25.05.2012 12:33 | Meine Presse Merkliste 0

Die Sozialversicherung und ihre verlorenen Kinder

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Sie wollen abnehmen und gesünder leben? Die SVA wird Sie dafür belohnen. So wie die reuigen Sünder fast immer reicher belohnt werden als die Immer-schon-Redlichen.

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Es gibt ein Gleichnis in der Bibel, das jedes Kind als verstörend empfindet. Es geht so: Ein reicher Vater hat zwei Söhne. Der eine bleibt zu Hause, hilft dem Vater, geht täglich aufs Feld, ist redlich und brav. Der andere lässt sich sein Erbteil auszahlen, geht weg, verprasst alles und kommt erst reumütig zurück, als er pleite ist. Dafür wird er vom Vater fürstlich belohnt. Mit schönen Gewändern und einem rauschenden Fest. Das findet der brave Bruder unfair, und man kann es ihm nicht verdenken. „Das ist total gemein“, sagt das Kind.

Die SVA, die Versicherung der Gewerbetreibenden, hat ab Jänner Ähnliches vor. Sie lädt ihre Schäfchen zum Gesundheitscheck ein. Dort werden sie abgewogen, bekommen ihren Blutdruck gemessen, geben ihre Rauch-, Trink- und Bewegungsgewohnheiten zu Protokoll. Die braven, die täglich laufen gehen und Müsli essen, ebenso wie jene, die körperlichen Raubbau betreiben. Sie alle bekommen den Auftrag, sich zu verbessern („individuelle Gesundheitsziele“). Wer diese nach einem halben Jahr erreicht, bekommt einen Bonus und zahlt künftig nur noch den halben Selbstbehalt.

Die SVA ist sichtlich stolz auf ihr Programm. Um nacktes ökonomisches Kalkül kann es ihr dabei nicht gehen, denn Menschen, die ihre Krankheiten (zu) spät erkennen und früh sterben, belasten unsere Versicherungssysteme bekanntlich weniger als jene, die steinalt werden. Dem Streben der SVA muss also echte Sorge um ihre Schäfchen zugrunde liegen. Oder sind es gar Rettungsfantasien? Ein verfetteter Kettenraucher bist du, hattest dich schon längst aufgegeben, aber wir von der SVA glauben an dich! Und je schlimmer dein aktueller Zustand, desto größer die Belohnung und die Freude, wenn du die Umkehr dennoch schaffst!

Es ist ein altes Motiv, das hier anklingt, eines, das schon Thomas Mann in „Doktor Faustus“ beschreibt: „Die felsenfeste Überzeugung des Sünders, er habe es zu grob gemacht, und selbst die unendliche Güte reiche nicht aus, seine Sünde zu verzeihen – erst das ist die wahre Zerknirschung, und ich mache euch darauf aufmerksam, dass sie der Erlösung am allernächsten, für die Güte am allerunwiderstehlichsten ist!“

Wir stellen uns also den adipösen Versicherten vor, der sich die Stiegen hinauf in die Ordination schleppt. Fünf Prozent seiner Kilo muss er loswerden, schon ist auch er dabei! Vorausgesetzt, er ringt sich „gelegentlich“ ein bisschen Bewegung ab und geht, zum Beispiel, künftig „zügig zu Fuß zur Arbeit“. 1000 Kilokalorien in der Woche verbrennen, das sollte doch zu schaffen sein!

Wer nicht raucht und Normalgewicht hat, tut sich da schwerer. „Ihr werdet zugeben, dass der alltäglich-mäßige Sünder der Gnade nur mäßig interessant sein kann“, heißt es denn auch bei „Doktor Faustus“; „in seinem Fall hat der Gnadenakt wenig Impetus, er ist nur eine matte Betätigung“.

Wie der brave Sohn aus der Bibel darf der Gesunde weiterhin seine täglichen Runden im Park laufen, ohne dafür großes Lob zu bekommen. Würde er aus Gram darüber zu rauchen beginnen oder Kummerspeck ansetzen, wäre sein Bonus jedoch sofort dahin. Auch wenn ihn dann immer noch ein Zentner von seinem immer noch adipösen, aber reuigen Bruder trennt.

