Die seltsame Sehnsucht nach den 99,9 Prozent

Seit Jahrzehnten werden in Österreich nur Wahlergebnisse bei Parteitagen toleriert, die eigentlich in totalitären Staaten üblich sind. Jeder Vorsitzende, der nicht auf weit über 90 Prozent kommt, erleidet ein "Debakel". Die in einer Demokratie normale Wahl zwischen zwei Personen, bei uns Kampfabstimmung genannt, wird als Katastrophe schlechthin gesehen. Das ist demokratiepolitisch ungesund.

Ich liebe das Internet. Es ersparte zum Beispiel am Samstag einen Besuch in St.Pölten. Die Live Stream Übertragung des SPÖ-Parteitages tat's auch, auch wenn die SPÖ die Technik am Anfang nicht ganz im Griff hatte, aber bei der Rede Werner Faymanns dann doch. Zumindest zu 90 Prozent, was ja mehr ist, als er dann bei der Wahl zum Vorsitzenden erhalten hat.

Und das Internet machte es auch möglich, das spätere Ergebnis bereits während der Rede zu erahnen. Immer dann nämlich, wenn die Kamera in die Reihen der Zuhörer alias Delegierten, schwenkte, war die erlesene Gelangweiltheit in den Gesichtern auch in den vorderen Reihen nicht zu übersehen. Wahrscheinlich haben die meisten gar nicht gewusst, dass ihre sauren Mienen jede Minute im Netz zu sehen waren.  Kein gespanntes Warten auf die nächste Ankündigung oder den nächsten Angriff also, höflicher Applaus bestenfalls. Manche Genossen sahen am Vormittag schon so aus wie sonst nur nach einem zwölf Stunden Tag im Parlament. Das verhieß nichts Gutes. Eine matte Sache, hätte Helmut Qualtinger gesagt. Mehr noch: Im Saal dürfte man nicht einmal die Kopie von Bruno Kreiskys berühmten Satz von den "paar Milliarden mehr" (an Schulden), die ihm weniger "schlaflose Nächte" bereitet hätten als ein "paar Hunderttausend Arbeitslose" mehr, bemerkt haben - obwohl der Satz Österreich später sehr teuer zu stehen kam, als die Schulden und die Arbeitslosen da waren.

Bei Werner Faymann klang das dann so und niemand schien aus dem kollektiven Dämmerzustand gerissen zu werden (der Videokamera sei Dank): "Mir bereiten die Sorgen der arbeitslosen Jugendlichen in Europa mehr schlaflose Nächte als die Sorgen der Reichen, ob sie Vermögenssteuer zahlen sollen."

Frauenministerin Gabriele Heinisch Hosek nannte dennoch Faymanns Rede großartig. Das wirkte irgendwie deplaziert. Denn das einzig wirklich Großartige daran war, dass Faymann manchmal wie seine  eigene Parodie aus dem Kabarett "maschek" wirkte - zumindest auf dem Computerschirm. Vielleicht weil er weitgehend frei sprach und nicht vom Blatt las. Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas hätte das Wort "Konstituierung" wahrscheinlich auch nicht fehlerfrei herausgekriegt, wenn sie es vom Blatt gelesen hätte. Also Dialekt, Mimik und Gestik Faymanns hatte schon was. Siehe oben.

Weil das Internet eben Stunden den Parteitag frei Haus lieferte und man so die Redebeiträge vor allem der Jungen zu mehr Demokratie innerhalb und außerhalb der Partei sowie das Abstimmungsverhalten bei den einzelnen Anträgen verfolgen konnte, sind die Reaktionen auf die 83 % für Faymann absolut unverständlich. Das Wahlergebnis hat sich abgezeichnet. Vielleicht nicht gerade das Minus von 10 Prozent gegenüber dem letzten Parteitag, aber doch. Wahrscheinlich hätte die Medien und die anderen Parteien auch aufgeheult und von Faymanns "Debakel" etc geschrieben, wenn er 89 oder 90 Prozent erhalten hätte.

Eine Wahl mit 83 Prozent kann nur in einem Land als ungeheure Niederlage empfunden werden, das über Jahrzehnte ein seltsame Sehnsucht nach totalitären Ergebnissen von 99,9 Prozent entwickelt hat. Es ist eben alles relativ. 83 Prozent sind in der Tat wenig, wenn man zuvor 93 Prozent hatte. Aber wie demokratisch glaubwürdig sind diese 90iger Ergebnisse an Parteitagen? Eigentlich zeigt die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit und vor allem der Medien, Parteichefs müssten wie im Kreml immer über 90 Prozent erhalten, ein wirklich gestörtes Verhältnis zu demokratischen Vorgängen. So wie ja seit Jahrzehnten bei einer möglichen Kampfabstimmung um einen Parteivorsitz gleich die österreichische Welt untergeht - in den medialen Kommentaren und in den Parteien. Deshalb gibt es sie auch nicht mehr. Das heißt, ein ganz normaler demokratischer Vorgang wird unter den Generalverdacht der politischen Katastrophe gestellt. Was sagt das eigentlich über den Entwicklungsstand unserer Demokratie und über unser Demokratieverständnis aus? Sind nicht in Wahrheit die 83 Prozent eine demokratiepolitische Katastrophe in einem westlichen Land wie Österreich?

So, mit diesen Fragen verabschiede ich mich wegen einer US-Reise für drei Wochen von diesem Blog. Aber, wie gesagt, es gibt ja das Internet. Und ich liebe es.

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