25.05.2012 12:44 | Meine Presse Merkliste 0

Sehnsucht, Seenot und keine Rettung: Passagiere auf dem Mittelmeer

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

15 Todesopfer, 22 Vermisste gab es auf dem Kreuzfahrtschiff Costa Concordia. Sie sind nicht die Einzigen, die vergangene Woche in den Wellen des Mittelmeers ertrunken sind.

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Es ist eine Reise, der man monatelang erwartungsvoll entgegenblickt. Man muss rechtzeitig buchen, denn sonst kriegt man womöglich kein Ticket mehr. Es ist wie überall im Reisegeschäft: Wer mehr zahlt, kann mit mehr Platz rechnen, mit besser ausgebildetem Personal, mit professionellerem Service und mit besserem Essen an Bord. Aber wie überall im Reisegeschäft ist auch hier der Preis keineswegs ein Garant dafür, dass man gut behandelt wird. Nepp und Betrug kommen ebenfalls vor. Aber es wird schon alles gut gehen.

Ein unbezahlbarer Luxus für die Superreichen ist die Fahrt übers Mittelmeer nicht. Aber ziemlich teuer ist sie schon. Manche Passagiere haben sich das Ticket von einem wohlhabenderen Verwandten schenken lassen. Andere haben monatelang hart gearbeitet und Geld gespart, um sich diesen Traum verwirklichen zu können. Ein Mal, nur ein Mal im Leben wollten sie auch dort sein, wo die Reichen und Unbeschwerten sind.

Man hat es ja schon so oft im Fernsehen gesehen: Menschen, deren blonde Schöpfe im Wind wehen. Menschen mit sauberen Kleidern und interessanten Jobs und kleinen Alltagsverwicklungen, die sich locker bewältigen lassen. Menschen, die Problemchen haben, aber keine existenziellen Krisen. Ach, muss der Moment schön sein, wenn man erst einmal an Bord ist, hat man sich gedacht. Wenn man das Festland mit allen Sorgen hinter sich lassen kann und das Schiff endlich ablegt, hinaus aufs offene Meer.

Dass die Reise auch schiefgehen kann, hat man gewusst. Ängstliche Verwandte haben einen gewarnt, was alles passieren kann: hohe Wellen, Maschinenschaden, Feuer an Bord. Sogar der Reiseveranstalter hat offen gesagt: Eine absolute Sicherheitsgarantie gibt es nicht. Es sind schon Menschen gestorben bei solchen Reisen. Unglücke können geschehen – und man weiß nie, wen es trifft. Aber es wird schon alles gut gehen.

Dann jedoch weht der Wind stärker, als der Wetterbericht vorausgesagt hat. Das Schiff ist in einem schlechteren Zustand als vermutet. Man schlägt auf einen Felsen, die Bordwand leckt, das Schiff kippt. Im Moment der Seenot erweist sich die Professionalität des Reiseveranstalters. Wer Pech hat, sitzt auf einem Schiff mit unfähigem, panischem Personal, muss zuschauen, wie der Kapitän als Erster von Bord geht, um sich in Sicherheit zu bringen. Und alle anderen Passagiere, Frauen, Männer, Jugendliche, Schwangere, kleine Kinder, im Stich lässt.

In akuter Lebensgefahr steigt die Verzweiflung. Man sieht ganz in der Nähe Land, die rettende Küste, aber keiner kommt zu Hilfe. Man sieht ganz in der Nähe Boote vorbeifahren. Aber selbst wenn man ins Wasser springt und laut um Hilfe ruft, nützt das nichts.

Die Beamten der Küstenwache holen einen nicht etwa an Bord, sondern drängen einen weiter ab – weg von der rettenden Küste, immer weiter hinaus in die tödlichen Wellen, aufs offene Meer. Wo man verdursten wird, ertrinken oder von Fischen gefressen, in irgendeiner Reihenfolge.

