25.05.2012 12:39 | Meine Presse Merkliste 0

Wer ist für Michael und Leila da? Sido und die Caritas. Danke

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Karitative und kommerzielle Wohltätigkeit sind prima. Noch besser wäre es, würde sich auch der Staat nicht aus der Verantwortung für seine Jugendlichen davonstehlen.

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Da ist, zum Beispiel, Michael. Michael ist 19 und lebt in Favoriten. Die Wohnung, die er mit seinem Stiefvater teilt, ist 21 Quadratmeter groß, der Stiefvater ist Alkoholiker und arbeitslos, die Mutter, die ab und zu vorbeischaut, durchgeknallt und aggressiv. Tagsüber wird getrunken und geraucht und gestänkert, abends quetscht Michael eine Schaumstoffmatratze in den schmalen Spalt zwischen Abwasch und Herd und legt sich dort schlafen.

Da ist, zum Beispiel, Leila. Leila ist 14 und geht in die Hauptschule. Wenn sie für den Nachmittag Aufgaben hat oder eine Schularbeit bevorsteht, hat sie ein Problem. Der Vater ist nicht da, die Mutter kennt sich nicht aus, die Brüder sind desinteressiert und halten es ohnehin für überflüssig, dass ihre Schwester in die Schule geht. Zu Hause ist niemand, der ihr weiterhelfen könnte. Niemand zum Reden, kein Buch, nicht einmal ein Tisch, an dem sie sitzen und schreiben könnte.

Für Michael und Leila gibt es neuerdings Hilfe. Um Michael kümmert sich Österreichs neuer Lieblingsrapper Sido. Er holt ihn in ein vom ORF bezahltes Loft und verspricht ihm Hilfe bei der Jobsuche. Um Leila kümmert sich die Caritas, holt sie nachmittags in eines ihrer 14 Lerncafés.

Michael wohnt jetzt nicht mehr bei seinem verwahrlosten Stiefvater, sondern in einer WG von Möchtegern-Rappern, lernt dort kochen und verdient hoffentlich bald eigenes Geld. Leila hängt jetzt nachmittags nicht mehr im Einkaufszentrum herum, sondern hat Ruhe zum Lernen und schafft, wenn sie sich anstrengt, wider Erwarten doch noch den Hauptschulabschluss. O ja, das ist beides großartig. Es ist gut und wichtig, dass Michael und Leila geholfen wird. Fragt sich bloß: Sind dafür wirklich Sido, der ORF, die Caritas oder andere private Wohltäter zuständig? Könnte, sollte sich für sie nicht noch irgendjemand in Österreich verantwortlich fühlen? Kann es eine Gesellschaft riskieren, Michael und Leila in ihrem traurigen Leben einfach sitzen zu lassen?

Man kann das Problem, ganz nüchtern, utilitaristisch angehen: Wäre Österreich ein Land mit dynamischem Bevölkerungswachstum oder mit einem steten Zustrom motivierter, erfolgshungriger Zuwanderer – ökonomisch könnte es sich dann eventuell tatsächlich leisten, auf Michaels und Leilas Potenzial zu verzichten. Aber so ein Land ist Österreich nicht. Auf jeden einzelnen Jugendlichen wird es in den nächsten Jahrzehnten ankommen, denn so viele von ihnen gibt es nicht.

Leila und Michael haben, wie alle Jugendlichen, irgendwelche Talente. Talente, die von einer demotivierenden Umgebung verschüttet oder zerstört werden. Manchmal geschieht das in böser Absicht, viel häufiger geschieht es aus familiärer Unfähigkeit oder Überforderung. Doch jenseits der Ursachenforschung bleibt für die Allgemeinheit eine schlichte Alternative: Entweder man nimmt sich dieser jungen Menschen an, holt aus ihnen raus, was in ihnen drinsteckt, auch wenn es mühsam ist. Schreibt sie nicht ab. Lässt sie nicht gehen. Nach ein Uhr mittags nicht, und auch nicht nach dem Ende der Schulpflicht.

Oder man macht einfach die Augen zu, sagt „selber schuld“, zahlt ihnen noch einige Jahrzehnte lang Sozialleistungen und hofft, dass sie irgendwann zufällig einem großherzigen, von einer sozialen Mission beseelten Rapper in die Arme laufen. Oja, auch das kommt vor.


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Zur Autorin:

Sibylle Hamann
ist Journalistin

in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2011)

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8 Kommentare
GeraldC
02.01.2012 09:39
0 0

Der Staat plündert

uns mit Abgabenquoten weit jenseits der 50% aus.
Und das reicht noch lange nicht, es werden zusätzlich gigantische Schuldenberge aufgetürmt, die nie zurück gezahlt werden können.
Für Traumtänzer wie Frau Hamann alles kein Problem. Die soziale Kuscheldecke für jeden Taugenichts soll noch größer und dicker werden.

