11.02.2012 20:32 | Meine Presse Merkliste0

Manches muss man aushalten

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Warum Bettelverbote nicht nur für Bettler, sondern für alle schädlich sind.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wer einem buddhistischen Bettelmönch begegnet, bedankt sich bei ihm, bevor er ihm eine Münze in die Hand drückt. Ein Almosen zu geben bringt dem Geber nämlich Glück, und der freut sich, wenn Glück zum Schnäppchenpreis zu haben ist. Wer Moslem ist, darf sich ebenfalls besser fühlen, wenn er eine milde Gabe loswird. Dann hat er nämlich den „Zakat“ geleistet und eine seiner fünf religiösen Pflichten erfüllt – für den Tag zumindest. Hoffentlich ist am nächsten Tag wieder ein Bettler da.

In den österreichischen Fußgängerzonen freut sich allerdings kaum jemand; schon gar nicht über die Männer und Frauen, die dort die Hand aufhalten. „Menschen, die durch ihr verwahrlostes Auftreten erhebliche Verunsicherung auslösen“, sollen, laut Wiener SPÖ, von der Polizei künftig weggewiesen und mit Geldstrafen belegt werden. Das komme, freut sich die Wiener ÖVP, einem Bettelverbot recht nahe und sei daher „ein wichtiger Schritt für mehr Sicherheit“. „Fühlen Sie sich von Bettlern belästigt?“ fragt der „Kurier“ auf seiner Homepage – und 69 Prozent kreuzen folgende Antwort an: „Ja, Bettler gehören nicht in ein modernes Stadtbild.“

Daran ist gleich mehreres interessant. Zunächst, dass die Ankreuzer wahrscheinlich nicht tatsächlich „von Bettlern belästigt“ werden – sondern von deren Anblick. Daran schließt die Frage an: Ist es die Existenz der Armen, die uns stört – oder die Tatsache, dass die Armen uns dreist an ihre Existenz erinnern?

Eine Politik, die den Anblick von Armut verbietet, fühlt sich für uns (relativ) Reiche spontan gut an. Logisch, erspart sie uns doch unangenehme Begegnungen und Momente des Zweifels, der Ratlosigkeit, der Scham. Sie erleichtert uns. Gleichzeitig jedoch hält sie die Wirklichkeit von uns fern. Und damit belügt sie uns.

Es geht nämlich bei Bettelverboten nicht um die Ordnung in unseren Privatgärten, sondern um den öffentlichen Raum. Der gehört allen. Es mag schon sein, dass manche Menschen „durch ihr verwahrlostes Auftreten erhebliche Verunsicherung auslösen“. Es mag auch sein, dass Punks, Polizisten, Pelzhaubenträgerinnen, Kranke oder SPÖ-Funktionäre durch ihr jeweils spezielles Auftreten Verunsicherung auslösen. In einem demokratischen Gemeinwesen ist die Irritierbarkeit der einen allerdings kein ausreichender Grund, um andere einfach des Platzes zu verweisen. Wie viel „Verwahrlosung“ dürfte denn sein, ehe man den Titel „Bürger“ entzogen bekommt? Und wer bestimmt das?

Sagen wir es so: Wer in Wohlstand lebt, muss es aushalten, von Zeit zu Zeit daran erinnert zu werden, dass andere nicht in Wohlstand leben. Wer etwas hat, muss von Zeit zu Zeit seinen Kriterienkatalog überprüfen, warum er wem etwas davon abgibt und warum wem nicht. Sagen wir: Ein bisschen Verunsicherung gehört dazu.

Sibylle Hamann ist Journalistin in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2010)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

57 Kommentare
 
1 2
Gast: Staatsfreund No1
22.03.2010 23:36
0 3

Selten so treffend

formuliert.
Dass gerade die roten sozialisten jetzt wie die blauen sozialisten zum Ausschlagen anfangen ist pikant.
Wo bleibt denn jetzt die Solidarität.
Arigona wollen sie unterstützen, halten, Moldawier und andere "unansehliche" Personen müssen die Kärntnerstrasse verlassen.
Ein Armutszeugnis für die Gesellschaft!

Gast: mike
22.03.2010 17:41
3 0

seit ich näheres über

die "fund raising" Industrie sowie über das organisierte ettlerwesen erfahren habe, überlege ich mir die Mildtätigkeit sehr sorgfältig ..

1 1

Nur die Penetranz

von Frau Hamanns Gutmenschelei übersteigt die Penetranz der aufdringlichen Bettlerbanden.

