Liebe ÖVP! Ihnen ist, wie Ihrem Parteiprogramm zu entnehmen ist, die Familie wichtig. Gut so. Einig sind wir uns, dass Kinder, jenseits aller pensionstechnischen Motive, ein Wert an sich sind. Dass Kinder nicht in einer lieblosen, gleichgültigen oder gar feindseligen Umgebung aufwachsen sollen, sondern mit Eltern, die sie achten, lieben, fördern.
Wahrscheinlich halten Sie es – ebenso wie ich – für traurig, dass viele Menschen theoretisch zwar gern Kinder hätten, ihnen aber dann, konkret, die Gelegenheit, der richtige Partner, die richtige Partnerin, das Geld oder der Mut dafür fehlt. Und wahrscheinlich sind wir alle dafür, das gesellschaftliche Umfeld so zu gestalten, dass die Entscheidung für ein Kind möglichst leichtfällt.
Bis hierher haben wir, liebe Familienpartei, einen überraschend weiten weltanschaulichen Weg gemeinsam zurückgelegt. Um dann unversehens an einer Weggabelung zu enden, an der wir uns abrupt trennen müssen.
Hier stehen nämlich Menschen, die aus ganzem Herzen Eltern werden wollen. Die Mut und Liebe und Motivation mitbringen und noch viel mehr. Menschen, über deren Existenz man in einer Kindermangelgesellschaft eigentlich froh und dankbar sein müsste. Doch exakt an dieser Stelle wenden Sie, liebe Familienpartei, sich brüsk ab und sagen diesen Menschen ins Gesicht: Familie, nein danke. Eure Kinder wollen wir nicht.
Dass der Gesundheitsminister lesbischen Frauen die künstliche Befruchtung ermöglichen will, ist längst überfällig. Ebenso überfällig wäre, homosexuellen Paaren beiderlei Geschlechts zu erlauben, Kinder zu adoptieren. Völlig unverständlich hingegen ist, dass sich eine Partei, die beides bis heute stur verhindert, ungestraft „Familienpartei“ nennen darf. Was genau ist an diesen Familien so schlimm, dass die ÖVP ihre Existenz verhindern möchte?
Um die biologische Elternschaft allein kann es nicht gehen. Denn dann müsste die ÖVP Adoptionen generell verbieten. Geht es um die Ablehnung medizinischer Hilfe bei der Fortpflanzung? In einigen fundamentalistischen Zirkeln, in denen man „Gott nicht ins Geschäft pfuschen“ will, vielleicht tatsächlich (dort müsste man, aus demselben Grund, dann auch Antibiotika und Operationen ablehnen). Aber einer heterosexuellen Frau mit einem verstopften Eileiter erlaubt die ÖVP durchaus, sich in einer Klinik bei der Befruchtung helfen zu lassen.
Geht es darum, dass Kinder beim Aufwachsen unbedingt einen Mann und eine Frau im Haushalt brauchen? Dann müsste die ÖVP konsequenterweise bloß noch Scheidungen unmöglich machen, alleinstehenden Frauen entweder den Sex verbieten oder Schwangerschaftsabbrüche vorschreiben sowie verwitweten Elternteilen von Staats wegen umgehend neue Partner zuteilen.
„Aber nein, nicht doch!“, wird die ÖVP da widersprechen. Es gehe bloß darum, dass Kinder mit geeigneten Eltern aufwachsen! Dass es ihnen gut geht! Ja, eh. Es kommt oft vor, dass Menschen Eltern werden, die dafür nicht geeignet sind. Aber will die ÖVP tatsächlich eine Kommission einrichten, die darüber entscheidet, wer Kinder kriegen darf und wer nicht?
Nein, will sie nicht. Sie hält Heterosexualität in jedem Fall für einen ausreichenden Befähigungsnachweis für die Elternschaft und Homosexualität in jedem Fall für einen Ausschließungsgrund. Verstehe das, wer will.
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Zur Autorin:
Sibylle Hamann
ist Journalistin
in Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2011)















