18.05.2013 21:31 Merkliste 0

Es war einmal in Amerika: Die Geschichte von John und Mitt

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Manche Menschen halten es ganz schwer aus, dass andere anders als sie selbst sind. Woher bloß kommt die Angst derer, die ohnehin das Sagen haben, in der Schule und anderswo?

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Das Jahr 1965 ist lang her. Als Teenager macht jeder Mensch viel Blödsinn. Und Wahlkämpfe in den USA sind erbarmungslose PR-Schlachten, in denen mit allen Tricks gearbeitet wird. Viele Gründe also, um zu sagen: Schwamm drüber. Dennoch ist etwas an dieser alten Geschichte, das haften bleibt. Weil es ahnen lässt, wie Menschen funktionieren. Nicht nur Präsidentschaftskandidaten. Nicht nur Mitt Romney. Nicht nur in Amerika.

Die alte Geschichte spielt an der Cranbrook School in Bloomfiled Hills, Michigan. Sie handelt von John Lauber, einem Außenseiter. Still, schmächtig, in sich gekehrt, ein bisschen seltsam. Homosexuell, aber noch nicht geoutet. Es sind eine Zeit und ein Ort, an dem die Siebzehnjährigen Krawatten tragen, und die Haare kurz. Nur John nicht. Der hat sich die braunen Haare blond gefärbt, eine lange Strähne hängt ihm über die Augen ins Gesicht.

Mitt ist ein Jahr älter als John. Größer, lauter, jovialer, beliebter und hat die muskulöseren Freunde. Aber er hält es nicht aus, dass John anders ist. Der große Mitt fühlt sich provoziert. Lästert über den kleinen John. Und passt ihn eines Tages ab. „Er kann nicht so aussehen. Das ist falsch. Schaut ihn an!“, sagt er zu seinen Kumpels, unter ihnen der Wrestling-Champion der Schule. Die nehmen John in den Schwitzkasten und halten ihn auf dem Boden fest, während Mitt eine Schere aus der Tasche zieht und John den blonden Schopf abschneidet.

Solche Teenagergeschichten sind auf der Welt hunderttausende Male passiert. Interessant wird es, wenn man sie auf ihre gesellschaftliche Relevanz abklopft. Und fragt: Wer ist in dieser Geschichte eigentlich der Starke, wer ist der Schwache? Wer ist feig, wer ist mutig?

Es ist nicht leicht, in einer Umgebung, die ein bestimmtes Verhalten einfordert, anders zu sein und das auch zu zeigen. Die Johns dieser Welt brauchen dafür ziemlich viel innere Kraft. Die Mitts dieser Welt hingegen, die die Normen und Regeln der Mehrheitsgesellschaft eigentlich auf ihrer Seite wissen, lassen sich überraschend schnell verunsichern. Starren wie gebannt auf die Johns, fühlen sich von deren bloßer Existenz permanent infrage gestellt. Empfinden ihre eigenen Ehen als gefährdet, wenn die Johns nebenan, als schwules Paar, ebenfalls eine Ehe führen dürfen. Halten es ganz schwer aus, wenn nicht nur sie, sondern auch die Lesben gegenüber glückliche Kinder haben. „Das ist falsch! Schaut sie doch an!“ Die kleine Differenz nehmen sie als Bedrohung wahr, die so existenziell ist, dass sie verhindert, bekämpft werden muss, mit Gesetzen, notfalls mit Gewalt. Befriedigung stellt sich erst ein, wenn wieder jemand geradegerichtet wurde. Wenn alle wieder so ausschauen wie man selbst. Und wenn die Ahnung, dass da noch anderes sein könnte, abgeschnitten ist, ein für alle Mal, wie der blonde Schopf.

Die Geschichte von John und Mitt nimmt schließlich einen klassischen Ausgang. Die Feigen sind mehr, weil sie mehr sind, kriegen sie die Mutigen klein. Mitt Romney ist heute Multimillionär und Präsidentschaftskandidat und beteuert, sich an den Vorfall nicht erinnern zu können. John Lauber hingegen hat den Vorfall sein Leben lang nicht vergessen. Er verschwand damals ein paar Tage lang, kehrte mit normalen braunen Haaren zurück und verließ zu Semesterende die Schule. Vor acht Jahren starb er an Krebs.


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Zur Autorin:

Sibylle Hamann
ist Journalistin in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2012)

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12 Kommentare
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Prophet

Natürlich schützt sich eine Mehrheit gegen Minderheiten, das ist keine moralische Frage, sondern Instinkt.

Es läuft ja heute nicht anders, die Mehrheit besteht mittlerweile aus der Summe an Minderheiten scheinbarer Opfer von religiöser, sexistischer und "klassenspezifischer" Diskriminierung, und sie fühlt sich natürlich von der neuen Minderheit bedroht: dem weißen, heterosexuellen Mann.
Auch die neue Mehrheit versucht, sich gegen diesen zu schützen.