Gut so!

Je früher das Pyramidenspiel Sozialstaat zusammenbricht, desto besser!

wmaurer
29.12.2011 16:43
2 0

Sido will nicht wissen, was Frauen am Klo machen,

trinkt Jägermeister, um schnell besoffen zu werden?
die idealen Voraussetzungen für einen Sozialarbeiter!
die idealen Voraussetzungen für ein Vorbild, das uns der ORF präsentiert.
die Ingredienzien der Frau Hammann für einen wichtigen Beitrag in der Presse.

Ulrich.K
28.12.2011 21:19
8 0

Eine Jung-Rapper-WG...

...als Integrationslösung?
Das ist doch wohl ein schlechter Scherz.
Arbeitsunfähigen respektive -unwilligen Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, "endlich das zu machen, was sie schon immer machen wollten", nämlich durch Zwangsgebühren finanziert aggressive, kulturell sehr fragwürdige "Musik" mit einem supertollen Rapper zu machen, kann doch nicht ernsthaft als "Wohltat" bezeichnet werden.
Ganz im Ernst, dieser Michael wird nie im Leben von seiner Musik leben können, und es ist extrem zynisch, Jugendlichen, vielleicht auch noch mit Migrationshintergrund, Hoffnungen zu machen, dass sie ihren Lebensunterhalt ganz einfach mit Gangster-Rap bestreiten können.

Aber damit nicht genug, es reicht Frau Hamann nämlich nicht, dass diesen Jugendlichen jemand hilft, nein, das Problem ist, dass dies Privatpersonen (der ORF eine Privatperson?) tun müssen und dass nicht schon lang der Staat als Rap-Musikproduzent seiner Pflicht als Lebenstraumerfüller aller Bürger nachkommt.

Leider muss ich sagen, dass ich schon lange keinen derart dummen Beitrag von Frau Hamann gelesen habe, und dass, obwohl ihre Kommentare meistens untragbar sind. Dieser hat die Latte wieder deutlich tiefer gelegt.


0 0

bei einem 21jährigen anzusetzen, ist natürlich lächerlich.

selbst bei einer 14jährigen ist schon viel zuviel schiefgegangen, als dass alles erfolgreich repariert werden könnte.

es muss daher schon in einem deutlich jüngeren alter überprüft werden, ob eltern geeignet und willens sind, sich entsprechend um ihre kinder zu kümmern.

und das ist nicht bloss (wie bei diesen beiden) ein problem der unterschicht.
es gibt auch viele wohlstandsverwahrloste kinder!

für ALLES braucht man in ö ein zertifikat, eine genehmigung.
nur für das kindererziehen braucht man absolut überhaupt nichts!

(anmerkung: es war zwar früher auch nicht besser um die elternqualitäten mancher männer und frauen bestellt, aber durch großfamilie und generell größere soziale gruppen waren die folgen von 'problemeltern' nicht so ausgeprägt.)

Gast: tom green
28.12.2011 13:04
0 2

sprecht sido...

sprecht sido heilig!
der mann mischt österreich so richtig auf!
und paßt auch - nebenbei bemerkt- in dieses großmäulig furchtsame land...

kobold
28.12.2011 09:39
6 2

lässt helfen

Frau Hamann lässt schon wieder mal helfen. Die böse, böse Gesellschaft will halt einfach nicht nach ihrer Pfeife tanzen. Na so was!!!!

Gast: Hr. Kopfkratz
27.12.2011 18:48
8 2

Hmm?

Und, was jetzt?

Der Artikel ist nur ein herumgescheiteln.
Sonst nichts!
Mit dem Finger auf andere zeigen – macht was.
Aber selbst?
Hmm?

0 0

Re: Hmm?

Pardon, da möchte ich widersprechen: Ich finde an dem Artikel einiges hinterfragenswert, aber Hamann sagt diesmal nicht an Leser oder Private: macht was! sondern fordert, dass sich der Staat besser um seine Jugend und damit seine Zukunft kümmert. Ob diese Forderung richtig, oder zielführend ist, sei dahingestellt - ich glaube es nur teilweise.
Aber laut ihrem Artikel wäre der Sache nicht geholfen, wenn zu Sido und Caritas noch Herr Kopfkratz und Frau Hamann hinzukämen.

Im übrigen glaube ich, dass für Aufgaben der beschriebenen Art- also Problemjugendliche wie Michael und Leila auch Herr Kopfkratz und Frau Hamann geeigneter wären als der Staat und widerspreche Ihr damit.

Aber Ihre Forderung kann Hamann keines Falls selbst erfüllen, da sie nicht der Staat ist - und damit widerspreche ich Ihnen, Hr. Kopfkratz.

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