Sorry, meine Herren, nicht fähig dazu!

Kommt in den Medien scharfe Kritik von einer Frau wird sie oft als bösartig, hasserfüllt und verbissen wahrgenommen. Kommt sie von einem Mann gilt sie als scharf, objektiv und nachhaltig. Ein Erfahrungsbericht mit dem nicht ganz so kleinen Unterschied im Journalismus.

Sorry, meine Herren, nicht fähig dazu!

Manche Aspekte des journalistischen Berufs sind gleichbleibend und über lange Zeit hin interessant. Da gäbe es viele. Nur so zum Beispiel die über Jahrzehnte ewig gleiche Frage, warum so viele Politiker ab einen gewissen Punkt in die Außergewöhnlichkeits- und Unantastbarkeits-Falle tappen und jedes Gespür dafür, was sie ihren Wählern zumuten können und was nicht, verlieren? Das ist keine regionale österreichische Frage, aber dennoch faszinierend.

Auch jene Frage, die sich mir aus aktuellem Anlass jüngst wieder aufgedrängt hat: Warum wird in den Medien – ob TV oder Print – scharfe Kritik und Hartnäckigkeit einer Frau von den Medienkonsumenten so anders auf- und wahrgenommen als jene von Männern? Immer negativ, natürlich!

Was bei weiblichen Journalistinnen als persönliche Abneigung, Bösartigkeit und Verbissenheit gesehen wird, gilt bei den männlichen Kollegen als objektiv,  erbarmungslos und konsequent.

Zur Verdeutlichung ein Beispiel:  Jüngst meldete sich auf Facebook eine Isabel Kopper als Reaktion auf ein Interview mit der „Kleinen Zeitung“ („Ich bin keine Kärntnerin“)mit folgenden Worten:  „Einen kleinen Nachtrag hab ich noch. Aus Ihnen spricht sehr viel Hass, das sollten Sie einmal für sich klären. Die "Weisheit des Alters" hat SIE definitiv noch nicht erreicht. Sie werden Ihre Gründe haben, so zu agieren/reagieren. Das hat für mich mit Journalismus nichts mehr zu tun, das sind rein persönliche Gründe.“

Es war ihr in der Folge partout nicht klar zu machen, dass meine nun schon viele Jahre anhaltende Kritik an der politischen Entwicklung in Kärnten mit Hass nicht das Geringste zu tun hat und die aktuelle Situation ja wohl die früher geäußerte Kritik mehr als nur bestätigt. Frau Kopper blieb dabei. Es fehlte gerade noch, dass sie meine Sicht auf Kärnten irgendwelchen frühpubertären Liebeskummer zugeschrieben hätte. Das dann doch nicht! Aber viel fehlte eben nicht.

Dieser Austausch erinnerte mich dann stark an etliche andere Phasen im Beruf. So verfolgte ich – auch in den Augen des damaligen Chefredakteurs der „Presse“, Thomas Chorherr, in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren angeblich Vizekanzler und Finanzminister Hannes Androsch mit „Hass“, nur weil ich die Meinung vertreten habe, dass ein Finanzminister nun doch wirklich nicht Steuern hinterziehen sollte. Als Androsch dann fast zehn Jahre später dafür verurteilt wurde, war das natürlich eine andere Sache. Da hatte ich schon längst den Versuch aufgegeben, den Vorwurf des Hasses ernst zu nehmen.

Ich gestehe, dass mir damals der gar nicht so kleine Unterschied zwischen Mann und Frau in der Wahrnehmung der Medienkonsumenten kein Thema war. Die tieferen Ursachen habe ich damals gar nicht reflektiert und auch später nicht, als die Reaktionen auf meine Kritik an Jörg Haider immer tiefer und immer persönlicher wurden. Ich hatte mich damit abgefunden, dass meine Ablehnung einer Politik,  die auf die Herabwürdigung einer Gruppe in der Gesellschaft unter lautstarkem Gejohle aller anderen hinauslief, als hasserfüllt Haider gegenüber abgetan wurde. Die Gründe, die da oft angeführt wurden, hatten mitunter schon kabarettistische Züge. Viel interessanter in dieser Zeit war für mich die Frage, die sich auch heute wieder stellt: Warum merken jene Menschen, die bei der Herabsetzung anderer freudig Beifall klatschen, dass sie die nächsten Objekte der Herabwürdigung sein könnten? Haider gab Ausländer, Lehrer, Juden, Richter, Beamte etc. der persönlichkeitsverletzenden Lächerlichkeit preis, seine Anhänger klatschten vor Vergnügen – und merkten nicht, dass es sie genau so treffen könnte.

Aber zurück zum gar nicht so kleinen Unterschied in der Beurteilung dessen, was journalistisch verbissen ist.

So bin ich ganz sicher, dass es als konsequent und hartnäckig  gesehen wird, wenn zum Beispiel Andreas Unterberger in seinem Blog dazu aufruft, ihm beim Nachweis, dass mit der Schulkarriere von Bundeskanzler Werner Faymann etwas nicht stimmt, zu helfen: „Die Berichte des Wiener Gymnasiums Henriettenplatz sind seltsamerweise nirgendwo auftreibbar. Und zwar ausgerechnet für jene Jahre, da ein gewisser Werner Faymann dort Schüler gewesen sein soll. Ein Suchaufruf. “

Unterberger Hass auf Faymann in der selben Tonart vorzuwerfen, wie dies bei weiblichen Journalistinnen der Fall wäre – auf diese Idee kommt man in der SPÖ wahrscheinlich gar nicht.  Bei den „Freunden“ des Blogs so wie so nicht.

Wie gesagt, diese unterschiedliche Betrachtung war mir jahrzehntelang keine Ursachenforschung wert.  Erst als ich im März 2005 in der „New York Times“ das Thema von der Kolumnistin Maureen Dowd aufgegriffen sah,  stieß ich auf die Gender-Frage.

Dowd, die sich da und dort anhören muss, ihre beißende Kritik sei jener einer  „frustrierten alten Jungfer“, schrieb sinngemäß: Wenn Männer über Politik und Macht schreiben, wird das als ihr „Job“ angesehen, sie gelten als Autoritäten; wenn Frauen dies tun, gelten sie als Männer-Hasser. Weibliche Journalisten würden bei harter Kritik oft gefragt werden, wie sie denn so bösartig sein können. Männliche Journalisten bekämen diese Frage nie zu hören.

Inzwischen denke ich, dass die Kritisierten ganz gerne auf  „Hass“ zurückgreifen. Er macht sie bedeutend. Schließlich handelt es sich um eine intensive Emotion. Sorry, meine Herren, nicht fähig dazu!

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