Nein, ganz so schlimm war es nicht bei den Passagieren der Costa Concordia. Aber genauso schlimm ist es bei anderen Passagieren auf dem Mittelmeer, wo nach Schätzungen des UNO-Flüchtlingshilfswerks jährlich etwa 1500 Menschen auf der Überfahrt von Afrika nach Europa zu Tode kommen. 28 in jeder Woche. Vier jeden Tag.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2012)

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7 Kommentare
Gast: Luzifer
25.01.2012 14:43
8 0

Was will uns Sybille Hamann eigentlich sagen?

Ist es jetzt gut, wenn auch Minderbemittelte im Mittelmeer zu akzeptablen Preisen ein Kreuzfahrt unternehmen oder sollte eine solche nur "verdienten Werktätigen" vorbehalten bleiben und das gratis auf Kosten des Steuerzahlers bzw. der "Reichen", denen wiederum solche Kreuzfahrten verboten werden sollten (auch die Mitfahrt bei Freunden - s. Fall Karl Heinz Grasser)?

An besonders langen Haaren herbeigezogen ist der von S.H. konstruierte Zusammenhang mit der Zurückweisung von "boats-people" im Mittelmeer: ich sehe nämlich nicht ein, warum die jenigen, die das Wagnis einer lebensgefährlichen Überfahrt über das Mittelmeer auf sich nehmen, besser behandelt werden sollen, als alle die anderen, die korrekt in die EU einreisen wollen. Und da stellt sich die Frage an Frau S.H., ob sie die Millionen von Arbeitslosen aus ganz Afrika und dem Nahen Osten in der EU aufnehmen will, selbst wenn sich der Dümmste ausreichen kann, daß man diese auf Grund der hohen Arbeitslosigkeit in den meisten europäischen Staaten gar nicht in den Arbeitsmarkt integrieren kann! Mit kommt das ähnlich vor, als würde sich jemand weigern, seinen eigenen Familienmitgliedern zu helfen, weil er ja die vielen Millionen Armen in der ganzen Welt beistehen muß ....

Antworten beaumont
26.01.2012 11:28
4 0

Re: Was will uns Sybille Hamann eigentlich sagen?

Sie versuchen einem S.H.-Artikel mit Logik zu begegnen. Damit sind sie von vornherein auf verlorenem Posten.

Antworten Antworten Gast: Luzifer
26.01.2012 11:52
0 2

Re: Re: Was will uns Sybille Hamann eigentlich sagen?

Dafür haben Sie '"überzeugende" Argumente, nämlich keine! Armseliig!

Dagobert
25.01.2012 12:17
7 0

Ansichtssache

Wer Abenteuer erleben will, der läßt sich über das Mittelmeer schleppen.

Wer Asyl will, der bleibt in den Auffanglagern, die dort extra eingerichtet wurden und für die Europa gar nicht so wenig zahlt (von wegen arabischer Frühling und so)

Wer aber weiß das er keinen trifftigen Asylgrund hat, der geht das Risiko baden zu gehen natürlich ein, da inzwischen weltweit bekannt ist, das einem finanziell und jurististisch geholfen wird, nicht aus dem Schlaraffenland entfernt zu werden, sobald man die Überfahrt geschafft hat.

PS: Afghanen kaufen inzwischen Dokumente, dass sie von Taliban bedroht werden....

0 9

wow, was für ein toller kommentar!



danke frau hamann.
und nehmen sie die zu erwartenden proteste gegen ihren vergleich von 'untermenschen' mit uns ehrlichen und anständigen nicht ernst:
wer sich von einem chirurgen die zusammengewachsenen augenlider trennen lässt und erstmals das licht erblickt, wird auch schreien: "viel zu hell! schaltet den scheinwerfer ab!"

wmaurer
24.01.2012 19:10
11 1

das wird die Angehörigen der toten Kreuzfahrtpassagiere

ungeheuer trösten.

Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich. Und das Vorliegende ist eine besonders hatscherte Gschicht, liebe Frau Hamann.

Antworten Hirschmugl
25.01.2012 10:54
0 8

Re: das wird die Angehörigen der toten Kreuzfahrtpassagiere

Ich habe daraus nichts Falsches entnommen.

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