Es geschieht am helllichten Tag

Wieder einmal hat niemand etwas bemerkt: Menschenhändler mitten in Österreich! Nun wurden in Oberösterreich acht von ihnen festgenommen. Die Justiz hat wieder eine Chance, mit harten Strafen ein Signal zu setzen. Dazu wird sie seit Jahren im Menschenhandel-Report der USA gedrängt.

Also wieder Menschenhandel - mitten in Österreich und von einem EU-Land in das andere. Von der Slowakei oder Polen nach Österreich. Acht Menschenhändler wurden in Oberösterreich festgenommen. Sie haben junge Slowakinnen nach dem global immer gleichen Muster tolle Jobs als Bardamen in Österreich versprochen, dann die Pässe abgenommen, eingeschüchtert, mit Gewalt gegen die Familien in den Heimatländern gedroht und zur Prostitution gezwungen.
Die jungen Frauen durften lange Zeit nicht ohne Begleitung der Zuhälter einkaufen gehen. Und keiner hat wieder irgendetwas gemerkt oder gesehen? Keinem sind die eingeschüchterten Frauen aufgefallen? Niemandem ist eingefallen, die Hotline der Bundespolizeidirektion anzurufen, wo man nicht einmal seinen Namen nennen muss (01-24836-85383). Waren ja nur Ausländerinnen, oder? Man wird sich ja nicht einmischen, oder?
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Sitz der UN-Organisation gegen Drogen, Menschenhandel und Organisiertes Verbrechen (UNODC) in Wien ist. Menschenhandel ist inzwischen weltweit der zweitgrößte Zweig des organisierten Verbrechens geworden - nach Drogen und vor illegalen Waffenhandel.

Österreich hat eine eigene Task Force im Außenministerium gegen Menschenhandel, hat engagierte Polizeikräfte, doch jede wirksame Bekämpfung der modernen Sklaverei muss hierzulande zwangsläufig an zwei Faktoren scheitern: An einer breiten Öffentlichkeit, die sich, so scheint es, standhaft weigert, zur Kenntnis zu nehmen, dass Menschenhandel in Österreich passiert. Und an einer laxen Rechtssprechung.
Wie schon zuvor, so wird Österreich auch jetzt wieder im Menschenhandel-Report, den das US-Außenministerium Jahr für Jahr veröffentlicht, für zu milde Strafen für Menschenhändler kritisiert. Die Kritik an der Justiz, wenn auch höflich formuliert, ist gleichbleibend: Zu milde Strafen, kein Freiheitsentzug für verurteilte Menschenhändler, sofern sie überhaupt vor Gericht kommen, kein Ausschöpfen der Höchststrafen und damit keine Signalwirkung, dass sich dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Österreich nicht „auszahlt".
In Oberösterreich hat der Kunde eines Bordells eine der Frauen mit 58.000 Euro „freigekauft". Der Betrag wurde ihm mit der Drohung abgepresst, die Frau sonst "weiter zu verkaufen". Die Frauen selbst mussten Dreiviertel ihrer „Einnahmen" an die Menschenhändler abliefern. Daran kann man das Ausmaß des Profits, der sich durch Kauf und Verkauf von Menschen erzielen lässt, erkennen.

Das Risiko für die Menschenhändler in Österreich ist vor diesem Hintergrund minimal. Was sind ein paar Monate Freiheitsentzug im Vergleich zu dem Profit, der vorher einzustreifen war und der in der Regel dem Zugriff der Justiz entzogen wird.
Vor rund einem Jahr applaudierten Menschenhändler offen im Gerichtssaal in Wien der zuständigen Richterin ob deren äußerst milden Urteilen. Mit einer Ausnahme verließen alle Verurteilten das Gericht als freie Männer. Wie sagt Helga Konrad, die frühere OSCE-Beauftragte gegen Menschenhandel, immer wieder so richtig: „Die Menschenhändler lachen uns aus."
Wenn in Oberösterreich die acht Verhafteten vor Gericht kommen, hat die Justiz wieder eine Chance, mit abschreckenden Urteilen ein Signal auszusenden. Eine Chance, die eine Wiener Richterin nicht ergriff. Bevölkerung und Medien haben eine neue Chance, klar zu machen, dass Menschenhandel zu den schwersten Verbrechen unserer Zeit gehört. Allein, nicht nur in Österreich, sondern weltweit gehört es zu den am gröbsten vernachlässigten Themen in den Medien.
Kann man also wirklich von den Menschen in Ried in Oberösterreich verlangen, dass sie Hilfe holen, wenn sie eingeschüchterte, bewachte Frauen in der Öffentlichkeit bemerken? Man kann, man könnte.
Oberst Gerald Tatzgern von der Bundespolizei Wien hat mir in diesem Zusammenhang einmal folgenden Rat gegeben: „Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig den Mund aufmachen." Es geht um ein zerstörtes Leben.

 

 

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