Ein strahlender Spätsommertag in Berlin. Der Verfasser hatte gerade eine bekannte jüdische Schriftstellerin interviewt, die die Nazi-Endzeit als „U-Boot“ überlebt hatte. Auf der Rosenthaler Straße Menschentrauben vor einem TV-Geschäft. Die Fernsehgeräte zeigen in einer Endlosschleife, wie zwei Flugzeuge in die New Yorker Twin Towers einschlagen. Fassungslosigkeit bei den hinstarrenden Menschen – 11. September 2001.
In Kürze jährt sich zum zehnten Mal jener Terrorakt mit 3000 Toten. Es folgten zwei Kriege und eine weltweit verbreitete Freund-Feind-Polarisierung. In vielen westlichen Gesellschaften wuchs die Bereitschaft, polizeilicher Sicherheit den Vorzug vor freiheitlicher Demokratie zu geben. „Nine/Eleven“ war eine globale Zäsur. Natürlich hat es Terror immer gegeben. „Intelligente“ Verrückte wie Anders Breivik in Norwegen haben kein Potenzial zur Weltveränderung. Über solche Massenmörder sind wir entsetzt. Doch rauben sie uns nicht das Grundvertrauen in den menschlichen Fortschritt.
Die Bereitschaft zur Vernichtung
Beim Terror von al-Qaida dagegen ist Nihilismus am Werk. „Ihr liebt das Leben, wir den Tod“, schrieb Mohammed Atta. Die Amerikaner haben bin Laden aufgespürt und getötet. Doch al-Qaida und ihre Vernichtungsbereitschaft leben weiter. Auch daraus nährt sich bei vielen „Westlern“ das Gefühl einer Bodenlosigkeit, deren Ursachen sie in der undurchschaubaren Globalisierung vermuten.
Der al-Qaida-Terror war es, der uns die Selbstauslöschungsfähigkeit des Homo sapiens wieder vor Augen geführt hat. Vor einigen Jahrzehnten war es die vermeintlich imminente Gefahr eines Atomkriegs, deren Leugner von Günther Anders der „Apokalypseblindheit“ geziehen wurden. Anders schrieb: „Wir sind noch, was wir gestern über uns geglaubt haben, unsere Einstellungen verändern sich nicht adäquat mit veränderten Bedrohungslagen.“
Wenn Terroristen auf einen Schlag Tausende ermorden können, warum sollte das nicht mit Hunderttausenden möglich sein? Warum sollte man eine Atombombe als Terrorwaffe für undenkbar halten? Entscheidend ist die psychische Struktur der Akteure. Primo Levi, KZ-Häftling und Schriftsteller, schrieb über den Holocaust: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen – darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“
Die meisten Menschen verweigern sich solchen Gedanken. Was bringe das schon? Grübeln erschwere doch nur das Leben. Das ändert nichts daran, dass viele wie Hamlet empfinden: „Die Zeit ist aus den Fugen.“ Gewiss, in der Sphäre der Macht ging es häufig genauso zu wie beim Drama auf Helsingör. Doch auch heute hören wir, öfter als früher, die Klage: „Die Zeit ist aus den Fugen“ – diesmal angesichts einer Finanz- und Schuldenkrise, die das Projekt Europa selbst zu verschlingen droht.
Die Politiker haben ihre Gestaltungskraft eingebüßt, die Finanzmärkte entscheiden. Ein Rettungsgipfel nach dem anderen erweist die Regierenden als Getriebene. Was gestern noch heilig versprochen wurde, landet nach Kurzem im Orkus des blitzschnellen Vergessens. Solchen Verantwortlichen ohne Verantwortung wollen immer weniger Bürger glauben. Wieder stoßen wir auf das diffuse Gefühl einer (diesmal europapolitischen) Bodenlosigkeit.
