11.02.2012 07:54 | Meine Presse Merkliste0

Sie nennen ihn Ćiro

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Über Schmalspurbahnen und Autobusse, über Tito und Erwin Pröll.

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Der vergangene Samstag war ein Festtag im ostbosnischen Städtchen Višegrad. Die Sonne schien, und nach über 30 Jahren fuhr erstmals wieder eine Dampflok in den Bahnhof ein. Tausende Menschen waren da, die älteren hatten Tränen in den Augen. Er hätte nie gedacht, dass er in Višegrad je wieder einen Zug sehen werde, sagte der ehemalige Bahnhofsvorstand.

Die Bahnstrecke gehörte einst zu einem riesigen Schmalspurbahnnetz, das die österreichischen Besatzer Anfang des 20.Jahrhunderts quer durch Bosnien und die Herzegowina gebaut hatten, von der Adriaküste bei Dubrovnik über Sarajevo bis an die serbische Grenze. Später fuhr die Bahn sogar bis Belgrad. In den 1970er-Jahren jedoch war Schluss. Das fortschrittsgläubige Jugoslawien wollte keine Bummelbahn mehr. Autobusse waren super, Autobusse waren modern, Tito ließ das gesamte Netz stilllegen und durch Buslinien ersetzen.

Dass das ein Fehler war, hätten die Machthaber bald erkennen können – hätten sie den Menschen zugehört. Die nannten die Schmalspurbahn „Ćiro“ und sangen über sie noch Lieder, als es sie längst nicht mehr gab. Als hunderttausende Serben gegen Milošević protestierten, sangen sie: „Ćiro, Ćiro, tschu, tschu, tschu, nimm doch bitte den Diktator und seine Familie mit, und bring ihn nie wieder!“

Dann war Milošević tatsächlich weg. Das Land war wirtschaftlich bankrott, von Krieg und Kriegsverbrechen gezeichnet. Trotzdem fand man die Kraft, die spektakuläre Bergstrecke über das Šargan-Gebirge wieder aufzubauen, samt unzähligen Brücken und Tunnels. 2003 fuhr der erste Zug über den „serbischen Semmerin“. Emir Kusturica drehte an der Strecke seinen Film „Das Leben ist ein Wunder“, baute ein Touristendorf, und der Bahnhof, der als Filmkulisse diente, ist heute ein echter Bahnhof, an dem zehntausende Urlauber ankommen.

Die Idee, eine bitterarme Regionen mit Tourismus zu beleben, ging auf. Was auf der serbischen Seite funktionierte, soll durch Ćiros Verlängerung nach Višegrad jetzt auch Ostbosnien den Aufschwung bringen. Man kann sagen: Sogar in einem von Korruption und Misswirtschaft gelähmten Land sind gewagte Projekte möglich, die identitätsstiftend und profitabel sind.

Im Ybbstal hingegen fahren in diesen Tagen die letzten Züge der Schmalspurbahn. Auch im Mostviertel, in der touristisch wichtigen Wachau, im Weinviertel und im Voralpenland werden Bahnen eingestellt, die Schienen vermutlich bald abgetragen. 630 Schienenkilometer hat das Land Niederösterreich eben von den ÖBB übernommen, auf bloß 90 davon sollen weiterhin Züge fahren. Erwin Pröll ersetzt sie durch ein „modernes Buskonzept“.

Autobusse sind super, Autobusse sind modern: In Niederösterreich heißt das heute „neue Wege“ und „hohes Niveau des öffentlichen Nahverkehrs“. Im Jugoslawien der 70er-Jahre, unter Tito, hätte man das gut verstanden.

Sibylle Hamann ist Journalistin in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2010)

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9 Kommentare
Gast: www.thayatalbahn.at
27.09.2010 12:59
0 0

www.thayatalbahn.at

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Zitat: „Die Trasse bleibt ja auch durch den Radweg erhalten“, so Strohmayer-Dangl."

Dieses Argument ist nicht nachvollziehbar: man reißt Schienen heraus, zerstört Infrastruktur, mit dem Argument der Erhaltung derselben?
Die Wiederherstellungskosten der Bahnlinie würde sich dadurch vervielfachen!

Zitat LR Heuras: "Wir übernehmen doch nicht die Nebenbahnen um sie zuzusperren." (Siehe Kurier Interview vom Feb. dJ)

badat
04.09.2010 22:15
0 0

Traurig aber wahr

Leider kommt diese Politik gut an. Die Ostösterreicher und unter ihnen vor allem die nach NÖ gezogenen Ex-Wiener sind zu einem nicht geraden kleinen Teil pathologische Autofetischisten. Wenn man mit offenen Augen durchs Land geht, bleibt einem manchmal der Mund vor Staunen offen. Ein paar Schmankerln:
- Der Waldviertler, der am Samstag zu seiner Frau "I fohr a poar Rundn" sagte, sich ins Auto setzt und drei Stunden spazierenfährt
- Die Jungeltern, die stundenlang mit ihren Kindern im Kreis fahren "weil sie dann gut schlafen"
- Der Mann, der bei angenehmen 19 Grad Außentemperatur und offenem Fenster eine geschlagene halbe Stunde mit laufende Motor am vor dem Bahnhof Ladendorf auf seine Frau wartete
- Die Hundebesitzer, die trotz Gehweg mit ihrem hund 500 Meter zum Waldrand fahren,um dort mit ihm spazierenzugehen
- Der Mann aus der Nachbarfirma, der in der Mittagspause jeden Tag bei laufendem Motor,im Sommer mit Klima,im Winter mit Heizung in seinem Auto sitzt und Musik hört,und und und

