25.05.2012 12:40 | Meine Presse Merkliste 0

Ja, Leistung sollte sich lohnen. Oder lohnt sie sich doch nicht?

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Das Leistungsprinzip hält unsere Wirtschaft und Gesellschaft zusammen. Aber in der jüngsten Krise hat es einen Knacks bekommen. Wir sollten dennoch gut darauf aufpassen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Es gibt ein Wort, das im abgelaufenen Jahr oft in der Zeitung stand, und über das wir im neun Jahr noch ausführlich werden reden müssen. Es heißt „Leistung“.

Leistung spielt in unserem Leben eine entscheidende Rolle. Leistung lohnt sich: Auf diesem Prinzip basiert unsere gesamte Wirtschaftsordnung. Theoretisch. Denn das letzte Krisenjahr hat uns vorgeführt, dass irgendetwas nicht mehr stimmt. Dass der Konsens darüber, was „Leistung“ bedeutet, brüchig geworden ist. Oder gar das Prinzip selbst.

Zuerst kam, fast schon prophetisch, Walter Meischberger mit seinem „Wo war mei Leistung?“. Er entblößte damit, was bis dahin zwar vermutet, aber selten so ungeniert ausgesprochen wurde: dass keine Leistung unter manchen Umständen besser belohnt wird als Leistung.

„Streng dich an, dann kriegst du mehr Geld aufs Konto“ ist eine mächtige Triebkraft für Fortschritt, Innovation und Wohlstand. Aber wenn der am meisten Geld aufs Konto kriegt, der sich am wenigsten anstrengt, ist bei allen anderen die Lust an der Leistung schlagartig dahin.

Dann kam die Finanzkrise, und mit ihr eine weitere Irritation. Normalerweise gilt ja: Setzt du auf Sicherheit, ist dein Risiko samt Profitchancen gering. Riskierst du viel, kannst du mehr gewinnen – aber auch mehr verlieren.

So lautete der Deal, für alle. Nur für die Banken galt das plötzlich nicht mehr. Die durften erst Risikoprämien für riskante Investments kassieren, sich dann, als das Risiko schlagend wurde, von der Allgemeinheit helfen lassen, später den verantwortlichen Managern trotzdem Erfolgsboni ausschütten, und anschließend genauso weitermachen wie vorher. „Leistungsgerecht“ war das nicht. Und verletzt wurde dabei eines der Grundprinzipien des Markts: dass nämlich jeder nach den gleichen Regeln spielt.

„Integration durch Leistung“ sagte dann Staatssekretär Sebastian Kurz. Was, einerseits, ein gewaltiger Fortschritt ist in einem Land, das bis heute dem Abstammungsfetischismus huldigt. Menschen danach zu beurteilen, was sie tun und was sie können, statt danach, wo sie herkommen, ist ein längst überfälliger Perspektivenwechsel. Dennoch muss man auch hier zweifeln, ob die Rechnung aufgeht. Wie viel Leistung genau reicht denn, um als vollwertig anerkannt zu werden? Ist der Arbeitsschweiß einer Putzfrau Nachweis genug, oder muss erst ein Zahnchirurgendiplom oder ein Wechsel der Hautfarbe her? Und was, wenn die Leistung stimmt – aber die Mehrheitsgesellschaft dennoch den Respekt verweigert?

Auch hier gilt: Beschworen wird es, das Leistungsprinzip. Aber auf seine Gültigkeit wetten – das empfiehlt sich eher nicht. Zumindest nicht für alle.

Im neuen Jahr geht es ans Sparen und an neue Steuern. Was wir bisher darüber gehört haben, lässt uns ebenfalls um das arme, schon recht zerrupfte Wort „Leistung“ fürchten. Der geschützte Bereich hat sich längst eingebunkert, hinter Befestigungsanlagen verschanzt, und sorgt dafür, dass sich nichts Substanzielles in Österreich verändern wird. Zum Kürzen und Sparen bleibt dann nur der ungeschützte Bereich übrig. Den wird es dafür umso heftiger treffen.

Im ungeschützten Bereich geht es dem Leistungsprinzip übrigens, vergleichsweise, noch am besten. Aber um Leistung geht es ja schon länger nicht mehr.


