Licht ins Dunkel der Erinnerung

Ernst Strasser, der ehemalige niederösterreichische Landespolitiker, der ehemalige Innenminister, der ehemalige EU-Parlamentarier und Gerichtsprozesse: In Kärnten wurde sein spezielles "know how" bei Parteifinanzierung geoutet; in Wien sein eigenwilliger Umgang mit Gesprächspartnern. Strasser - eine Erinnerung.

Mitunter geht auch Journalisten ein Licht auf. Mir auch.  Öfter als manche vermuten würden, aber das ist eine andere Geschichte.

Diese hier handelt von jenem Licht, das mir jüngst bei der Lektüre der Berichterstattung über den Prozess Ernst Strasser vs „Kurier“  in Wien plötzlich aufging. Dabei ging es um das Video, in dem Strasser (vormals ÖVP-Delegationsleiter) angeblichen Firmenvertretern, in Wahrheit aber britischen Journalisten, seine Dienste als EU-Parlamentarier für eine Pauschale von 100.000 Euro im Jahr in Aussicht gestellt haben soll. Es gilt natürlich die Unschuldsvermutung.

Plötzlich fiel mir ein, dass ich da einmal vor rund 20 Jahren, ein anderes Mal vor 11 Jahren etwas krass missverstanden habe. Als mich Strasser in den frühen neunziger Jahren als Geschäftsführer der ÖVP-Niederösterreich in einem Telefonat anbrüllte, er werde dafür sorgen, dass ich meinen Job bei der „Presse“ verliere, wollte er mich sicher nicht bedrohen, sondern nur „provozieren“.  Denn vor Gericht sagte Strasser jetzt aus,  dass er mit seinem Versprechen, gegen Bares EU-Gesetze im Sinne seiner Gegenüber zu beeinflussen, seine "Gegenüber provozieren wollte“.  Er hat, so meine späte Erkenntnis,  vor rund 20 Jahren gar  nicht kritische Kommentare mit der Drohung, die berufliche Existenz zu ruinieren, unterbinden wollen.  Spät fällt mir das ein und auf!

Da hätte ich es eigentlich im Frühjahr 2001 schon besser wissen können, wie mir der Prozessbericht  das jetzt vor Augen führt. Meine veröffentlichte Einschätzung, dass Strasser als Innenminister eine „interessante“ Wahl sei, ist sie doch auf den „brutalsten“ Politiker Österreichs gefallen, trug mir wieder einen Anruf ein. Dieses Mal einen mit sanfter Stimme. Wie ich denn auf dieses Urteil komme, wir hätten uns doch immer so gut verstanden, wären doch immer so gut ausgekommen? Als Journalist(in) muss man auch einstecken können, doch diese Scheinheiligkeit war echt zu viel. Aber wahrscheinlich dachte Strasser damals, dass ich nicht diejenige bin, für die ich mich ausgebe, so wie er es vor Gericht angab: Er wusste, dass „die Personen nicht diejenigen sind, für die sie sich ausgeben“.  Hätte er sonst vielleicht ein höheres Pauschale verlangt?

Wie auch immer, 2001 rief ich Strasser in Erinnerung, dass wir uns bezüglich Drohung und Bedrohung überhaupt nicht gut verstanden hätten – und später auch nicht. Wie er denn auf diese Idee komme? Aber geh, kann doch gar nicht sein! Die Konsequenz der akuten Erinnerungslücke war eine sehr Wienerische, die es in der Mini- und der  Maxi-Variante gibt – je nach Wichtigkeit: "Gehen wir auf einen Kaffee" oder "Gehen Sie mit mir essen".  

Also gingen wir  zu Mittag in ein teures Innenstadtlokal essen. "Anfüttern" würde man heute dazu sagen.  Wahrscheinlich wollte Strasser aber „herausfinden, was die wahren Hintergründe sind“ – meiner unfreundlichen Reaktion auf sein Schmeichel-Telefonat als Innenminister.  Wie er jetzt im Prozess aussagte, ist ihm das Herausfinden von „Hintergründen“ ja auch wirklich wichtig. Tatsächlich sind sie ihm 2001 dann ja auch plötzlich eingefallen. Schließlich hat er nachgedacht.  Ja, die Drohung sei damals in den frühen neunziger Jahren ein Fehler gewesen.

Inzwischen dürfte Strasser wissen, dass das Treffen in Brüssel,  in Bild und Ton festgehalten,  auch ein Fehler war. Schade, dass ich das erste Schrei-Telefonat nicht aufgenommen habe.  Dann wäre mir vielleicht schon früher ein Licht aufgegangen.

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