Bei solchen Leuten kommt jede Bahnstilllegung gut an, schließlich müssen sie dann einmal eine Minute weniger an einem Bahnübergang warten.

erinnye
03.09.2010 16:53
0 0

was erwartet


man sich von pröllland? *fg*

galli leo
02.09.2010 14:31
0 0

es sind die rechenkünste und die externen kosten!



die externen kosten, also der betrag, der zwar an kosten anfällt, aber nicht vom verbraucher sondern von der allgemeinheit bezahlt wird, betragen bei der bahn 1 cent pro kilometer, beim auto 10 cent pro kilometer (sorry, für lkw ist mir die zahl entfallen, liegt jedenfalls bei einem vielfachen des autos).

ein politiker, der je laut jobdescription ein guter rechner sein muss, geht das problem folgendermaßen an:
bahn - 1 cent
auto - 10 cent!

also ist das auto doch 10 mal soviel wert!
weg mit der bahn!!!

und der pöbel applaudiert. es ist ja die bahn ganz woanders, und es wurden soeben 1 cent pro kilometer eingespart, hurra!

Antworten Gast: Martin_S
03.09.2010 12:01
0 0

Re: es sind die rechenkünste und die externen kosten!

nach Ihrer Logik müsste die ÖBB ha jährlich Massive Gewinne einfahren.. UUPS! Tut sie nicht! Sie vergesse wohl auch die Erhaltung des Schienennetzes, der Bahndämme, der Signale usw usw... Wie kommen Sie auf 1 Cent????

Gast: tschu, tschu
02.09.2010 07:12
0 0

kann sein,

daß unser gütiger Landesvater außer ein Buch gelesen auch einen Film gesehen?

Gast: Urs Zügli
31.08.2010 21:43
0 0

Das Ybbstal - ein Sinnbild für die Unfähigkeit von Pröll (gleich nach dem Semmeringtunnel)

Autobusse bedeuten die Kostenüberwälzung der Nahverkehrsaufgaben an den straßenerhaltenden Steuerzahler. Hat jemals schon jemand einen Teil des Gewinns der Busunternehmer für den Straßenbau eingefordert, wo sie ihre Gewinne doch mit der Nutzung von öffentlichem Gut erzielen? Bei Straßenfrächtern beginnt man wenigstens auf den Autobahnen mit kilometerabhängiger Maut. Die Kostenwahrheit zwischen Schienen- und Straßentransport fehlt leider völlig!

Die lokalen (schwarzen) Busbetreiber schielen auf die Schülerverkehre, die bisher im Ybbstal mit der Bahn abgewickelt wurden. Das ist ein Schielen auf öffentliche Gelder, die die Tickets stützen! Gerade im Ybbstal gab es sogar noch Güterverkehr auf einer ÖBB-Schmalspurbahn als die ÖBB sich schon seit einem Jahrzehnt vom Güterverkehr auf Nebenbahnen verabschiedet hatte. Also so unrentabel kann der Betrieb der Ybbstalbahn nicht sein, sodass dort in einem nebenbahnfeindlichen Konzernumfeld, ein Güterverkehr aufrecht erhalten werden konnte!

Warum ausgerechnet der ÖVP Landesrat für Verkehr in Salzburg die Pinzgauer Bahn retten wollte? Ist das doch die Klientel der Roten, die Bahn! Sind das doch die privaten Wirtschaftstreibenden der Schwarzen, die aufs Geschäft schielen!

Aber wahrscheinlich nimmt der Hausverstand zu, je weiter man sich vom Balkan (der mittlerweile in St. Pölten beginnt) entfernt und sich der Schweiz nähert...


Antworten Gast: Martin_S
03.09.2010 11:59
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Re: Das Ybbstal - ein Sinnbild für die Unfähigkeit von Pröll (gleich nach dem Semmeringtunnel)

Sollten Sie es noch nicht geschnallt haben: Auch für Busse ist eine Maut fällig, wie für LKWs...

Antworten Antworten Gast: Ein Fahrgast
03.09.2010 17:04
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Re: Re: Das Ybbstal - ein Sinnbild für die Unfähigkeit von Pröll (gleich nach dem Semmeringtunnel)

Das ist richtig, jedoch deckt die eingehobene Maut wohl kaum die Kosten, die für Straßen- bzw. Autobahnbau und -erhaltung anfallen. Die ASFINAG hatte vor ein paar Jahren einen Deckungsbeitrag von 3%. Das heißt, von den anfallenden Kosten wurden nur 3% aus dem Vignettenverkauf und der LKW-/Bus-Maut gedeckt. Sehr viele Eisenbahnen und sogar Straßenbahnlinien haben prozentuell einen wesentlich höheren DB.

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