Es ist eine Reise, der man monatelang erwartungsvoll entgegenblickt. Man muss rechtzeitig buchen, denn sonst kriegt man womöglich kein Ticket mehr. Es ist wie überall im Reisegeschäft: Wer mehr zahlt, kann mit mehr Platz rechnen, mit besser ausgebildetem Personal, mit professionellerem Service und mit besserem Essen an Bord. Aber wie überall im Reisegeschäft ist auch hier der Preis keineswegs ein Garant dafür, dass man gut behandelt wird. Nepp und Betrug kommen ebenfalls vor. Aber es wird schon alles gut gehen.
Ein unbezahlbarer Luxus für die Superreichen ist die Fahrt übers Mittelmeer nicht. Aber ziemlich teuer ist sie schon. Manche Passagiere haben sich das Ticket von einem wohlhabenderen Verwandten schenken lassen. Andere haben monatelang hart gearbeitet und Geld gespart, um sich diesen Traum verwirklichen zu können. Ein Mal, nur ein Mal im Leben wollten sie auch dort sein, wo die Reichen und Unbeschwerten sind.
Man hat es ja schon so oft im Fernsehen gesehen: Menschen, deren blonde Schöpfe im Wind wehen. Menschen mit sauberen Kleidern und interessanten Jobs und kleinen Alltagsverwicklungen, die sich locker bewältigen lassen. Menschen, die Problemchen haben, aber keine existenziellen Krisen. Ach, muss der Moment schön sein, wenn man erst einmal an Bord ist, hat man sich gedacht. Wenn man das Festland mit allen Sorgen hinter sich lassen kann und das Schiff endlich ablegt, hinaus aufs offene Meer.
Dass die Reise auch schiefgehen kann, hat man gewusst. Ängstliche Verwandte haben einen gewarnt, was alles passieren kann: hohe Wellen, Maschinenschaden, Feuer an Bord. Sogar der Reiseveranstalter hat offen gesagt: Eine absolute Sicherheitsgarantie gibt es nicht. Es sind schon Menschen gestorben bei solchen Reisen. Unglücke können geschehen – und man weiß nie, wen es trifft. Aber es wird schon alles gut gehen.
Dann jedoch weht der Wind stärker, als der Wetterbericht vorausgesagt hat. Das Schiff ist in einem schlechteren Zustand als vermutet. Man schlägt auf einen Felsen, die Bordwand leckt, das Schiff kippt. Im Moment der Seenot erweist sich die Professionalität des Reiseveranstalters. Wer Pech hat, sitzt auf einem Schiff mit unfähigem, panischem Personal, muss zuschauen, wie der Kapitän als Erster von Bord geht, um sich in Sicherheit zu bringen. Und alle anderen Passagiere, Frauen, Männer, Jugendliche, Schwangere, kleine Kinder, im Stich lässt.
In akuter Lebensgefahr steigt die Verzweiflung. Man sieht ganz in der Nähe Land, die rettende Küste, aber keiner kommt zu Hilfe. Man sieht ganz in der Nähe Boote vorbeifahren. Aber selbst wenn man ins Wasser springt und laut um Hilfe ruft, nützt das nichts.
Die Beamten der Küstenwache holen einen nicht etwa an Bord, sondern drängen einen weiter ab – weg von der rettenden Küste, immer weiter hinaus in die tödlichen Wellen, aufs offene Meer. Wo man verdursten wird, ertrinken oder von Fischen gefressen, in irgendeiner Reihenfolge.
Nein, ganz so schlimm war es nicht bei den Passagieren der Costa Concordia. Aber genauso schlimm ist es bei anderen Passagieren auf dem Mittelmeer, wo nach Schätzungen des UNO-Flüchtlingshilfswerks jährlich etwa 1500 Menschen auf der Überfahrt von Afrika nach Europa zu Tode kommen. 28 in jeder Woche. Vier jeden Tag.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2012)















