19.05.2013 19:08 Merkliste 0

Weniger arbeiten pro Woche. Mehr arbeiten pro Leben. Und besser.

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Eine generelle Arbeitszeitverkürzung ist keine „Retro-Idee“. Sondern eine Notwendigkeit für eine moderne, noch produktivere Arbeitswelt. Ein kleiner Nachtrag zum Tag der Arbeit.

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Angeblich denkt jemand in der SPÖ über eine Verkürzung der „Normarbeitszeit“ nach. Nicht mehr 38,5 oder 40 Stunden, sondern weniger. 35 Stunden vielleicht, 30 sogar? Genaueres traute sich die SPÖ nicht zu sagen.

Es dauerte auch keine zwei Atemzüge, da war der Vorschlag schon mit einer Punze versehen. „Retro“, „Uraltidee“ hieß es, auch in dieser Zeitung; „alte Forderung der Linken“, „jahrzehntealte Leitlinie der Gewerkschaft“, und sie wurde als ,Kampfparole“, als „Zeichen für einen Linksruck“ oder als „Reideologisierung der SPÖ“ interpretiert. Hauptsache links, Hauptsache alt, also in einem modernen Diskurs nicht weiter der Rede wert.

Dieser Reflex war ein Fehler. Denn egal, wie feig die SPÖ ist, und egal, was man von ihrer nostalgischen Wirtschaftspolitik sonst halten mag – nüchtern muss man sagen: Die Verkürzung der Arbeitszeit ist keine Retro-, sondern ein Zukunftsidee. Sie wird sogar absolut notwendig sein. Aus vielen Gründen.

Erstens wollen wir, dass Menschen im Alter wesentlich länger arbeiten. Das geht jedoch nur, wenn sie nicht vorher ausbrennen. Als 70-Jährige noch berufstätig zu sein ist eine schöne Vorstellung. Aber nicht, wenn man invalide ist, chronische Schmerzen hat oder ein Burn-out.

Zweitens wollen wir, dass Menschen Kinder kriegen, am besten noch mehr Kinder als bisher. Was nicht recht funktionieren wird, wenn wir potenziellen Eltern keine Zeit und keine Luft geben, tatsächlich Eltern zu sein. Zwei Elternteile, die je 30 Wochenstunden arbeiten – das geht gut. Ein Elternteil, das sich in zig Überstunden aufreibt, und eines, das bloß geringfügig „dazuverdient“ – gesellschaftlich gesehen, ist das eine gigantische Verschwendung von Talent. Familiär gesehen, ist es ein sicheres Rezept für Frust und Streit.

Drittens müssen wir, wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, die Produktivität erhöhen. Wann ist die Produktivität pro Arbeitsstunde höher – bei 30 Wochenstunden oder bei 60? Jeder, der schon einmal Teilzeit gearbeitet hat (und für ein Teilzeitgehalt fast ein Vollzeitergebnis geliefert hat), kennt die Antwort.

Viertens wird, wie uns von den Modernisierern stets gepredigt wird, immer mehr Flexibilität notwendig sein. Wir produzieren „on demand“, stehen „auf stand-by“ bereit, arbeiten einmal mehr, einmal weniger. Was im Prinzip durchaus okay ist. Allerdings nur, wenn wir uns auf einen halbwegs vernünftigen Mittelwert einigen.

Fünftens sollen wir uns ein Leben lang fortbilden, mit den erworbenen Qualifikationen nicht zufriedengeben, uns permanent an Neues anpassen, weiterentwickeln. Auch sehr fein, theoretisch. Geht aber praktisch nur, wenn man uns die Zeit und Energie dafür lässt.

Schließlich werden wir in einer modernen, aber alternden Dienstleistungsgesellschaft dringend darauf angewiesen sein, dass uns die Ideen nie ausgehen. Dass wir permanent neue Dinge erfinden und uns neue Lösungen für alte Probleme ausdenken. Neue Ideen findet man nicht, wenn man tagein, tagaus im Hamsterrad rennt, sondern nur, wenn man außerhalb der Arbeitsroutine die Gelegenheit zu Erfahrungen, Begegnungen, Überraschungen hat.

