Angeblich denkt jemand in der SPÖ über eine Verkürzung der „Normarbeitszeit“ nach. Nicht mehr 38,5 oder 40 Stunden, sondern weniger. 35 Stunden vielleicht, 30 sogar? Genaueres traute sich die SPÖ nicht zu sagen.
Es dauerte auch keine zwei Atemzüge, da war der Vorschlag schon mit einer Punze versehen. „Retro“, „Uraltidee“ hieß es, auch in dieser Zeitung; „alte Forderung der Linken“, „jahrzehntealte Leitlinie der Gewerkschaft“, und sie wurde als ,Kampfparole“, als „Zeichen für einen Linksruck“ oder als „Reideologisierung der SPÖ“ interpretiert. Hauptsache links, Hauptsache alt, also in einem modernen Diskurs nicht weiter der Rede wert.
Dieser Reflex war ein Fehler. Denn egal, wie feig die SPÖ ist, und egal, was man von ihrer nostalgischen Wirtschaftspolitik sonst halten mag – nüchtern muss man sagen: Die Verkürzung der Arbeitszeit ist keine Retro-, sondern ein Zukunftsidee. Sie wird sogar absolut notwendig sein. Aus vielen Gründen.
Erstens wollen wir, dass Menschen im Alter wesentlich länger arbeiten. Das geht jedoch nur, wenn sie nicht vorher ausbrennen. Als 70-Jährige noch berufstätig zu sein ist eine schöne Vorstellung. Aber nicht, wenn man invalide ist, chronische Schmerzen hat oder ein Burn-out.
Zweitens wollen wir, dass Menschen Kinder kriegen, am besten noch mehr Kinder als bisher. Was nicht recht funktionieren wird, wenn wir potenziellen Eltern keine Zeit und keine Luft geben, tatsächlich Eltern zu sein. Zwei Elternteile, die je 30 Wochenstunden arbeiten – das geht gut. Ein Elternteil, das sich in zig Überstunden aufreibt, und eines, das bloß geringfügig „dazuverdient“ – gesellschaftlich gesehen, ist das eine gigantische Verschwendung von Talent. Familiär gesehen, ist es ein sicheres Rezept für Frust und Streit.
Drittens müssen wir, wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, die Produktivität erhöhen. Wann ist die Produktivität pro Arbeitsstunde höher – bei 30 Wochenstunden oder bei 60? Jeder, der schon einmal Teilzeit gearbeitet hat (und für ein Teilzeitgehalt fast ein Vollzeitergebnis geliefert hat), kennt die Antwort.
Viertens wird, wie uns von den Modernisierern stets gepredigt wird, immer mehr Flexibilität notwendig sein. Wir produzieren „on demand“, stehen „auf stand-by“ bereit, arbeiten einmal mehr, einmal weniger. Was im Prinzip durchaus okay ist. Allerdings nur, wenn wir uns auf einen halbwegs vernünftigen Mittelwert einigen.
Fünftens sollen wir uns ein Leben lang fortbilden, mit den erworbenen Qualifikationen nicht zufriedengeben, uns permanent an Neues anpassen, weiterentwickeln. Auch sehr fein, theoretisch. Geht aber praktisch nur, wenn man uns die Zeit und Energie dafür lässt.
Schließlich werden wir in einer modernen, aber alternden Dienstleistungsgesellschaft dringend darauf angewiesen sein, dass uns die Ideen nie ausgehen. Dass wir permanent neue Dinge erfinden und uns neue Lösungen für alte Probleme ausdenken. Neue Ideen findet man nicht, wenn man tagein, tagaus im Hamsterrad rennt, sondern nur, wenn man außerhalb der Arbeitsroutine die Gelegenheit zu Erfahrungen, Begegnungen, Überraschungen hat.
30 Stunden sind genug: Vielleicht ist da, jenseits der SPÖ, noch jemand Mutigerer, der sich diese großartige Idee auf die Fahnen schreibt.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2012)















