25.05.2012 12:46 | Meine Presse Merkliste 0

Die Arbeit eines Installateurs ist Geld wert - kritische Öffentlichkeit ebenfalls

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Im ORF arbeiten viele freie Mitarbeiter für extrem niedrige Honorare, in Magazinen, Zeitungen und Onlinemedien ebenso. Irgendwann merkt man das den Produkten an.

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Journalisten haben über alle anderen stets etwas zu sagen. Über AHS-Lehrerinnen und ÖBB-Bedienstete, über Supermarktkassierinnen und Justizwachebeamte, über deren Privilegien, Probleme und Kollektivverträge. Bloß über ihren eigenen Beruf reden Journalisten selten.

Im Zuge der jüngsten ORF-Turbulenzen wurden die Honorarhöhen der dortigen freien Mitarbeiter bekannt. Dabei erfuhr das Publikum, dass jene Menschen, die – insbesondere auf Ö1 und FM4 – einen großen Teil der hochwertigen Inhalte produzieren, nach Tarifen bezahlt werden, für die man in anderen qualifizierten Berufen kaum einen Finger rührt. Dass über diesen Teil des ORF-Konflikts auffällig zurückhaltend berichtet wurde, ist kein Zufall. Denn im Print- und Onlinejournalismus schaut es keineswegs besser aus. Eher noch schlechter.

In den Medien hat sich in den vergangenen Jahren Ähnliches abgespielt wie in anderen Branchen: Die Produktivität wurde erhöht, Posten eingespart, Arbeit ausgelagert, Kosten gedrückt, Gewinne maximiert. Mit dem Effekt, dass die Arbeitsbedingungen zwischen jenen innerhalb des Systems und jenen außerhalb extrem auseinanderklaffen. Für Erstere gibt es, leistungsunabhängig, alle fünf Jahre automatisch zehn Prozent mehr Gehalt. Während Zeilenhonorare für freie Mitarbeiter vielerorts um mehr als die Hälfte gekürzt wurden. Dass der Gewerkschaft Ersteres mehr am Herzen liegt als Zweiteres, wird niemanden überraschen.

Mittlerweile werden ganze Zeitungs- und Magazinseiten um 200 Euro gefüllt – 150 für den Text, 50 fürs Foto. Im Onlinebereich, wo man noch näher an der Gratiskultur dran ist, ist es noch billiger. Das sind, wohlgemerkt, keine Anfängerhonorare für junge Leute, die noch üben. Sondern für Profis, die manchmal zu den Besten ihrer Zunft gehören, für die Qualität ihrer Arbeit mit Preisen ausgezeichnet werden und damit über Jahre hinweg ihre Familien ernähren.

Gejammert wird darüber selten. Und es müsste die Öffentlichkeit nicht groß interessieren. Wenn sich diese Honorarhöhen nicht auch direkt im Produkt, im Programm, in den Medieninhalten niederschlagen würden.

Wie muss man nämlich arbeiten für 150 Euro pro Seite, wenn man davon lebt? Man muss möglichst viele Zeilen produzieren, in möglichst wenigen Stunden, mit möglichst wenig Aufwand. Statt vor Ort zu sein (kostet Zeit und Spesen), schreibt man vom Schreibtisch aus etwas zusammen. Statt konkret nachzuschauen und dreimal nachzufragen, vermutet man das Naheliegendste und schmückt es hübsch aus. Ein bisschen nachdenken geht sich eventuell aus. Aber recherchieren? Auf die Gefahr hin, dass die Recherchen im Nichts enden und gar keine Geschichte dabei herausschaut? Als Angestellter kann man sich das eventuell noch leisten, als Freier nicht.

Dazu kommen Zusatzjobs im Grenzbereich zur PR, die fast jeder freie Journalist machen muss, um eine halbwegs vernünftige Mischkalkulation zusammenzubringen. Selbstverständlich gibt es Auftraggeber, die spendabler sind als andere. Wie viel Unangenehmes wird man über die schreiben, wenn von ihrem Honorar die nächste Installateurrechnung bezahlt werden muss?

Nein, die Arbeitsbedingungen von Journalisten sind nicht bloß für Journalisten von Bedeutung, sondern für alle Menschen, die an einer kritischen Öffentlichkeit interessiert sind. Gut, dass die ORF-Mitarbeiter einen Anfang gemacht haben.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2012)

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12 Kommentare
Gast: Luzifer
13.02.2012 17:05
0 0

Welche "Früchte" der kapitalistische "Wettbewerb"

um die auflagenträchtigsten Schlagzeilen bzw. der Einfluß von "Kapitalgebern" u. der Politik am Medienmarkt zeitigt, lassen die Skandale in GB erahnen. Auch ihn Österreich gibt es unter dem Einfluß der Politik und auflagengeilen Medien eine gnadenlose "Menschen-Hatz", die noch von den Grünen, die darin einen Propagandaschlager für ihre wenig attraktiven Polit-Programme sehen, verstärkt werden!

freeman
13.02.2012 13:46
3 0

Ein wesentlicher Unterschied:

Ein Installateur bietet seine Leistung in der Regel auf dem freien Markt an - bietet er was Leute haben wollen, verdient er Geld, bietet er etwas anderes (zB: "Jetzt neu: Die Bleiwasserleitung!"), verdient er nichts (und seine Angestellten längerfristig auch nicht).

Ein ORF-Journalist hingegen lebt letztendlich von Zwangsabgaben - er liefert nicht das, was irgendein Kunde will, sondern bestenfalls das, was sein unmittelbar Vorgesetzter sehen will, das System ist Selbstreferenz auf die Spitze getrieben.

