Man kennt das Sujet aus Märchen ebenso wie aus Fantasy-Romanen: Der geheime Zauberspruch. Die geheime Formel. Das geheime Buch. So mächtig sind die Worte, die dort drinstecken, dass man sie im Innersten eines Berges, auf dem Meeresgrund oder auf einem fernen Planeten verstecken muss, bewacht von vielköpfigen Drachen, Monstern, Aliens oder sonstigem übersinnlichem Security-Personal.
In einem Fantasy-Roman erfüllt die möglichst detaillierte Schilderung der Sicherheitsverwahrung einen simplen Zweck: Sie steigert die Spannung. Gleichzeitig verändert dieser dramaturgische Kniff den Stellenwert des geheim gehaltenen Objekts. Es bekommt eine mythische Aura, wird unwiderstehlich, überwältigend, übermenschlich und auf unwiderlegbare Weise wahr. Denn wenn das, was drinsteht, offensichtlicher Unsinn wäre, müsste man ja niemanden unter Aufbietung aller Kräfte davon fernhalten, oder?
In den kommenden Tagen wird man diesen Mechanismus – wieder einmal – an Adolf Hitlers „Mein Kampf“ beobachten können. Eigentlich wollte der britische Verleger Peter McGee eine 15-seitige Broschüre mit kommentierten Textpassagen veröffentlichen und an deutschen Zeitungskiosken verkaufen. Doch daraus wird nichts. Das bayerische Finanzministerium, das seit Hitlers Tod die Urheberrechte verwaltet, legte sich quer und zwang den Verleger, Hitlers Sätze beim Druck mit einem Grauschleier zu überdecken. Nicht ein vielköpfiges Monster soll die Deutschen vor der gefährlichen Lektüre schützen, sondern undurchsichtiger Nebel. Was das Verdeckte umso geheimnisvoller – und umso interessanter macht.
Beinahe überall auf der Welt ist „Mein Kampf“ in Übersetzungen, als Raubkopien oder Downloads erhältlich. Nur dort, wo es einst geschrieben und in millionenfacher Auflage jedem Haushalt aufgedrängt wurde, ist es heute verboten. Selbstverständlich ist das eine paradoxe Situation. Eine, die weder der historischen Aufklärung noch der Bewältigung der individuellen Vergangenheiten dient, und schon gar nicht der Entzauberung.
Wer sich vor der historischen Wahrheit nicht fürchtet und der Kraft der Argumente vertraut, muss sich vor der Auseinandersetzung mit diesem Buch nicht fürchten, und wird daher für die Aufhebung des kontraproduktiven Veröffentlichungsverbots eintreten. Auch in Österreich.
So weit werden wir hier, 67 Jahre nach Kriegsende, schließlich sein, dass man die Kenntnis der wichtigsten historischen Eckdaten voraussetzen kann. Soweit, dass zumindest Menschen, die eine Schulbildung abgeschlossen und in verantwortungsvollen Positionen tätig sind, in groben Zügen Bescheid wissen, was in der Reichspogromnacht und bei der „Endlösung der Judenfrage“ passiert ist. 67 Jahre nach Kriegsende wird wohl niemand mehr ernsthaft das Bespucken eines Autos mit millionenfachem Mord an Menschen verwechseln, Nazis mit Juden, Neonazis mit „Leistungsträgern“, den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde mit einem anarchistischen Gewalttäter, Täter mit Opfern.
67 Jahre nach Kriegsende wird wohl auch niemand mehr die Hetzschrift „Mein Kampf“ ernsthaft als Handlungsanleitung für eine bessere, gerechtere Gesellschaft lesen. Weswegen wir seiner Veröffentlichung gefestigt und gelassen entgegenblicken können. Oder etwa nicht?
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Zur Autorin:
Sibylle Hamann ist Journalistin in Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2012)