Soziale Spielregeln einfordern
„Empört Euch!“ hieß die Streitschrift, die Stéphane Hessel vor einem Jahr publizierte – ein Büchlein, arm an Substanz, doch der 83-Jährige traf einen Nerv. Vor wenigen Wochen war es der Brite Charles Moore, der für Aufregung sorgte. In einer Philippika gegen den Neoliberalismus schrieb der konservative Kommentator: „Hat die Linke am Ende doch recht? Es zeigt sich, dass ein System, das angetreten ist, das Vorankommen von vielen zu ermöglichen, sich zu einem System pervertiert hat, das die wenigen bereichert.“
Die Madrider „Indignados“ und die Athener Demonstranten empfinden wohl ebenso. Die Krawallmacher in Großbritannien sind da schon weiter. Vorrangig ist für sie das Gesetz der Straße. Was tun? Man muss die Verbindlichkeit sozialer Spielregeln wieder konsequenter einfordern als bisher. Wer sie auf Dauer verletzt, den sollten Sanktionen treffen. In New York hat das Konzept von „Zero Tolerance“ durchaus Erfolg gehabt.
Wo wird die Entwicklung enden?
Jugendarbeitslosigkeit und Ausgrenzung sind oft, aber nicht immer, die zentralen Ursachen. Eine Analyse, die nur die Folgen eines missglückten „social engineering“ diagnostiziert, geht fehl. Eine Gesellschaft, die sich anarchischen Tendenzen nicht entgegenstemmt, hat schon verloren. Wo endet denn die Entwicklung? Bei „gated communities“ und Bürgerwehren, beim Ruf nach einem „starken Mann“ und dem schrittweisen Verlust errungener Freiheiten.
Zwei Quellen für das latente Bodenlosigkeitsgefühl seien noch angeführt. Zum einen die Wettbewerbslogik des globalen Systems: Wachstum um jeden Preis! Viele fühlen sich entfremdet und ausgebrannt. „Dass das Leben gerade auch aus Unvollkommenheiten besteht“, dieses Verständnis haben wir verloren, konstatiert Hartmut Rosa. Für den Soziologen, der sich seit Jahren mit gesellschaftlichen Beschleunigungsprozessen befasst, bedeutet „das permanente Vermehren von Möglichkeiten nicht mehr Freiheit“. „Dass wir von der Idee einer menschlichen Natur abgekommen sind, ist fatal.“
Gesellschaft ohne Bewusstsein
Zweitens verdrängen die meisten, trotz aller Kontingenzerfahrungen, das Bewusstsein, dass unsere Zeit befristet ist. Die „Pneumopathologie“ einer materialistischen Gesellschaft, von der der politische Denker Eric Voegelin einmal sprach, ist evident: „Die Leugnung des Geistes bringt das Leiden an der Gottverlassenheit hervor.“ Eine Gesellschaft ohne Bewusstsein ihrer „Existenz unter Gott“ sei nicht zukunftsfähig.
Die Klagen über fehlende Vorbilder, über das Versagen der Familienerziehung, den Autoritätsverlust der Kirchen und die Trivialismus fördernde Internetöffentlichkeit sind Legion. Doch wer die Bodenlosigkeit der Zeitläufe beklagt, darf die gegenläufigen Tendenzen nicht vergessen.
Es gibt auch Apokalypsewahn
Ja, immer mehr Staaten (derzeit 60) droht der Absturz in die Gesetzlosigkeit von „failed states“. Aber wer hat den Arabischen Frühling und seine Freiheitsrevolution vorausgesehen? Ja, die Piraterie nimmt weltweit zu. Doch die Staatengemeinschaft hat auf die bedrohliche Anarchie zu reagieren begonnen. Ja, die verheerende Eurokrise und der Beinahebankrott der USA haben Systembeben ausgelöst. Aber die Entschlossenheit, zu lernen und eine Katastrophe abzuwenden, überwiegt.
Die Schwarzseher sollten bedenken, dass es nicht nur eine „Apokalypseblindheit“ gibt, sondern auch einen Apokalypsewahn, der hinter jeder großen Krise nur Untergangssymptome zu erkennen vermag. Das eliminiert das Gefühl vermeintlicher Bodenlosigkeit nicht, relativiert es jedoch.
Immer schon hat sich die Menschheit von „challenge“ zu „response“ weiterbewegt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2011)