Ist das nicht total gemein? Ja, ist es. Aber Gott, Thomas Mann und die SVA haben das wohl eher metaphorisch gemeint.


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Zur Autorin:

Sibylle Hamann
ist Journalistin

in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2011)

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14 Kommentare
Gast: gggggggg
14.12.2011 14:05
0 0

Ganz wichtiges Thema!

Und ein guter Artikel - der allerdings der Komplexität des Themas nicht ganz gerecht wird, schon allein deshalb, weil zu wenig Platz ist. Es wäre aber durchaus noch Platz gewesen, etwa einen Selbstbehalt für ALLE vorzuschlagen. Auch das - und, so meine ich, das ganz besonders - würde die Selbtverantwortung heben. Solange medizinische Leistungen nichts kosten rennt man z.B. wegen jedem Furz zum Doktor. Leider scheint ein Selbstbehalt für alle (nicht nur für Selbständige, Bauern, und Beamte) vor allem bei der restlichen Bevölkerung, und den Ärzten, einfach nicht durchsetzbar. Da zeigt sich halt wieder mal wo die Wurzel allen Übels: "bei MIR nicht....!!"

Ein Bonus/Malus-System halte ich jedenfalls für sehr gut, aber darüber, wie das genau funktionieren kann, muss noch sehr gründlich nachgedacht werden. Frau Hamann hat mit ihrem Hinweis auf den ´braven Sohn´ sehr recht!

Aber die Richtung (der SVA) stimmt!

Gast: Hupfingatsch
14.12.2011 14:01
0 0

Bravo

Frau Hamann, ich bin wirklich gerührt!
Welchem Erweckungserlebnis haben wir diese wohl durchdachten Zeilen zu verdanken?
Weiter so Verehrteste, verschwenden sie keinen Buchstaben mehr an irgenwelche Elaborate.

gms_
14.12.2011 14:00
1 0

Frage: "Wann gelten die individuellen Gesundheitsziele als erreicht?"


Wer lesen kann, ist definitiv im Vorteil:

Laut SVA-FAQ zu diesem Thema: "Die individuellen Gesundheitsziele gelten als erreicht, wenn in allen fünf Bereichen (Blutdruck, Gewicht, Bewegung, Tabak, Alkohol) die entsprechenden Zielwerte erreicht werden, wobei gewisse Bandbreiten zu berücksichtigen sind. *** Auch gesunde Patienten, die ihren Gesundheitszustand beibehalten, haben ihre individuellen Gesundheitsziele erreicht. ***"

Völlig anders als von Hamann dargestellt, müssen Gesunde ihre Werte /nicht/ verbessern, womit einmal mehr sich ein Aufhänger ihres Artikels in Luft auflöst.

Antworten Gast: gggggg
14.12.2011 14:32
0 0

Re: Frage: "Wann gelten die individuellen Gesundheitsziele als erreicht?"

Danke für den Hinweis, da stellt sich die Sache doch ein wenig anders dar (und ich muß mein Lob für Hamann ein wenig relativieren :) Aber nicht ganz, denn so wird immerhin über dieses wichtige Thema debattiert. Allerdings stellen sich mir bezüglich der praktischen Durchführbarkeit einige Fragen: wie - z.B. - überprüft man den Alkohol/Nikotinkonsum? Wie die ´Bewegung´? Generell halte ich die Überprüfung ´wie gesund jemand lebt´ für schwierig (wenn auch keineswergs für undurchführbar). Ich wiederhole: Die Richtung der SVA stimmt total! Bitte weitermachen.

liber
14.12.2011 12:29
0 0

SVA ist stolz

und auch Herr Leitl, der Präsident der Versicherung.
Was Frau Hamann an der hinterhältigen Maßnahme zurecht kritisiert, hat natürlich noch einen anderen Grund.
Man will die Ärzteschaft als Wähler gewinnen und füllt deren Wartezimmer mit Scheinkranken und füttert diese und die Apotheker somit mit dem Geld der Versicherten.
Der Effekt ist die Schwächung der Leistungsfähigkeit des Versicherungs-Systems.
Dafür aber haben die Politiker kein Gewissen.
Die Schwächung des Systems erfolgt von zwei Seiten:
1. mehr Ausgaben zu unnötigen Untersuchungen und Medikamenten
2. weniger Einnahmen durch die Kürzung des 20 prozentigen Selbstbehalts.
Anstatt die Versicherten mit einem Bonus Malus zu "belohnen oder zu bestrafen", wird das Sytem im Interesse der Politik mißbraucht.




