23.05.2013 19:42 Merkliste 0

Fortpflanzung ist eine Waffe. Und eine Mutter ist bloß ein Gefäß.

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Die Türkei will das Abtreibungsrecht verschärfen. Regierungschef Erdoğan spricht sogar offen aus, worum es dabei eigentlich geht: um Nation und Ökonomie, um Macht und Kontrolle.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Recep Tayyip Erdoğan ist ein Mann von 58 Jahren. Gemeinsam mit seiner Ehefrau hat er vier Kinder großgezogen, zwei Töchter, zwei Söhne. Erdoğan hat Wirtschaft studiert. Er war semiprofessioneller Fußballspieler. Außerdem war er jahrelang Bürgermeister von Istanbul.

Mediziner ist Erdoğan keiner. Dennoch hat er eine ausgeprägte Meinung zum Thema Kaiserschnitt. Er lehnt ihn ab, weil dieser Eingriff eine Narbe auf der Gebärmutter zurücklässt. Und obwohl er selbst kein derartiges Organ hat, hätte er die Gebärmütter anderer Menschen lieber unvernarbt. Frauen mit Gebärmutternarben scheuen manchmal nämlich davor zurück, allzu viele weitere Geburten zu haben. Kaiserschnitte, so Erdoğans Logik, führen dazu, dass Türkinnen höchstens zwei Kinder kriegen – und zwei seien zu wenig, weil es dann insgesamt zu wenig Türken und Türkinnen gibt. Aus demselben Grund will er bis Ende des Monats auch das Recht auf Abtreibung einschränken.

Seither tobt in der Türkei eine Abtreibungsdebatte. Die mit anderen Argumenten geführt wird als Abtreibungdebatten anderswo – und gerade deswegen lehrreich ist. Während in Westeuropa und in den USA nämlich stets auf religiös-moralischer Ebene gestritten wird, geht es in der Türkei nur ganz am Rande um Allah.

Erdoğans Partei, die AKP, ist zwar eine gemäßigt-islamistische Partei. Doch im Unterschied zum Christentum, das den „Beginn des Lebens“ im Augenblick der Befruchtung ansetzt, gilt der Embryo im Islam noch keineswegs als Mensch. Seine „Beseelung“ erfolgt erst im Verlauf der Schwangerschaft; je nach Rechtsschule am 40., 80. oder 120. Tag. Der Zugang zu Geburtenkontrolle, Verhütung und Abtreibung ist daher eher pragmatisch.

Während die katholische Kirche etwa von vergewaltigten Frauen verlangt, ein Kind auszutragen, kommt die ägyptische Al-Azhar-Universität in einem Rechtsgutachten zum gegenteiligen Schluss: Vergewaltigte Frauen müssten eine Schwangerschaft sofort abbrechen, „um die soziale Stabilität zu wahren“. Hier stoßen wir auf das zweite, verborgene Motiv, das mitschwingt, wenn die Fortpflanzung Regeln unterworfen wird: Es geht stets auch um die Kontrolle über den weiblichen Körper. In tausenden Jahren Menschheitsgeschichte war Fruchtbarkeit nur in Ausnahmefällen eine private Frage. Meistens war sie Mittel zu einem höheren Zweck.

Je nachdem, ob Frauen der richtigen Schicht oder Rasse angehörten, wurde die von ihnen erwünschte Kinderzahl nach oben oder unten geschraubt. Sie mussten nationales Führungspersonal erzeugen, oder bloß Kanonenfutter, Soldaten, um neue Landstriche zu erobern, oder Bauern, um diese Landstriche dann zu besiedeln. Wenn Regierende das ökonomische Heil im Bevölkerungswachstum sahen, zwangen sie Frauen zum Gebären. Versprachen sie sich Wohlstand durch weniger Bevölkerung, zwangen sie sie zum Abtreiben. Kosovo, Nordirland, Palästina: All diese politischen Konflikte wurden stets auch über Geburtenraten ausgetragen.

Speziell im türkisch besetzten Nordzypern müsse jede Frau mindestens vier Kinder gebären, meint denn auch Erdoğan. Dass Frauen über ihre Organe nicht selbst verfügen, sondern verpflichtet sind, sie leistungsfit und narbenfrei in den Dienst der Politik zu stellen – es ist wohl häufig, dass ein Politiker sich das wünscht. Aber selten, dass es einer so offen zugibt.


Reaktionen senden Sie bitte direkt an: debatte@diepresse.com


Zur Autorin:

Sibylle Hamann
ist Journalistin in Wien.