30 Stunden sind genug: Vielleicht ist da, jenseits der SPÖ, noch jemand Mutigerer, der sich diese großartige Idee auf die Fahnen schreibt.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2012)

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31 Kommentare
 
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Aja

Wie wäre es, liebe Journalisten- und Politikerschaft, wenn man mal damit anfängt, die Einhaltung geltender Gesetze zu kontrollieren?

Rechtsanwaltsanwärterschaft, Turnusärzte, Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung....überall wird über 40 Stunden-Wochen nur gelacht ("Um 17:00 gehens scho ham? Nau hams Sie sich an halben Urlaubstag genommen?"). 50-60 Stunden ist sowas wie die "Kernzeit" mit den regelmäßig anfallenden - unbezahlten - "Überstunden", wo man dann halt bis weit nach Mitternacht arbeiten darf.
Keine Interessenvertretung interessierts.

Arbeitszeitgesetz und Arbeitsruhegesetz werden in vielen Branchen öfter irgnoriert als die 30iger Beschränkungen bei Baustellen. Dass man dann auch noch anfängt, über eine WEITERE Verkürzung der Arbeitszeit für diejenigen nachzudenken, die ohnedies das Privileg haben NUR 40 Stunden die Woche arbeiten zu müssen, ist blanker Hohn.

"Ein Elternteil, das sich in zig Überstunden aufreibt, und eines, das bloß geringfügig „dazuverdient“ – gesellschaftlich gesehen, ist das eine gigantische Verschwendung von Talent. Familiär gesehen, ist es ein sicheres Rezept für Frust und Streit."

das muss nicht unbedingt zu frust und streit führen.

der 60-stunden partner muss bloss sein wirtschaftliches gewicht in die waagschale werfen, der geringfügig-partner brav kuschen und seinen frust runterschlucken - dann gibt es kaum streit!

wichtig ist, dass der geringfügig-partner fit und gesund bleibt. damit nocht genügend kraft für die pflege vorhanden ist, wenn den anderen "mit 60 der herzinfarkt in die windel prackt".

"uns permanent an Neues anpassen, weiterentwickeln"

kommt doch gar nicht in frage!

wer retro und stur ist, der greift natürlich in die mottenkiste mit den alten lösungen.
und wenn diese mit der realität nicht mehr mithalten können, dann gibt es immer noch das wunderbare 'argument ' mit „alte Forderung der Linken“, „jahrzehntealte Leitlinie der Gewerkschaft“, und sie wurde als ,Kampfparole“, als „Zeichen für einen Linksruck“ oder als „Reideologisierung der SPÖ“-

ja, das leben ist soooo einfach, wenn man sich ein nachdenkverbot auferlegt!

Gast: Familienmensch
03.05.2012 09:20
1 0

Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben

Guter Vorschlag, der eine vernünftige "work/life balance" erleichtern, und auch Arbeitsplätze schaffen würde. Für "workoholics" kann es ja flexible Sonderregeln geben.

Gast: pensionär
03.05.2012 00:15
0 0

Leider vergessen ...

... dass bereits in den 60ern bei Rolls-Royce in der Flugturbinenfertigung die 36-Stunden-Woche üblich war. Warum wohl?

Re: Leider vergessen ...

aus gesundheitlichen gründen
die krebsrate der arbeiter war extrem hoch ohne dass man die ursache kannte

Gast: wienerwürstelpolitik
02.05.2012 21:24
0 0

jetzt schafft die faymann SPÖ die hacklerregelung ab- und das alles wegen der bankenabzockereien u. fehlenden steuergerechtigkeit. oh wunder, jetzt kommens drauf,dass die jugendlichen und jüngeren genauso in die arbeitslosigkeit gestoßen werden. so sind die sozialisten eben. wasser predigen und wein trinken.


2 0

Re.: "Allerdings nur, wenn wir uns auf einen halbwegs vernünftigen Mittelwert einigen."


Wer bitte ist "wir"? Jedem Mitarbeiter steht es frei, mit seinem Arbeitgeber eine unter dem aktuellen Höchstwert liegende Wochenarbeitszeit zu vereinbaren.