Wer sollte denn in der Lage sein, zu bestimmen, was die Leistung eines Redakteurs wert ist, wenn die tatsächliche Nachfrage für dieses "Gut" so gering zu sein scheint, daß man die Kunden unter Androhung von Gewalt (bis zum Freiheitsentzug) dazu zwingen muß, überhaupt welche zu sein?

0 1

Re: Ein wesentlicher Unterschied:

sogar für nur-überschrift-leser sollte erkennbar sein, dass der orf nur EINE baustelle von vielen ist, dass sich der artikel auf ALLE medien bezieht.

ich sehe irgendwo das ORF-logo und schon fängt mein hirn zu kochen an....
macht ideologie derart blind?
oder ist ein ordentliches maß an dummheit und fanatismus auch dabei?

gms_
08.02.2012 20:14
9 2

Re.: "Dabei erfuhr das Publikum, dass jene Menschen, die – insbesondere auf Ö1 und FM4 – einen großen Teil der hochwertigen Inhalte produzieren, nach Tarifen bezahlt werden, für die man in anderen qualifizierten Berufen kaum einen Finger rührt. "


Welch ein Treppenwitz! Marxisten beuten andere, noch jüngere Marxisten aus, um marxistische Parolen über ein marxistisches Radioprogramm zu transportieren.

Daß Journalisten sich mit Politikern gerademal um die letzten Plätze im Ansehen bei den Bürgern raufen, hat einen banalen Grund: Das Volk ist weniger dumm, als es die chattering class es verkaufen will. Mit anderen Worten: Die vergifteten Textpillen, mit denen der "Meeenstriehm" seine Opfer füttert, wirken weniger, als vom "Meeenstriehm" erwünscht. Der Täterverbund aus Texteschiebern und Obertanen mag daher zwar besonders breit sein, aber seine permanente und grenzenlose Selbstüberschätzung ist eine veritalbe Leitplanke.

Für all die selbsternannen Erklärbärinnen, deren Spechblasen niemand interessiert, mag dies ernüchternd wirken, doch immerhin können sie sich ja gegenseitig bespaßen:

"Journalisten schreiben für Journalisten -- erigierte Binnen-Is im Dutzend billiger."

Da sowieso jeder, der unfallfrei "Keyboard" schreiben kann, sich für einen Tschörnalisten hält, ist das Geschäftsmodell "Journalisten schreiben für Journalisten" in jeder Hinsicht erfolgversprechend. Und dann klappt's bestimmt auch mit der Marie. Oder auch nicht, aber wenn soll's jucken.

0 1

Re: Re.: "Dabei erfuhr das Publikum, dass jene Menschen, die – insbesondere auf Ö1 und FM4 – einen großen Teil der hochwertigen Inhalte produzieren, nach Tarifen bezahlt werden, für die man in anderen qualifizierten Berufen kaum einen Finger rührt. "

der nächste hirni, der nicht lesen kann.

es geht nicht um den orf, nicht um ein radiopragramm, das du nicht magst.

es geht um ALLE medien.

wer selbst nichts ist und selbst nichts kann (siehe dein beitrag) ist wenigstens ein großkotz, der die leistungen anderer mies macht!

Antworten Gast: TEST TEST TEST
09.02.2012 19:15
3 0

Richtig

wie ich "hochwertigen Inhalt" gelesen habe, musste ich mich vor Lachen anw.scheln. Die Arschkriecherei im permanent Allradgetriebe als hochwertig zu bezeichnen ist ....originell-

Antworten Gast: schlÄchter
09.02.2012 18:23
4 0

Re: Re.: "Dabei erfuhr das Publikum, dass jene Menschen, die – insbesondere auf Ö1 und FM4 – einen großen Teil der hochwertigen Inhalte produzieren, nach Tarifen bezahlt werden, für die man in anderen qualifizierten Berufen kaum einen Finger rührt. "

"Journalisten schreiben für Journalisten -- erigierte Binnen-Is im Dutzend billiger."

:-)))

so ist es, und frau hamann setzt auch noch die journalisten mit einer "kritischen öffentlichkeit" gleich.

+

mfg
s.

Antworten Gast: Vogel Strauss
09.02.2012 14:54
0 1

Re: Re.: "Dabei erfuhr das Publikum, dass jene Menschen, die – insbesondere auf Ö1 und FM4 – einen großen Teil der hochwertigen Inhalte produzieren, nach Tarifen bezahlt werden, für die man in anderen qualifizierten Berufen kaum einen Finger rührt. "

Ihrem Stil nach kommen Sie aus der Branche ...

Antworten Gast: auch ich
09.02.2012 11:50
0 0

Re: Re.: "Dabei erfuhr das Publikum, dass jene Menschen, die – insbesondere auf Ö1 und FM4 – einen großen Teil der hochwertigen Inhalte produzieren, nach Tarifen bezahlt werden, für die man in anderen qualifizierten Berufen kaum einen Finger rührt. "

richtig

Gast: Vogel Strauss
08.02.2012 18:08
8 2

Vergleich von Äpfeln und Birnen

Den Installateur brauche ich, die Journalisten nicht unbedingt. Qualitätsjournalismus oder investigativer Journalismus sind in Ö ohnehin Fremdworte geworden und daher ist das meiste Medien-Blabla, was täglich produziert wird, wirklich entbehrlich. Überdies: Warum müssen soviele Schreiberlinge produziert werden? Publizistik-Studium u. Journalismus-Schulen sind sinnlos überlaufen ...

periskop
08.02.2012 16:36
1 1

Für diesen Artikel bekommt Frau Hamann also ca. 100 Euro.

Jetzt verstehe ich, warum "Die Presse" immer miserabler wird: Wenig Geld, wenig Musi'!

Antworten Gast: Richtig hingegen wäre
12.02.2012 19:51
3 0

dass Frau Hamann für dieses Geschreibe zahlen muss


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