Ihre Website:

www.sibyllehamann.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

10 Kommentare
Gast: world-citizen
13.06.2012 18:47
1 4

7 Milliarden ............

......... und die Tendenz ist weiter steigend. Die Erde platzt aus allen Nähten. Jeden Tag wächst die Menschheit um eine Stadt wie Graz.
In Anbetracht dieser Tatsache gehört einfach jedem Staat, der Anreize zum Kinderreichtum schafft, die Souveränität entzogen. Fortpflanzung muß global reglementiert werden, sonst könnte uns schon bald die Luft zum atmen ausgehen.

Antworten Gast: ichthys81
14.06.2012 10:29
0 0

Re: 7 Milliarden ............

... und dass in Ländern Europas, wie Österreich und Deutschland, die Geburtenzahlen stetig sinken, wird die Welt retten!

Auf der Welt sind genug Ressourcen, um alle Menschen zu ernähren - nur leider sehr ungerecht verteilt!

Wenn uns die Luft zum Atmen ausgeht, liegt das eher daran, dass täglich eine riesige Fläche vom Regenwald abgeholzt wird oder eine Flotte mit uralten LKWs auf der Autobahn dahinrollt.

Antworten Antworten Gast: Luzifer
15.06.2012 22:01
0 0

Re: Re: 7 Milliarden ............

Also wollen wir gleich bei Ihnen anfangen: statt in einem energieverschlingenden Auto sollten Sie ab heute Radfahren wie ein Inder, in eine ungeheiztes Iglo ziehen wie ein Eskimo oder in eine Wellblechhütte wie ein Afrikaner. Ihre Nahrung sollte Sie sich im Schweiße Ihres Angesichtes auf einem dürren Fleckchen Erde selbst produzieren...

Wenn Sie sich dazu entschließen könnten und auch Ihre Mitbürger dazu überreden könnten wäre sicher für ein paar weitere Milliarden Schwarzafrikaner auf dieser Erde Platz ... Für die Europäer müssen Sie das nicht machen, denn die sterben ohnehin langsam aus!

die gebärmutter bombe

jeder vierte einwohner der EU soll türke sein.
deshalb nein zum EU beitritt der türkei. das neoosmanische reich auf dem boden europas ...nein danke

Gast: Fraufrau
13.06.2012 06:33
4 1

Und glauben Sie mir, für die Möglichkeit des ganz unverblümten Kontrollversuchs über den weiblichen Körper wird er von vielen seiner europ. Politikerkollegen beneidet


Gast: Luzifer
13.06.2012 02:24
7 5

Ujegerl, die Hamann auf rechtsphilosophischen Pfanden ...

oder was sie dafür hält.

Ein Gustostückerl auch der Satz: "Und obwohl er selbst kein derartiges Organ hat, hätte er die Gebärmütter anderer Menschen lieber unvernarbt..." Wenn ich das richtig sehe, sollten Männer ohne Gebärmutter (wo bleibt das die Gleichberechtigung) nicht über Frauenkram wie Kinderkriegen reden. Auch Ärzte nicht?

Und die Frage des Kinderkriegens ist von Frauen wie in W-Europa und den USA stets auf religiös-moralischer Ebene zu lösen ... Hingegen soll diese - trotz der liberalen Ansichten des Islams über den Zeitpunkt des Beginns des menschlichen Lebens - nicht nach praktischen Gesichtspunkten (Kann ich mir Kinder wirtschaftlich leisten) beantwortet werden ...

Ich haber die Vermutung, Erdogan wollte seine Frauen nicht zum Kinderkriegen zwingen, sondern ihnen bloß vermitteln, daß sich die wirtschaftlich aufstrebende Türkei ruhig mehr Kinder leisten kann! Aber übersteigt halt das Vorstellungsvermögen einer Frauenrechtlerin...

Re: Ujegerl, die Hamann auf rechtsphilosophischen Pfanden ...

ich habs immer schon geahnt: mit der intelligenz des teufels stehts nicht zum besten.

Antworten Antworten Gast: Luzifer
15.06.2012 17:28
0 0

Re: Re: Ujegerl, die Hamann auf rechtsphilosophischen Pfanden ...

Für einen akademischen Grad hat`s gereicht ... Da Sie mit keinem vernünftigen Argument aufwarten können, scheint eher bei Ihren ein Mangel (wie bei Blaustümpfen oft zu beobachten) vorzuliegen!

Antworten Gast: Ella
13.06.2012 22:41
0 0

Re: Ujegerl, die Hamann auf rechtsphilosophischen Pfanden ...

Aber sie hat doch eingeräumt daß Erdogan eben kein Arzt ist.
Und was soll das mit der Gleichberechtigung - Frauen schreiben ja Männer auch nicht vor was sie mit ihren Penisen machen sollen, oder?

Noch nie

hat sich Erdoğan ein Blatt vor den Mund genommen.

Mehr Quergeschrieben:

Top-News