Ein "halbwegs vernünftiger Mittelwert" als Ausfluß einer retrokommunistischen One-size-fits-all-Einstellung gegenüber 3,6 Millionen unselbständig Beschäftigten ist weder notwendig noch halbwegs vernünfig.

Gast: Otto Handle
02.05.2012 13:01
12 0

wunderbare Satire

Liebe Frau Hamman, für diese wunderbare Satire danke ich Ihnen herzlich. Wenige schaffen es, auf derart hintergründig humorvolle Art und Weise mittels scheinbarer Zustimmung die diversen krassen Fehleinschätzungen zu entlarven und den Leser zum Nachdenken anzuregen.
Natürlich ist auch Ihnen nicht verborgen geblieben, daß der zunehmende Fachkräftemangel keinerlei Spielraum für Arbeitszeitverkürzungen lässt wenn die Pensions-, Sozial- und überbordenden öffentlichen Verwaltungssysteme weiterhin finanzierbar bleiben sollen.
Natürlich wissen Sie, daß die Bereitschaft zum "Kinder kriegen" nicht von ein paar Arbeitsstunden mehr oder weniger abhängt, sondern von leistbarem Wohnraum, leistbarer Kinderbetreuung, chancenreicher Ausbildung usw., in letzter Konsequenz also davon daß die Leistungsbereiten ihren Dienst in Gesellschaft und Unternehmen in ausreichendem Umfang wahrnehmen.
Natürlich wissen Sie, daß eine weitere Verkürzung der Arbeitszeit nur zu mehr hochbesteuerten Überstunden oder zu mehr Schwarzarbeit führen würde, weil Arbeit eben ein bischen mehr ist als Qual und Broterwerb und für viele Menschen auch Freude und Erfolgserlebnisse mit sich bringt, aber auch weil verkürzte Arbeitszeiten zwangsläufig zu Kaufkraftverlust führen. Der "volle Lohnausgleich" ist bestenfalls als Inflationstreiber zu brauchen, den Kaufkraftverlust gleicht er nicht aus
Und genau weil Sie das alles wissen freut mich die hintersinnige Ironie Ihres Artikels. Danke. Hoffentlich wird er richtig verstanden

0 1

"Natürlich ist auch Ihnen nicht verborgen geblieben, daß der zunehmende Fachkräftemangel keinerlei Spielraum für Arbeitszeitverkürzungen lässt "

Oh doch. Weil wenn sich bei den Fachkräften einmal herumgesprochen hat, dass ihre Arbeitskraft das knappe Gut ist und nicht die Jobs, dann werden diese Leute bei der Jobsuche um einiges selbstbewußter auftreten und z.B. Sätze wie "bei uns gibt es nur All-in-Verträge mit 15 Wochenüberstunden" mit einem müden Lächen quittieren (außer sie wollen die Überstunden machen) und den potentiellen Arbeitgeber darauf hinweisen, dass seine Anzeige schon seit fünf Monaten in der Karrierebeilage steht und er ja wohl nicht noch mal so lange oder länger suchen will, etc.

Antworten Antworten Gast: Till vom Ulenspiegel
07.05.2012 06:13
0 0

Also wenn mir ein Stellenbewerber

solch einen Vortrag halten würde, dann würde ich sofort in Ungarn, der Slowakei oder Tschechien suchen lassen. Die sind das Arbeiten ohne Aufpreis noch gewöhnt. Und wenn mich die AK+Faymann noch lange ärgern, dann verlege ich den Betrieb in die Slowakei. Geht leicht. Glauben Sie mir!

Antworten Antworten Antworten Gast: verinus
08.05.2012 09:16
0 0

Re: Also wenn mir ein Stellenbewerber

wenns meinen...

auch gegen derartige assoziale anwandlungen von unternehmern kann man etwas unternehmen...

Zu dem Artikel...

