25.05.2012 12:45 | Meine Presse Merkliste 0

„Mein Kampf“ gehört veröffentlicht. In einem gelassenen, normalen Land

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Eine Gesellschaft, die mit ihrer Geschichte – auch mit den ganz dunklen Kapiteln – vertraut, politisch redlich und mit sich im Reinen ist, hält die Veröffentlichung von Adolf Hitlers Schriften locker aus.

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Man kennt das Sujet aus Märchen ebenso wie aus Fantasy-Romanen: Der geheime Zauberspruch. Die geheime Formel. Das geheime Buch. So mächtig sind die Worte, die dort drinstecken, dass man sie im Innersten eines Berges, auf dem Meeresgrund oder auf einem fernen Planeten verstecken muss, bewacht von vielköpfigen Drachen, Monstern, Aliens oder sonstigem übersinnlichem Security-Personal.

In einem Fantasy-Roman erfüllt die möglichst detaillierte Schilderung der Sicherheitsverwahrung einen simplen Zweck: Sie steigert die Spannung. Gleichzeitig verändert dieser dramaturgische Kniff den Stellenwert des geheim gehaltenen Objekts. Es bekommt eine mythische Aura, wird unwiderstehlich, überwältigend, übermenschlich und auf unwiderlegbare Weise wahr. Denn wenn das, was drinsteht, offensichtlicher Unsinn wäre, müsste man ja niemanden unter Aufbietung aller Kräfte davon fernhalten, oder?

In den kommenden Tagen wird man diesen Mechanismus – wieder einmal – an Adolf Hitlers „Mein Kampf“ beobachten können. Eigentlich wollte der britische Verleger Peter McGee eine 15-seitige Broschüre mit kommentierten Textpassagen veröffentlichen und an deutschen Zeitungskiosken verkaufen. Doch daraus wird nichts. Das bayerische Finanzministerium, das seit Hitlers Tod die Urheberrechte verwaltet, legte sich quer und zwang den Verleger, Hitlers Sätze beim Druck mit einem Grauschleier zu überdecken. Nicht ein vielköpfiges Monster soll die Deutschen vor der gefährlichen Lektüre schützen, sondern undurchsichtiger Nebel. Was das Verdeckte umso geheimnisvoller – und umso interessanter macht.

Beinahe überall auf der Welt ist „Mein Kampf“ in Übersetzungen, als Raubkopien oder Downloads erhältlich. Nur dort, wo es einst geschrieben und in millionenfacher Auflage jedem Haushalt aufgedrängt wurde, ist es heute verboten. Selbstverständlich ist das eine paradoxe Situation. Eine, die weder der historischen Aufklärung noch der Bewältigung der individuellen Vergangenheiten dient, und schon gar nicht der Entzauberung.

Wer sich vor der historischen Wahrheit nicht fürchtet und der Kraft der Argumente vertraut, muss sich vor der Auseinandersetzung mit diesem Buch nicht fürchten, und wird daher für die Aufhebung des kontraproduktiven Veröffentlichungsverbots eintreten. Auch in Österreich.

So weit werden wir hier, 67 Jahre nach Kriegsende, schließlich sein, dass man die Kenntnis der wichtigsten historischen Eckdaten voraussetzen kann. Soweit, dass zumindest Menschen, die eine Schulbildung abgeschlossen und in verantwortungsvollen Positionen tätig sind, in groben Zügen Bescheid wissen, was in der Reichspogromnacht und bei der „Endlösung der Judenfrage“ passiert ist. 67 Jahre nach Kriegsende wird wohl niemand mehr ernsthaft das Bespucken eines Autos mit millionenfachem Mord an Menschen verwechseln, Nazis mit Juden, Neonazis mit „Leistungsträgern“, den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde mit einem anarchistischen Gewalttäter, Täter mit Opfern.

67 Jahre nach Kriegsende wird wohl auch niemand mehr die Hetzschrift „Mein Kampf“ ernsthaft als Handlungsanleitung für eine bessere, gerechtere Gesellschaft lesen. Weswegen wir seiner Veröffentlichung gefestigt und gelassen entgegenblicken können. Oder etwa nicht?


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Zur Autorin:
Sibylle Hamann ist Journalistin in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2012)

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18 Kommentare
Sebifredi
03.02.2012 09:18
3 0

Stimme Ihnen zu!

Wüsste nicht, was in diesem Werk noch so toll, neu, anregend und aufregend sein sollte. Bin außerdem sicher, dass es die wenigsten vollständig lesen werden oder es je ganz gelesen haben.Gibt doch sicher in vielen Familien im verstaubten Eck der Bücherei noch alte Exemplare, die einst an Schüler, Hochzeiter....verteilt wurden und ungelesen seit Jahrzehnten ihr Dasein fristen. Viel Lärm un nichts!

Gast: pensionär
02.02.2012 22:05
0 0

Frau Hamann ...

... K.R. Poppers "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" gelesen - aber nicht nur das Inhaltsverzeichnis diagonal?

nova89
02.02.2012 17:06
2 0

verkehrte Welt

Frau Hamann ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Ihrer Meinung bin...

Bald regnets wohl von unten nach oben.

