Interessant ist sie schon, die Juche-Ideologie. Die Idee vom „unsterblichen soziopolitischen Körper“ zum Beispiel. Die hat sich Kim Jong-il vor 30 Jahren ausgedacht, und man kann sich darunter etwas Ähnliches wie einen Bienenschwarm vorstellen: Einzeln ist die Biene gar nichts. Erst als Teil des großen Ganzen bekommt sie eine Daseinsberechtigung. Den Kims ist darin die Rolle der Bienenkönigin zugedacht. Sie sind das Gehirn des gemeinsamen Organismus, alle anderen bilden die Körperzellen.
Augenfälligster Ausdruck dieser Fantasie sind die Massenspiele. Die Choreografie der Masse, die aus jedem Individuum einen kleinen Bildpunkt macht, spielte sowohl bei den Nazis als auch bei den Kommunisten eine große Rolle; in Nordkorea wurde sie zu höherer Perfektion getrieben als irgendwo sonst. Jeder einzelne Teilnehmer sieht, wie die Biene, bloß das Hinterbein vom Vordermann. Nichts ergibt aus dieser Innenperspektive einen Sinn. Erst von außen, von oben betrachtet, entsteht das Bild.
Ewiges Leben zu erzeugen, ist die ultimative Machtfantasie. Deswegen ist die verlockendste Eigenschaft des „soziopolitischen Körpers“ dessen Unsterblichkeit. Im überindividuellen Organismus kann jedes Teilchen, das ausfällt, sofort durch ein anderes ersetzt werden. Auch das Gehirn, der Bienenkönig, überwindet darin den Tod. Es stirbt nicht, sondern geht in ein anderes – möglichst blutsverwandtes – Wesen über, das eigens zu diesem Zweck ausgebrütet wurde.
Kim Il-sung und Kim Jong-il sind so zu einer Einheit verschmolzen, der stets im Doppelpack gehuldigt wird; jetzt kommt, mit Kim Jong-un, wohl die dritte Erscheinungsform ein und desselben Wesens dazu.
Der Schlussstein, der diese Ideologie zusammenhält, ist schließlich der Rassismus. Wer ein großes Ganzes bilden und miteinander „eins“ werden soll, muss ununterscheidbar ähnlich sein. Im Gedankengebäude der Kims werden die Koreaner folgerichtig als eigene, den anderen überlegene Rasse definiert (wobei nur Nordkorea noch die richtige „Reinheit“ aufweist; die Südkoreaner hingegen haben sich schon allzu vielen schädlichen Vermischungen mit Amerikanern – schwarzen gar! – ausgesetzt).
Einen Unterschied zur Rassenideologie der Nazis gibt es allerdings: Ihre besondere Reinheit mache die koreanische Rasse nicht stark, sondern – im Gegenteil – besonders verwundbar. Weswegen sie totale Abschottung braucht. Und Atomraketen.
Hat man den Zustand absoluter Reinheit, Autarkie und Unsterblichkeit einmal erreicht, steht die Zeit still. Keine Vergangenheit, keine Zukunft, ewige rituelle Wiederholung der Gegenwart. Alle Widersprüche, alle Unvollständigkeiten, die das Leben üblicherweise vorantreiben, sind ausgeräumt, die Geschichte ist zu ihrem Ende gekommen. Die Nazis nannten diesen Zustand das „Tausendjährige Reich“, Marxisten nennen es die „klassenlose Gesellschaft“. Und wehe dem, der behauptet, da sei irgendwo noch ein klitzekleines Stück Unvollkommenheit übrig, ein klitzekleiner Restwiderspruch!
Der Autor und Denker Christopher Hitchens, ein großer Freigeist, hat Kim Jong-il so treffend analysiert wie wenige andere. Jetzt sind die beiden Männer beinahe gleichzeitig gestorben. Dass sie einander in irgendeinem der infrage kommenden Jenseitse über den Weg laufen könnten, ist ausgeschlossen.
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Zur Autorin:
Sibylle Hamann ist Journalistin in Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2011)