Oder fühlen Sie sich, Frau Hamann, etwa nicht von Männern wie Mitt Romney bedroht?

der mitt ist eh gestraft genug:

ein blick in den spiegel zeigt ihm das, was normalerweise nur eine klomuschel zu sehen bekommt.

Re: der mitt ist eh gestraft genug:

Schließ nicht von Dir auf andere!

Gast: TT1
17.05.2012 11:58
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Wurscht

Zum Glück schafft Obama wieder die Präsidentschaft.

Re: Wurscht

obama wird die wiederwahl schaffen..ob das ein glück ist???

Antworten Gast: Handsi H.
17.05.2012 14:27
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Guantanamo, Krankenversicherung, usw

Da Hussein Barrak nicht ein einziges seiner Wahlversprechen eingehalten ist, sind ihm die Kreuzerln der Neu-amerikaner und det Transfereinkassierer sicher. Bei denen sind die food stamps in der Hand wichtiger, als bs-Versprechen am Dach.Ob diese Stimmen ausreichen werden, steht in den Sternen.

Gast: Niedeösterreicherr
16.05.2012 12:08
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Auch ich habe den Wandel der Mode mitverfolgt:

Dabei ist mir - so wie der Frau Hamann augefallen, daß eine "verwahrloster" Habitus mit ungezügeltem Verhalten einher ging. Nichts gegen legere Kleidung: "Steife" Kleidung wurde durch eine funktionellere abgelöst - Jacken aus leichten atmungsaktiven Stoffen, leicht zu reinigen, praktische Hosen für berufstätige Frauen, die nicht wie Röcke ständig über die Knie rutschen etc.
Nur gibt es auch bei moderner Kleidung Grenzen des guten Geschmackes. Etwa wenn der "Hosenboden" knapp über dem Knie hängt! Insgesamt sollten Kleidung und Verhalten Rücksicht auf den Mitmenschen nehmen. Dezente Kleidung bei besonderen Anlässen, um Respekt zu signalisieren, bei faschingsartiger Kostümierung genügt es, diesen Narren auszulachen!

Wie Fr. Hamann eingangs richtig sagt: in den USA ist Wahlkampf, wo der Mibewerber niedergemacht wird: ob die Story der Fr. Hamann auch wirklich stimmt?

In Mitteleuropa bekommen Zentrumspolitiker oft ein linkes "Ehrengeleit" mit Trillerpfeifen und faulen Eiern! Das aber ist "Folklore" und nicht Unkultur!

Mir kommen gleich die Tränen.

Die Welt ist so schön einfach, nicht wahr? Auf der einen Seite der Hopey-changy-touchy-feely-man, der so rein ist, daß er wahrscheinlich nie auch nur in die Windeln geg*ckst hat, auf der anderen Seite der pöse, pöse Republikaner, der schon verderbt auf die Welt gekommen ist. Praktischerweise ist das Opfer der ruchlosen Attacke schon ein paar Jahre unter der Erde, und seine Familie, die gegen die Darstellungen in den Medien protestiert hat, kommt halt nur schwer in den MSM zu Wort. Praktisch.

hopey-changy-touchy preezi of the united steezi

sehr, sehr richtig.
ich frage mich, ob frau hamann sich auch die tiefgründige philosophische frage nach der funktionsweise des menschen gestellt hätte (hat), nachdem sie die autobiographie von obama gelesen hätte (hat). dort beschreibt er, wie er im schulhof/spielplatz ein dickes mädchen unter johlendem beifall der schulkollegen zu boden schubst, weil er den verdacht, mit ihr befreundet zu sein, ausräumen will. "Als Teenager macht jeder Mensch viel Blödsinn ..... Dennoch ist etwas an dieser alten Geschichte, das haften bleibt. ..." tja, was bleibt/bliebe da haften? zu welchem schluss würde frau hamann in diesem fall kommen? was würde sie über leute denken, die darüber 8 seiten inkl. titelseite schreiben?
man darf gespannt sein, welche tiefschürfenden einblicke in die menschliche seele und natur uns frau hamann liefern könnte, würde sie von der hundegeschichte erfahren? was ist grausamer, einen hund zu „quälen“ http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/wahl-in-amerika/mitt-romney-der-hund-auf-dem-autodach-11717961.html oder einen hund zu essen (auch hier würde es weiterhelfen, die biographie von obama gelesen zu haben)?

Re: hopey-changy-touchy preezi of the united steezi

Das fällt alles unter "selektive Wahrnehmung", die ja seit Obamas erster Kandidatur in den Mainstream-Medien grassiert.

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Ist das schön

wenn die Leute, die sich für die völlige Gleichmacherei einsetzen, entsetzt feststellen, wie das dann in der Praxis aussieht.

"Die Feigen sind mehr, weil sie mehr sind, kriegen sie die Mutigen klein." Könnte so von Plato stammen. War im übrigen eines seiner Argumente gegen die Demokratie und für die Herrschaft der wahren Philosophen (die seltsamerweise Plato so ähnelten wie ein Ei des Kolumbus dem anderen).

Gast: tom green
15.05.2012 19:11
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chapeau, frau hamann.

mehr kann ich dazu nicht schreiben...

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