viele Dinge, die Sie fordern, die es aber ohnedies gibt. Wo haben Sie Journalismus gelernt - sicher nicht bei Prof. Weinzierl.

Gast: Prometheus
21.02.2010 10:12
0 0

Freiwillig

im grunde sind die rund 2,1 Mrd fürs Heer politisch nur dazu da die zivildiener zu subventunieren.
Freiwilligenjahr mit anreizen ist sicher interdessant und in der Form fast die beste idee in die richtung.
aber was passiert dann mit dem heer?

komajo
16.02.2010 16:38
1 0

Wehrpflicht

kann bedeuten Dienst mit der Waffe oder Dienst ohne Waffe. Dienste ohne Waffen zu finden dürfte nicht schwer fallen und könnten wesentlich zur Gleichheit vor dem Gesetz beitragen. Übrigens Dienst kommt von dienen. Das haben in der letzten Vergangenheit immer weniger gelernt. Daher haben sie auch ein Weltbild, dem sie mit ihren Fähigkeiten nicht gerecht werden und dann allzu oft im Leben kläglich scheitern.

Gast: mike
15.02.2010 14:10
1 0

Die Sache mit dem "Sozialdienst"

hat einen Haken:
Laut Menschenrechtskonvention ist als Pflichtdienst mW NUR Wehr - oder Wehrersatzdienst zulässig.
Also ..

Krusty
15.02.2010 11:19
1 0

Gleichberechtigungswahnsinn

Ich fände es langsam an der Zeit, wieder über etwas völlig elementares nachzudenken - nämlich die gesellschaftliche Wiederanerkennung der Rolle der Mutter!

Diese Rolle wahrgenommen - und nicht dem Kindergartenpersonal oder den Lehrern überlassen - hat mehr gesellschaftliche Bedeutung und Nachhaltigkeit als ein Jahr im Bundesheer oder im Zivildienst verbracht.

Das sollte wieder ganz nach oben auf die Liste der anerkannten Jobs - dann klappt's vielleicht auch wieder mit der (heute so katastrophal niedrigen) Geburtenrate!

miles77
13.02.2010 15:57
0 0

Anleitung und Hanlungsfreiheit

Sehr geehrte Fr. Hamann.

Ich finde Ihr Konstrukt eines von Freilwilligkeit und Interesse getragenen Dienstjahres wundervoll.
Erstens weil 18-jährige von vornherein dazu tendieren aus einer moralisch staatsbürglichen Grundhaltung heraus das Richtige und Zukunftsweisende zu tun. Zweitens weil die Erwachsenen oder zumindest älteren auf eben dieser Moralität basierend immer das Allgemeinwohl fest im Blick haben und somit ein leicht nachzuarmendes Beispiel abgeben...

Bitte verzeihene Sie mir meinen Sarkasmus. Aber Ihre Idee ist nicht wirklich neu, auch wenn sie aus dem Blickwinkel der Gleichberechtigung entwickelt wurde.
Ich denke, dass staatstragende Systeme nicht funktionieren, wenn sie auf völlige Repression oder totale Handlungsfreiheit basieren. Wir sind eben alles nur Menschen, die von Zeit zu Zeit ein wenig "Anleitung" und Handlungsfreiheit brauchen.
Im jetzigen System haben eben die Männer mehr "Anleitung" und die Frauen mehr Handlungsfreiheit. Ich gönne es den Frauen, die ja sonst nicht immer auf die "Butterseite" fallen. Außerdem drückt sich diese Handlungsfreiheit schon jetzt in einem unbändigen, flächendeckenden und freiwilligen sozialen Engagement aus. Oder etwa nicht?;-)

Nebenbei: Sollten wir nicht die notwendigen Dinge sinnvoll erklären, anstatt Dinge zu suchen die jugendliche sinnvoll finden? Naja, wer weiß.


Gast: Deutscher
12.02.2010 12:40
0 0

Gruß aus Deutschland!

Respekt!, bei uns sind die Emanzen noch nicht so weit, da werden Quoten für Aufsichtsräte und ähnliches gefordert, aber eine gleiche Wehrpflicht, oder die Abschaffung um Männer von dieser schlimmen Diskrimminierung zu befreien, kommt unseren "KämperINNEN für Gerechtigkeit" nicht in den Sinn.

Murray
10.02.2010 21:25
0 0

Ein kleiner Einwand

Demokratien gab es in den Staaten, in denen sich die Bürger um ihre Verteidigung selbst kümmerten. Die Staaten, in denen das nicht geschah, gingen entweder zu Grunde oder wurden zu Despotien. Was wird mit Österreich geschehen?

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die wehrpflicht überhaupt abschaffen?

aber wo sollen dann all die jungen männer eine gratis-ausbildung zum alkoholiker bekommen?

Gast: Martin Müller
10.02.2010 15:05
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Positiv überrascht

Oh, bin positiv überrascht, das eine Frau wirkliche Gleichberechtigung fordert! Ich bin sonst eher gewohnt, dass Frauen mit "Gleichberechtigung" meinen: alle Vorteile für Frauen, keine für Männer. Respekt!

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