18.06.2013 08:13 Merkliste 0

Wenn etwas passiert

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Naturkatastrophen legen die Schwachstellen einer Gesellschaft frei.

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Wenn die Erde gebebt, der Wald Feuer gefangen hat, der Fluss über die Ufer getreten ist – dann gibt es immer auch einen Augenblick der Wahrheit. Die Regeln, nach denen der Alltag im Normalfall funktioniert, sind außer Kraft gesetzt. Not, Angst, Chaos und Panik wischen die Konventionen weg. Und darunter kommt Elementares zum Vorschein.

Man kann sagen: Wenn die Erde gebebt, der Wald Feuer gefangen hat, der Fluss über die Ufer getreten ist, verrät sich Grundsätzliches darüber, wie eine Gesellschaft funktioniert, und wo ihre Schwachstellen liegen.

1995 zum Beispiel bebte in der japanischen Metropolenregion Osaka-Kobe-Kioto die Erde, Stelzenautobahnen und Gebäude stürzten ein, es brannte. Tagelang standen Soldaten, Polizisten und Freiwillige herum, warteten auf Befehle – und taten nichts. Tausende Menschen kostete diese kollektive Lähmung das Leben. In schmerzhafter Selbsterforschung suchte Japan anschließend die Ursachen und lernte dabei viel über sich selbst: wie schwer es dem Einzelnen fällt, Verantwortung zu übernehmen, ohne sich nach allen Seiten abzusichern. Weil Eigeninitiative in der japanischen Gesellschaft traditionell nicht als mutig, sondern als rücksichtslos geächtet wird.

In Russland haben die verheerenden Wald- und Torfbrände nun eher Gegenteiliges freigelegt: die völlige Abwesenheit von Rücksicht und Regeln, die das Gemeinwesen im Blick haben. Seit Generationen haben die Russen gelernt, dass es eine Obrigkeit gibt, die zwar allmächtig ist– aber sich im Detail um nichts kümmert. Dass man selber schauen muss, wie man zurechtkommt, notfalls per Ellbogencheck gegen den Nachbarn. „Dienst an der Allgemeinheit“ war stets von oben angeordnet und mit Zwang durchgesetzt, sei es der Frondienst für den Feudalherrn, sei es das Marschieren für die Kommunisten. Freiwilligkeit hingegen wurde den Russen systematisch ausgetrieben, jede Selbstorganisation misstrauisch beäugt und bestraft. Eine Freiwillige Feuerwehr kann unter solchen Umständen ebenso wenig entstehen wie kollektives Umweltbewusstsein.

In Pakistan wiederum, wo Millionen Menschen nach der Flut ihre gesamte Existenz verloren haben, kommt eine politisch brisante Wahrheit zum Vorschein, die sich früher schon in der Türkei oder in Ägypten gezeigt hat: Die einzigen Helfer, auf die sich die Menschen in akuter Not verlassen können, sind die Islamisten. Die Macht in Pakistan gehört – wie in fast allen mehrheitlich muslimischen Staaten – einer korrupten, abgehobenen Elite, die nicht einmal mitkriegt, wenn ihr Volk Hilfe braucht. Islamistische Organisationen hingegen sind sofort vor Ort, haben ein engmaschiges Netz von Freiwilligen und sind die Einzigen, denen man zutraut, nicht zum eigenen materiellen Vorteil zu handeln.

Was wir über Österreich lernen würden? Das wissen wir erst, wenn etwas passiert.

Sibylle Hamann ist Journalistin in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2010)

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8 Kommentare
Gast: Nicht mit meinem Geld
18.08.2010 15:02
2 1

Wahr ist vielmehr,

dass die von Frau Hamann so hochgepriesenen "Islamisten" mit Mord und Terror jegliche Hilfe zu verhindern wissen.

Eine Dame der Caritas hat gestern übrigens im Radio erklärt, dass nach Pakistan gar keine Hilfsgüter eingeführt werden müssen, da es genügend Ressourcen im Land gibt. Es fehlt lediglich an Geld, das dringend benötigt wird, und von Vertrauenspersonen vor Ort optimal eingesetzt wird. Derartige Hilfe hat dann zwei Effekte: Wenn es Hilfe gibt, dann geht diese durch die Hände der Taliban (=lokale Experten), was für dieser Gruppe zu enormem Nachwuchs verhilft. Zweitens fließt das Geld unmittelbar in die Taschen der Taliban, womit diese wieder neue Waffen für ihren Terror beschaffen können.

in Österreich würds super ablaufen!

Wir haben nämlich das sagenumwobene und allmächtige TEAM ÖSTERREICH!!! *prust*

Re: in Österreich würds super ablaufen!

Stimmt, daran musste ich auch gleich denken *kicher*

2 0

Wir wissen es.

Nach dem 2. Weltkrieg, als die gesamte Bürokratie eingebrochen war, ist die Kirche eingesprungen. Das dichte Pfarrnetz fungierte als Behördenersatz bis der Staat seine Aufgaben wieder wahrnehmen konnte. Auch heute wäre es nicht anders. Wo sonst gibt es ein so viele organisierte und gut vernetzte Menschen die gewillt sind Gutes zu tun.

Super Artikel...

...in Österreich ist das so eine Sache ... im ländlichen Raum werden wohl die Feuerwehren gute Arbeit leisten. In Wien wäre nach einem Erdbeben die rote Schickeria wahrscheinlich hilflos...

Wiederholungstäterin

Wie lautet das LinkInnen-Wort, das auf die meisten von Hamanns Kolumnen zutrifft?

Unerträglich...

bist es du?

der senile piatny?

bitte schreib zum 'linkInnen' noch ein 'gutmensch' dazu, dann bin ich mir sicher!

wennst nicht der piatny bist, dann macht es auch nichts. es gibt noch andere an der demenz dahinschrammende fanatiker....

Re: bist es du?

Wer soll das sein?

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