Gast: hot
21.03.2010 11:00
4 1

meine anschauung zum betteln!

also ich bin der meinung, dass frau hamann nicht weiss wovon sie schreibt! denkens einmal scharf nach gnä frau...........................
sie können mir glauben wenn ich ihnen schreibe, dass ein armer mensch lieber vor SCHAM in den boden versinken würde als betteln zu gehen!!!!!
zuzugeben das man arm ist oder von jemandem beim betteln erkannnt zu werden ist für wirklich arme menschen eine grosse schande!

das ist so!!!!!!!!!!!!

die bettler die sie gesehen haben sind organisierte denen das geld abgenommen wird,punks, arbeitsscheue und gestrandete oder gewollte sandler
schreiben sie sich das hinter die ohren. sie sollten auf grund ihres "berufes" zuerst sauber recherchieren und sich die bettlerszene genau und lange genug anschauen

Gast: Martin S
20.03.2010 22:30
4 2

Ich denke,

es geht eher darum, dass niemand mehr gewillt ist, importierte Profi-Bettler aus Rumänien und Bulgarien hier zu haben, die einem penetrant Ihre diversen Missbildungen unter die Nase reiben und die Hand so dicht an einem Gesicht halten, dass einem schlecht wird. Man sieht, Frau Hamann war noch nie zB in Favoriten oder Wieden unterwegs, dann wüsste Sie das. Aber dazu ist Sie sich wohl zu "foin"...

Gast: Liberaler Falke
20.03.2010 11:00
6 2

Was kennzeichnet die Linke?

Ein Mangel an Realitätssinn: da werden die Fakten negiert, umgebogen und zurecht geschliffen, um den eigenen romantischen "Gerechtigkeitssinn" zu befriedigen. Marke: der edle Ritter gegen die Bösen (Rechten). Die Zutaten Professionelle Bettlerbanden, Kleinkriminalität, Bettlermönche und Muslime zu einer SPÖ/Bösmensch Kritik zusammen zu rühren, zeigt eine vergutmenschlichung des Geistes. Mindestens!

Raphae1
20.03.2010 02:11
0 0

Bekämpfung des Bettelunwesens

Die Polizei startete bereits im September 1933 eine reichsweite Aktion zur »Bekämpfung des Bettelunwesens«. Razzien fanden in Hamburg in der Zeit vom 18. bis zum 23. September statt, die von einer breiten Pressekampagne begleitet wurden. Rund 1.400 Menschen wurden verhaftet und für mehrere Tage in Schutzhaft genommen. Die Aktion gegen die öffentliche Bettelei, die doch für viele Obdachlose und Wanderer die einzige Möglichkeit geblieben war, der eigenen existentiellen Not zu begegnen, verfehlte ihren Zweck nicht. Nach einem Bericht der zuständigen Kriminalinspektion vom 25. Oktober 1933 hatten viele Bettler Hamburg verlassen, und es war seit dieser Zeit „ein starker Rückgang des Bettelunwesens“ zu verzeichnen.

Antworten Gast: Liberaler Falke
20.03.2010 11:02
0 2

Lassen Sie mich raten

Politwissenschaften mit starkem Interesse an Zeitgeschichte? Sie mögen zwar gut zitieren, aber es fehlen bei Ihren Ausführungen noch mindestens 10 Jahre Sachverstand, um wirklich zu kapieren, warum und wieso diese Aktionen 1933 gesetzt wurden.

Antworten Antworten Raphae1
21.03.2010 15:55
0 0

Re: Lassen Sie mich raten

Warum und wieso wurden diese Aktionen ihrer Meinung nach 1933 gesetzt?

Antworten Antworten Arethas
20.03.2010 14:18
1 1

Re: Lassen Sie mich raten

Baumschule und zwei Tanzstunden -
aber noch gelehrter als Fr. Hamann.
Was glaubt der, wie stark dass Bettelunwesen nach dem Feuersturm zurückgegangen ist...
Ceterum censeo: Fischer verhindern!

Antworten Antworten Antworten Raphae1
21.03.2010 01:35
0 0

Re: Re: Lassen Sie mich raten

Die Welt ist ja bekanntlich kein liberales Blatt.
"Wer das Erinnern verlernt, verliert seine Identität"
http://www.welt.de/welt_print/article2265990/Wer-das-Erinnern-verlernt-verliert-seine-Identitaet.html

Antworten Antworten Antworten Gast: Liberaler Falke
20.03.2010 15:41
0 0

Re: Re: Lassen Sie mich raten

das wäre aber 10 Jahre später und ein paar echte Menschheitsverbrechen später...

Gast: birgit
19.03.2010 08:06
1 5

Menschenverachtung

Wenn Menschen, die ohnehin benachteiligt sind, jetzt durch eine Gesetzesänderung, nur aufgrund ihrer äußerer Erscheinung noch weiter "bestraft" werden, ist das schlichtweg Menschenverachtung!

Die SPÖ dürfte ihre Grundwerte endgültig in Klo geschüttet haben, wenn sie jetzt in ihren Antrag schreibt es geht dabei um..."moldawische Bettler, die sich absichtlich verstümmeln und danach organisiert das erbettelte Geld abnehmen lassen"...

Antworten Gast: der es schon satt hat.
19.03.2010 14:49
5 1

Typisches Gutmenschengewinsel!