Reaktionen senden Sie bitte direkt an: debatte@diepresse.com


Zur Autorin:

Sibylle Hamann ist Journalistin in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

10 Kommentare
4 0

Bis heute hat mir kein ÖGBler oder GÖDler

den Zusammenhang von Wertschöpfung aus Leistungsanreiz und folgend Wohstandserhalt-/Schaffung erklären können !!

Die Jahre des stärksten Wohlstandswachstums in Österreich waren die Jahre mit den geringsten staatlichen Umverteilungsneurosen !!

Z. Bsp. hat die Besteuerung der Überstunden keinen Arbeitsplatz geschaffen sondern nur die SCHATTENWIRTSCHAFT gefördert.

Doch das hat im Sozialpartnergehirn keinen Platz !!

Sowohl Bernd MARIN, Friedrich SCHNEIDER, Erich STREISSLER, Hannes ANDROSCH u. alle echten WERTSCHÖPFER weisen seit Jahren darauf hin, doch die feigmannschen Einflüsterer sind absolut realitätsfern u. reformresistent.


Gast: Leistung lohnt
04.01.2012 17:13
7 0

immer weniger

Die Differenz zwischen dem sinkenden Realeinkommen, das ein Normalverbraucher verdienen kann
und
der Zwecks sozialer Ruhigstellung immer noch etwas steigenden arbeitsfreien Grundversorgung*
wird immer geringer.

Sie gleicht in vielen Fällen nicht einmal mehr den arbeitsbedingten Mehraufwand, Fahrtkosten, Kleidung, Verpflegung aus
- vom Verlust an Freizeit und Freiheit gar nicht zu reden.

(*eventuell durch gelegentliche Nebengschäfterln steuer- und beitragsfrei aufgefettet)

Antworten Gast: Addendum
11.01.2012 12:36
0 0

Re: immer weniger

Ebenso wird die Differenz zwischen der durch Beitragszahlungen eines Durchschnittsverdieners erzielbaren Pension

und der

Mindestpension, die man für ein paar Jahre Teilzeittägigkeit auch bekommt, vor allem, wenn die Frau auch nichts gearbeitet hat,

immer geringer.

0 2

leistung lohnt sich eh!



unter 'leistung' versteht man ja nicht, was jemand LEISTET. sondern was er dafür BEZAHLT bekommt!

und jetzt soll mir jemand erklären, warum sich eine hohe bezahlung nicht lohnen sollte.

Antworten Gast: Luzifer
04.01.2012 18:24
7 1

Re: leistung lohnt sich eh! Zu ergänzen:

Auch die Leistung unteliegt den Marktgesetzen und das zurecht: ZB. wäre es nicht einzusehen, daß jemand, der herumstümpert und nichts Rechtes zusammenbringt, wegen des größeren Zeitaufwandes und der größeren Anstrengung mehr bekommen soll als jemand, der auf Grund Wissen und Erfahrung dieselbe Leistung in kurzer Zeit mit "links" erbracht hat.

Daß Leistung nach Marktgesetzen entlohnt wird, zeigt sich gerade in der Kunst: wer was kann, wird besser bezahlt als ein Stümper. Das kann aber auch manipuliert werden: etwa durch marktschreierischer "Aktionismus" oder durch staatlichen "Interventionismus" (viele Künster haben mittlerweile begriffen, daß man zu die Roten gehen muß, um am staatlichen Fördertopf mitzunaschen!!

Gast: Luzifer
04.01.2012 11:17
8 1

Die Irrtümer der Frau Hamann: nicht das Leistungs-Prinzip

hat die EU bzw. Österreich in die Krise geführt, sondern die GELDVERSCHWENDUNG! Statt den immer noch sehr sanften Spar- u. Reformkurs von Schüssel fort zu setzten und erfolgreich lzu beenden, wurde in der linken Propaganda so getan, als wäre (maßvolles) Sparen ein wirtschaftliches Grundübel. Angefeuert von verantwortungslosen Medien ließ sich der Wähler 2006 von hemmungslosen Populisten überzeugen. Der Geldhahn wurde des kurzfristigen Erfolges wegen weit aufgemacht. Und die damals verschwendeten Milliarden müssen wir (was ja leicht vorauszusehen war) wieder mühsam samt hohen Zinsen einsparen.