Gast: milli vanilli
14.12.2011 11:18
1 0

Hätte nie gedacht ...

... daß ich der Schreiberin einmal recht geben muß, jetzt ist es soweit.

Werde mich halt vor dem SV-Check ordentlich versumpfen lassen und mir alle nur denkbaren, weiteren Unsitten angewöhnen, damit ich dann in einem halben Jahr "geläutert" als "reuiger Büßer" durchgehe und meinen "Bonus" kassieren kann!

Antworten gms_
14.12.2011 14:02
1 0

Re.: "als "reuiger Büßer" durchgehe und meinen "Bonus" kassieren kann!"


Das ist definiv falsch, wie ein trivialer Gegencheck bei der SVA offenbart hätte. Das Beibehalten der guten Werte ist völlig ausreichend.

Gegenteiliges wäre selbst in Austriachsten zu absurd, um durchzugehen.

GeraldC
14.12.2011 10:55
3 1

Alle paar Monate

kommt von Frau Hamann doch tatsächlich was Vernünftiges.

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Finde ich auch. Applaus!


Antworten Antworten gms_
14.12.2011 14:06
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Re: Finde ich auch. Applaus!


Leider hat Hamann in völliger Unkenntnis der Tatsachen geschrieben. Applaus gebührt ihr allenfalls dafür, einmal mehr ihre Leser verschaukelt zu haben, zumal auch das Beibehalten günstiger Gesundheitswerte zum Erhalt des Bonus' genügt.

Antworten Antworten Antworten Arethas
14.12.2011 15:06
1 0

Re: Re: Finde ich auch. Applaus!

Allein der Umstand, dass man über den Kommentar sinnvoll diskutieren kann, ist bei Frau Hamann ein gewaltiger Fortschritt.

0 0

leider haben sie in ihrer rechnung auf einen wichtigen posten vergessen:

der eh schon gesund lebende wird auch mit viel höherer wahrscheinlichkeit gar nicht krank.
das heisst, er spart sich 100% vom selbstbehalt!

hamann will vermutlich auf folgendes hinaus:
der gesund lebende soll auch finanziell belohnt werden mit einem geringeren beitrag.

das wäre in etwa das, was bei der haftpflicht das bonus-malus system ist.
da es aber um menschen und nicht um einen haufen blech geht, ist in dieser frage große vorsicht geboten. mehr als in eine kolumne von hamann passt.

Antworten Gast: Karl Schlosser
21.12.2011 17:00
0 0

Zürück zu "echter" Versicherung

Einen fettleibiger jungen Mann, mit extrem hohem Risiko bald zuckerkrank, arbeitslos etc zu werden, würde eine echte Versicherung nicht oder nur zu extrem hohen Prämien akzeptieren - warum ? - weil sie Folgekosten seiner Selbstverstümmelung nicht ihren anderen Kunden zumuten kann. In den USA leben viele nur deshalb gesund und sportlich, weil sie sich sonst echte Versicherungen nicht leisten können. Warum sollen wir den unverantwortlichen Leichtsinn unterstützen ?

Antworten Gast: rundundgsund
14.12.2011 12:48
1 0

Re: leider haben sie in ihrer rechnung auf einen wichtigen posten vergessen:

Natürlich wäre ein Bonus-Malus System bei der Krankenversicherung bei weitem am sinnvollsten. Nur kann man sich kaum vorstellen, daß das von unseren feigen und schleimigen Politikern jeglicher Couleur auch nur ansatzweise gewagt wird. Sie waren ja bisher nicht einmal in der Lage das Rauchen beim öffentlichen Fressen und Saufen abzustellen. Übrigens die WKO und mit ihrem unsäglichen Leitl waren an diesem schwachsinnigen Nichtrauchergesetz maßgeblich beteiligt.

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