...passt die nebenstehende Werbeeinschaltung von "willhaben" total gut:))

eine ergänzung

Frau Hamann findet gute Argumente für eine Arbeitszeitverkürzung, sie verschweigt allerdings, ob sie auch mit Lohnkürzungen im selben Ausmaß einverstanden wäre. In einigen kreativen Berufen mag die Produktivität ja steigen, wenn man weniger arbeitet, aber selbst im Journalismus merkt man (und höre ich aus der Branche), dass die Qualität sinkt, wenn in der gleichen Zeit mehr Artikel zu verfassen sind. Wenn Frau Hamann ihre Wohnung neu ausmalen läßt, stellt sich also die Frage, ob sie künftig bereit ist, dafür deutlich mehr zu zahlen. Auch ihr Friseur wird (weil ausgeruht) nicht schneller waschen, föhnen und legen und ich kann auch nicht schneller operieren.
Ein zweites großes Missverständnis wird in dieser Debatte immer wieder gepflegt. Arbeiten macht krank. Ja, es gibt wenige Schwerarbeiter, deren Gesundheit am Arbeitsplatz leidet. Auf jedem medizinischen Kongress ist allerdings zu erfahren, dass die meisten Gesundheits-Risiken außerhalb der Arbeit entstehen. Die wahren Killer sind Rauchen, Fressen, Saufen und mangelnde Bewegung. Und dafür sind wir alle selbst verantwortlich.

Antworten Gast: Vogel Strauss
02.05.2012 15:35
0 0

Re: eine ergänzung

Und ich dachte, mittels Op-Roboter könnte 1 Chirurg gleich 3 oder 4 Patienten gleichzeitig operieren :) Gibz da noch nix von DaVinci??


Re: Re: eine ergänzung

Im Prinzip ist das möglich. Im Moment scheitert es aber daran, dass jeder Mensch anders gebaut ist und 1 mm Abweichung den Unterschied zwischen Erfolg und Tod ausmacht. Aber vielleicht schafft die Gleichmacherei eines Tages ja auch dieses Problem ;-)

Wahrscheinlich sind die Schweizer einfach zu blöd !


Mit 40 Std. Wochenarbeitszeit u. ihrer Ablehnung von 5 Wochen Urlaub !

Wir leben alle vom WERTSCHÖPFUNGSKUCHEN u. sonst NICHTS !!

Somit sind die Wochenstunden nicht das Thema !!
Österreichs Problem sind eine IRRE aufgeblasene, schwer überbezahlte Mehrfachverwaltung ((c) Prof. Streissler, Hannes Androsch u. v.a.) u. Milliarden an Steuermitteln für nicht gedeckten Pensions- u. Ruhegenüsse.

Doch die unSozialpartner werden das Kinder-Ausplünderungsprogramm bis zum bitteren Ende fortführen.

Die Schweizer sind auch langsamer...

...das muss ja wo kompensiert werden...

Re: Die Schweizer sind auch langsamer...

aber nein...nicht DIE schweizer sind langsamer..sondern nur die berner.
es sind ja auch nicht alle schweizer kleinwüchsig..nur die appenzeller

Re: Re: Die Schweizer sind auch langsamer...

Man könnte das auch so ausdrücken, dass unter den allgemein langsamen Schweizern, die Berner die langsamsten sind...

Aber ich möchte mit diesem Kommentar bitte nicht ernst genommen werden!

Re: Re: Die Schweizer sind auch langsamer...

Dass die Appenzeller klein sind, kommt von der Inzucht. Es gibt aber auch große Appenzeller. Die kommen vom Fremdenverkehr!

Danke, sehr klug !

Endlich ein differenzierter, klug durchdachter Beitrag zur Arbeitszeitdebatte - jenseits der üblichen ideologischen Trampelpfade !

Danke

Bernd Marin

Re: Danke, sehr klug !

dieser beitrag ist weder klug noch durchdacht sondern seicht und scheinintellektuell

welcher bernd marin das wohl ist?

Re: Re: Danke, sehr klug !

modestus - der bescheidene, wenn ich mich dunkel erinnere.
tja ...

Re: Re: Re: Danke, sehr klug !

bescheidenheit hindert nicht die meinungfreiheit..auch heftig

der hl-modestus ist tot und liegt in maria saal..seit 1400 jahren

Re: Re: Re: Re: Danke, sehr klug !

wenn meinungsfreiheit mit überheblichkeit kombiniert wird, dann widerspricht das sehr wohl der bescheidenheit!

 
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