Zum verantwortungslosen Journalismus gehört halt auch der sorglose Umgang mit der Wahrheit! Dem Meischberger ist offenbar die Buchhaltung durcheinander geraten. KHG hat ihm keineswegs zu Falschverbuchungen angeraten. Auch das Argument mit den vielen "Geschenken" an die Bank ist irreführend! Würde sich Frau Hamann einmal ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen, würde sie wissen, daß die Zahlungen an systemerhaltende Banken im wohlverstandenen Interesse des Staates und der Wirtschaft mußten: der Crash der Lehmann-Bank in den USA, die eben keine Hilfe bekam, hat die auf die ganze Welt übergreifende Krise erst ausgelöst! Es ist übrigens eine Mär, daß es sich um Geschenke handelt: die Banken müssen für das geborgte Geld so viele Zinsen zahlen, daß es sich manche Banken überlegt haben, diese "Hilfe" überhaupt anzunehmen.

Aber mit roten Wahlschlagern ist halt leicht herumzuschmeissen

Antworten joquer
05.01.2012 13:18
1 0

Re: Die Irrtümer der Frau Hamann: nicht das Leistungs-Prinzip

Einige Anmerkungen zu den Banken:
Auch wenn man die Rettung der Banken als im Interesse des Staates definiert sorgt das dafür, dass damit die Grundregeln der Marktwirtschaft außer Kraft gesetzt werden - die Gefahr Pleite zu gehen ist hier ein entscheidender Faktor! Leider ist in diese Richtung noch immer nichts passiert.
"so viele Zinsen" ist ein relativer Wert - die Zinsen mögen manchen hoch erscheinen, sie lagen zu dem Zeitpunkt allerdings unter dem marktüblichen Satz, insbesondere wenn man bedenkt, dass manche Banken trotzdem noch schwer pleitegefährdet sind, und wie man sieht haben viele Banken das Geld noch nicht zurückgezahlt.
Dass das Schuldenmachen der Staaten mit der ungesunden Entwicklung viel zu tun hat ist die eine Sache, aber das heißt noch nicht, dass im Finanzbereich (marktwirtschaftlich gesehen) sonst alles in Ordnung ist. Für diesen Befund muss man bei Gott kein Roter sein.

Antworten Antworten Gast: Luzifer
05.01.2012 14:52
1 2

Re: Re: Die Irrtümer der Frau Hamann: nicht das Leistungs-Prinzip

Leider kann ich Ihnen nicht ganz zustimmen: Schuldennachlaß ist auch in der Marktwirtschaft nicihts ungewöhnliches. Daß man mit einem "haircut" oft mehr erreicht als mit einem brutalen Liquidieren, wußte schon unser Insolvenzrecht, das allerdings durch die sehr großzügige Behandlung des GS im Privatkonkurs schon sehr mißbraucht wird.

Natürlich kann man auch sonst über Details streiten. Im allgemeinen habe ich aber den Eindruck daß sich die aus bürgerl. Verhältnissen stammende Journalistin S.H. aus Mangel an ökonomischen Kenntnisse sehr stark linken Dogmen angenähert hat. Und ihren oberflächlichen Argumenten wollte ich entgegentreten!

Arethas
03.01.2012 22:07
6 2

Aus der Seele

Ein sehr guter Beitrag! Endlich wirft Frau Hamann ihre Vorurteile über Bord.

"... in einem Land, das bis heute dem Abstammungsfetischismus huldigt" - zahlreiche von ihren Kindern getrennt lebende, aber doch unterhaltspflichtige Väter werden Frau Hamann aus tiefster Seele zustimmen!

"...Menschen danach zu beurteilen, was sie tun und was sie können, statt danach, wo sie herkommen, ist ein längst überfälliger Perspektivenwechsel." Auch dieser Satz von tiefer Wahrheit: Ist doch egal, ob aus Kosice, Sibiu oder Chisinau - die Geldbörse ist weg...

Antworten Gast: schlÄchter
04.01.2012 18:29
5 0

Re: Aus der Seele

sg arethas!
nur gut dass die migranten und neoösterreicher keinen abstammungsfetischismus huldigen und niemanden danach beurteilen woher er kommt, was für einer religionsgemsinchaft er angehört und den perpektivenwechsel in Ö kräftigst fördert.

;-)

mfg
s.

Mehr Quergeschrieben:

Top-News