Gast: homerrr
01.02.2012 15:54
5 0

2015

bin völlig ihrer ansicht, aber lange dauert der spuk nicht mehr; 70 jahre nach dem tod enden alle copyright-ansprüche und der text wird überall frei verfügbar sein. was egal ist - denn die, die ihn lesen wollten, kennen ihn ohnehin.

im übrigen möchte ich auf qualtingers großartige mein kampf-lesung aus dem jahr 1973 (!) hinweisen. hörenswert!

Antworten Sebifredi
03.02.2012 09:20
1 0

Re: 2015

Wirklich hörenswert! Hab die CD davon.

Antworten Antworten freeman
07.02.2012 12:31
1 0

Qualtingers Lesung

ist wirklich empfehlenswert.

Hirschmugl
01.02.2012 12:32
1 1

Freigabe

Ich habe das Zeug gelesen, es ist frustrierend, "zum Kotzen" ist eine angebrachte Klassifizierung.
Trotzdem könnte es wieder Leitfaden für bestiefelte Glatzköpfe sein; daher bin ich dafür, das "Werk" nur mit Kommentaren freizugeben.

Gast: dikn
01.02.2012 10:46
2 6

Kein normales Land

Österreich ist aber kein normales Land, Österreich ist hysterisch, ignorant, kleinstaatelnd-isolationistisch, himelhochjauchzend, zuTodebetrübt, manisch-depressiv, sadomasochistisch (der Namensgeber des Masochismus war Österreicher !).

Mit anderen Worten: Österreich ist durchgeknallt. Viel zu durchgeknallt, als daß man irgendwas Normales voraussetzen könnte, das auf den Rest der Welt zutrifft ;-)

Antworten artemis70
01.02.2012 14:25
2 0

Re: Kein normales Land

und Sie sind ein bewohner dieser abnormalen landes?
wenn ja, können Sie einem ja wirklich leid tun!

Antworten Murray
01.02.2012 11:18
5 1

Re: Kein normales Land

In Wirklichkeit ist Österreich wie andere Länder auch, vielleicht etwas kleiner.

Kokopelli
01.02.2012 10:43
1 5

Ziemlich unbedarft

Prinzipiell richtig, aber nicht in Ö oder D. Da wird dieses Machwerk wieder zur Bibel der Unverbesserlichen, kombiniert mit neudeutscher Umschreibung. Dem Durchschnittsösterreicher so viel historische Objektivität zuzumuten ist ziemlich unbedarft und sträflich leichtsinnig. Man würde bei uns wieder die Büchse der rassisitischen Pandora öffnen und dieses Machwerk gesellschaftsfähig machen!

Antworten Murray
01.02.2012 11:13
8 0

Re: Ziemlich unbedarft

Wenn Sie eine rassistische Pandorabüchse sehen wollen, dann betrachten Sie doch einfach die Publikationen zeitgenössischer Genetiker...

Die "Unverbesserlichen" haben das Buch schon lange, die Durchschnittsösterreicher hingegen brauchen keine staatliche Super-Nanny. Und wenn das ganze Buch so ist, wie die Auszüge, die sich als Zitate in den Geschichtsbüchern finden, dann liest niemand dieses Werk freiwillig. So what?

1 4

"Eine Gesellschaft, die mit ihrer Geschichte – auch mit den ganz dunklen Kapiteln – vertraut, politisch redlich und mit sich im Reinen ist..."

... was auf teile der österr. gesellschaft nicht zutrifft.

Antworten Murray
01.02.2012 11:15
5 1

Re: "Eine Gesellschaft, die mit ihrer Geschichte – auch mit den ganz dunklen Kapiteln – vertraut, politisch redlich und mit sich im Reinen ist..."

Da sind Sie aber zu streng zu sich. Schöpfen Sie Mut! Immerhin haben Sie Einsicht gezeigt, und das ist der erste Schritt auf dem Weg zur Besserung...

TheAlien
01.02.2012 10:20
2 0

Nationalistische Propaganda für Patridioten ist in territorial-monopolostischen Staaten ganz normal

Ein Buch mehr oder weniger zu diesem Thema ist dabei schon egal.

Und die im Artikel beschriebene Bedeutungsüberhöhung durch Verbote ist mit hoher Wahrscheinlichkeit gefährlicher, als der Inhalt des Buches, wenn es veröffentlicht würde.

0 0

Handlungsanleitung für eine bessere Gesellschaft...

...sicher nicht.
Aber als Handlungsanleitung für manipulative Politik und Propaganda allemal. Mit einem der heutigen Zeit angepassten Schreibstil allemal brisant genug.

Antworten Murray
01.02.2012 10:57
3 0

Re: Handlungsanleitung für eine bessere Gesellschaft...

Nicht wirklich. Da ist Macchiavelli in Bezug auf Politik gefährlicher.

Interessant sind sowieso eher andere Schriften: die Kapitalismuskritik dieser Partei (siehe Gottfried Feder) erinnert irgendwie an Hörmann und Attac, Otto Strassers Wirtschaftsprogramme hingegen könnten auch von Obama stammen...

Antworten Antworten Arethas
01.02.2012 15:48
4 0

Re: Re: Handlungsanleitung für eine bessere Gesellschaft...

...deswegen heißt es ja auch National-SOZIALISMUS und ist tatsächlich auch nicht "rechts"im Sinne von konservativ.

Eine logische Folge dieses Umstandes ist, dass Sozialisten und Nationalsozialisten (SDAPÖ und NSDAP) den Ständestaat gleichermaßen ablehnten.


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