Frank Stronach blättert, wie er uns mitteilt, regelmäßig verschiedene österreichische Tageszeitungen und Magazine durch. In letzter Zeit allerdings gar nicht mehr so gern: Da lese ich immer nur von verschiedenen politischen Prozessen vor Gericht, von Untersuchungsausschuss, Bestechung und mangelnder Transparenz. O nein, meint der Mann, der aus der großen weiten Welt zurück in die kleine kam, so kann es nicht mehr weitergehen! Wir befinden uns auf keinem guten Weg! Ich mache mir große Sorgen um Österreich!
Deswegen also hat Frank Stronach ein Hochglanzmanifest drucken und via „Krone“ und „Heute“ unters Volk werfen lassen. Keine schnöde Wahlwerbung, sondern ein Wegweiser. Denn das Land kann von Glück reden, dass es Männer wie Stronach gibt. Die nicht davonrennen, wenn sie gebraucht werden. Unternehmer mit Verantwortungsgefühl. Die fest an Österreich glauben. Ich möchte dabei helfen, den Menschen die Augen zu öffnen. Wir brauchen eine Revolution des Denkens. Es braucht gewisse moralische Werte, um Österreich wieder auf ein gutes Fundament zu führen.
Selbstverständlich braucht Österreich dafür eine neue Art Politiker. Politiker wie ihn. Politiker, die nicht an Untersuchungsausschuss, Bestechung und mangelnder Transparenz anstreifen. Die nicht an sich selbst und den eigenen materiellen Vorteil denken, sondern ausschließlich an Altruismus und Moral. Politiker zu sein, heißt seinem Land zu dienen. Politik sollte eine ehrenhafte Aufgabe sein. Weil es mir um Österreich geht.
Weil es Stronach um Österreich geht, versteuert er sein Geld wohl auch nicht hier, sondern in der Schweiz. Im Kanton Zug, dem Steuerparadies. Was ihn jedes Jahr wieder in die Liste der „300 reichsten Menschen der Schweiz“ bringt. Schon vor acht Jahren beschrieb die Wochenzeitung „Falter“ Stronachs lukratives Geldkarussell, das uns mittlerweile, vom ausdauernden Durchblättern verschiedener Tageszeitungen und Magazine, ziemlich vertraut erscheint: Beraterhonorare in Millionenhöhe kommen da vor, das Schweizer Bankgeheimnis, Firmengeflechte samt Treuhändern, wohlbehütete Briefkastenfirmen und diskrete Konten auf der Kanalinsel Jersey.
Womit sich ein paar Fragen aufdrängen: Worin genau besteht hier die Revolution des Denkens? Was genau unterscheidet diese neue, ehrenhafte Art Politiker von jener Art, die wir bereits zur Genüge kennen?
Und wohin genau will uns Stronachs Wegweiser weisen? Nach Zug? In den Schnellsiedekurs „Steueroptimierung für jedermann?“ Es darf nicht sein, dass sich Bürger vor Finanzbeamten oder der Steuerprüfung fürchten müssen!, schreibt Stronach auf der Website seines Instituts für sozialökonomische Gerechtigkeit. Also kriegt jeder, der sich große Sorgen um Österreich macht, zum Zweck der sozialökonomischen Gerechtigkeit ein Nummernkonto auf einer Kanalinsel?
Vielleicht ist das alles zu profan formuliert. Sicher denkt ein Mann wie Stronach in größeren Zusammenhängen. Balance ist ein ganz wichtiger Begriff für mich und eigentlich betrifft er alle Lebensbereiche: Körper und Seele harmonieren. Damit sich das Rad optimal dreht. Es ist wichtig, als Person ausbalanziert zu sein. Ausbalanziert? Ob er Balance meint, oder eher Bilanz? Auch schon wurscht.
(Die kursiven Zitate entstammen der Website www.stronachinstitut.at und Stronachs Werbefolder.)
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Zur Autorin:
Sibylle Hamann
ist Journalistin in Wien. Ihr jüngstes Buch: „Saubere Dienste“ (Residenz Verlag).
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2012)