Warum sollen sich alle ÖsterreicherInnen zwangsbeglücken lassen. SIE und Ihresgleichen können sich ja um diese armen Menschen kümmern. Tun SIE persönlich was und jammern Sie da nicht herum.
Sie könnten sich ja mit Frau Hamann zusammentun. Helft. Tut selber was.
Ihr wollt ja die Bettler hier.

Antworten Antworten Raphae1
20.03.2010 01:47
0 2

Re: Typisches Gutmenschengewinsel!

Wer sagt Ihnen denn, dass Fr. Hamann und Birgit Bedürftigen nicht helfen? Sie sollten nicht immer von sich selbst auf andere Menschen schließen.

Antworten Arethas
19.03.2010 13:59
3 1

Re: Menschenverachtung

Sie sollten etwas zurückhaltender argumentieren. Dieses hysterische Gezeter erstickt jede Form von Sympathie schon im Ansatz.
Haben die Österreicher nicht das Recht, sich im eigenen Land frei und unbelästigt zu bewegen?

smeki
19.03.2010 01:56
1 1

Die Verrechtlichung des Asozialen ...

... war eine nach den Zeiten des Faschismus als verabscheuungswürdig angeprangerte Praxis. Diese Abscheu wurde offenbar selbst von einer sich zumindest selbst so bezeichnenden sozialdemokratischen Partei abgelegt ...

Raphae1
18.03.2010 22:56
0 0

Unterdrückung und Gleichschaltung

Am 1. Juni 1933 erließ das preußische Innenministerium eine Verordnung zur Unterdrückung des öffentlichen Bettelunwesens. Armut und Bedürftigkeit wurden mehr und mehr kriminalisiert.

Die Polizei selbst, die keine demokratische Aufsicht mehr zu befürchten brauchte, startete im Mai und Juni 1933 eine Serie großangelegter Razzien in Bezirken, in denen sie die Schlupfwinkel krimineller Banden vermutete.

Antworten Arethas
19.03.2010 13:54
2 0

Re: Unterdrückung und Gleichschaltung

Und was soll dieser Hinweis jetzt belegen?
Dass es durchaus in Ordnung ist, wenn Kinder bettelnd auf der Straße stehen?
Dass die Polizei keine Razzien gegen mutmaßliche Kriminelle machen soll?
Armut und Bedürftigkeit sind Probleme, die von den Betroffenen durch Betteln auch nicht gelöst werden können.

Antworten Antworten Raphae1
21.03.2010 16:06
0 2

Re: Re: Unterdrückung und Gleichschaltung

Ich finde es widerlich, dass Sie ausgerechnet jenen Menschen, die nicht wollen, dass BettlerInnen in Wien gedemütigt, kriminalisiert, vertrieben und bestraft werden, unterstellen sie wären *für* Kinderarmut.

Antworten Antworten Antworten Arethas
21.03.2010 19:39
1 1

Re: Re: Re: Unterdrückung und Gleichschaltung

Finden Sie nur, was Sie wollen.
Empfindungen und Gefühle ersetzen aber keine Argumente, nirgendwo habe ich geschrieben, ich wäre dafür, dass bettelnde Kinder bestraft, gedemütigt oder kriminalisiert werden sollen.
Das bilden Sie sich einfach ein.

Antworten Antworten Antworten Antworten Raphae1
21.03.2010 19:48
0 1

Re: Re: Re: Re: Unterdrückung und Gleichschaltung

Aber vertrieben werden sollen bettelnde Kinder schon, weil Sie glauben ein Recht zu haben nicht "belästigt" zu werden?

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Arethas
21.03.2010 20:29
1 1

Re: Re: Re: Re: Re: Unterdrückung und Gleichschaltung

Erstens glaube ich es nicht, sondern bin mir hundertprozentig sicher, ein Recht darauf zu haben, und zweitens frage ich Sie gerne nochmal, was man Ihrer Ansicht nach mit Kindern machen soll, die statt etwa in die Schule zu gehen, unbeaufsichtigt in Einkaufsstraßen betteln oder schlimmer noch, von Älteren dazu missbraucht werden.

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Raphae1
21.03.2010 20:43
0 1

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Unterdrückung und Gleichschaltung

Es ist nicht Aufgabe der Polizei bettelnde Kinder zu vertreiben, damit sich Arethas nicht belästigt fühlt, sondern Aufgabe der Magistratsabteilung 11 sich um diese Kinder zu kümmern.

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Arethas
22.03.2010 23:11
0 0

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Unterdrückung und Gleichschaltung

Und von der Straße zu holen, darauf wollten Sie doch hinaus?

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Raphae1
22.03.2010 23:54
0 0

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Unterdrückung und Gleichschaltung

Selbstverständlich. Aber im Unterschied zu Ihnen wünsche ich diesen Kindern weder eine Wegweisung noch eine "Schutzhaft".

 
1 2

Mehr Quergeschrieben:

Top-News