Die Nachrichten vom Tod des Christentums sind übertrieben

Kirche in Not? Glaube und Sinnsuche sind auch in Europa nicht am Ende. Doch die geschichtliche, äußere Form der Kirche wird sich ändern müssen.

 

Der „Missbrauchsskandal“ – ein viel zu mildes Wort! – hat die Kirche in schwerste Bedrängnisse gestürzt. Ihre moralische Autorität hat einen Schlag erlitten, dessen Langzeitfolgen noch nicht abzuschätzen sind. Kann man diese Prüfung als Wink des Heiligen Geistes an die Kirchenführung sehen, doch noch tiefgreifende Reformen anzupacken?

Kirchengegner reiben sich die Hände. Doch zu früh gefreut! Immer schon hat gegolten: „Ecclesia semper reformanda.“ Ein Blick in die 2000-jährige Geschichte zeigt, dass die Kirche in großer, auch selbstverschuldeter Not stets neue Kraft zu einer oft nicht vermuteten Erneuerung gefunden hat. Dazu bedarf es heute der Bereitschaft Roms zu einem schmerzhaften Umsteuern statt einer Strategie der Selbstimmunisierung und des „Business as usual“.

Auch das erstaunliche Aufblühen von charismatischen Bewegungen, Pfingstlern und Freikirchen in Europa darf man nicht vergessen, ebenso wenig das Faktum, dass der christliche Glaube weltweit und zum Teil stürmisch zunimmt. Zwar können viele Menschen auf unserem alten Kontinent mit einer reformresistenten Kirche nichts mehr anfangen, doch Glaube und Sinnsuche sind auch in Europa nicht am Ende.

 

Widersprüchliche Situation

Wer heute Buchhandlungen betritt, stößt auf eine Fülle einschlägiger Abhandlungen. „Ist die Kirche noch zu retten?“, fragt Hans Küng. „Kirchenkrise“ konstatiert der protestantische Theologe Friedrich-Wilhelm Graf. Vom „Ende der klerikalen Weltkirche“ spricht Hermann Häring. Franz-Xaver Kaufmann, Soziologie-Emeritus aus Bielefeld, fragt: „Wie überlebt das Christentum?“ In Abwandlung eines Wortes von Mark Twain könnte die Antwort lauten: „Die Nachrichten vom Tod des Christentums sind ziemlich übertrieben.“ Die Situation ist widersprüchlich und verschließt sich jeder plakativen Formel.

Der Priestermangel verschärfe die pastorale Notlage in vielen Pfarrgemeinden, wird zu Recht geklagt. Warum aber ist in Österreich der Priestermangel schon seit Jahrzehnten – prozentuell und relativ gesehen – schneller und stärker eingetreten, als es dem Rückgang der gesamten Katholikenzahl entspricht? Das hat viele Gründe, hängt gewiss auch mit dem ziemlich abrupten Traditionsabbruch seit der 1970er Jahren zusammen. Darüber wäre nachzudenken.

„Strukturen“ müssten radikal geändert werden, heißt es, etwa im Verhältnis von Welt- und Ortskirche, im zentralisierten Modus der meisten Bischofsernennungen, in einer auf Rom zulaufenden juridischen „Gehorsams“-Auffassung, in der Wiederzulassung Wiederverheirateter zur Kommunion etc. Das alles stimmt. Es stimmt aber auch das jüngst vom Papst in Deutschland zitierte Wort Mutter Teresas, die – gefragt, was sich als Erstes in der Kirche ändern müsste– sagte: Sie und ich! Was „Nachfolge Jesu“ heute heißen müsste, davon ist kaum die Rede – es interessiert ja auch die Medien herzlich wenig.

Inzwischen gilt Religion bei vielen „Gebildeten unter ihren Verächtern“ (Schleiermacher) nicht mehr als überflüssig, sondern als unverzichtbare Sinnressource eines Gemeinwesens. Wer heute Christ wird, verdankt das meist nicht mehr den christlichen Milieus von einst, sondern seiner eigenen persönlichen Entscheidung. Da die Zahl der Taufen sinkt und die der Austritte nicht schlagartig verschwinden wird, kann nicht bezweifelt werden, dass sich die europäische Christenheit zur Minderheit entwickeln wird.

 

Verzicht auf Reformanstöße

Was will der Papst dagegen tun? Als Benedikt XVI. in Deutschland war, brachte er keine „ökumenischen Gastgeschenke“ mit und verzichtete in allen Streitfragen auf Reformanstöße. Das enttäuschte viele. Dem Papst ging es darum, das Wesentliche des Glaubens wieder wachzurufen und so – nicht anders – die Christen im Glauben zu bestärken. „Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden, wird alle strukturelle Reform wirkungslos bleiben“, sagte er.

Viele sehen das anders, doch die päpstlichen Aussagen sind bedenkenswert. Benedikt XVI. plädierte für eine „Entweltlichung“ der Kirche, die sich nicht selbstgenügsam in der Welt einrichten dürfe und die sich nicht ihren Maßstäben angleiche – das aber bedeute keinen Rückzug aus der Welt. Dem starken deutschen Verbandskatholizismus sage er, dass es einen „Überhang der Strukturen gegenüber dem Geist“ gebe, zugleich würdigte er ausdrücklich das vielfältige Engagement der Laien.

 

Was zeigt die römische Kurie?

Eine reine „Geistkirche“ im Sinne Joachims von Fiore hätte auf dieser Welt keinen Bestand. Ohne Zweifel musste sich die aus einer römischen Regionalkirche entstandene Weltkirche institutionalisieren. Wenn aber der Papst eine recht verstandene „Entweltlichung“ verlangt (mit durchaus positiver Anspielung auf einstige Wegnahmen von Privilegien und Kirchengütern), muss das die Rückfrage erlauben, ob diese Aussage auch für den Vatikan selbst zutrifft. Zeigt uns die römische Kurie ein beständiges Bild von Demut, Bescheidenheit und „entweltlichter“ Nachfolge Jesu?

Der Pastoraltheologe Paul Zulehner belegt in seinem jüngsten Buch „Verbuntung“, dass ein Kirchenaustritt keineswegs Religions- oder Glaubensverlust bedeuten muss. Entscheidend für die „Irritationen“ vieler Kirchenmitglieder seien weniger die bekannten Streitthemen als die Frage, ob die Kirche in den Augen des Einzelnen für ihn noch eine Lebensrelevanz besitzt.

 

Auf dem Boden des Zweifels

Das Ende der Konstantinischen Wende markiert zweifellos das Ende einer Epoche. Die Transformation der Kirche wird nicht zu ihrem Verschwinden führen, wenn sie eine neue gesellschaftliche Gestalt annimmt.

Das Konzil konstatierte eine „Autonomie der irdischen Wirklichkeiten“. Ist die institutionalisierte äußere Form der Kirche nicht Teil dieser „irdischen Wirklichkeiten“? Die Kirchenkrise, schreibt Franz-Xaver Kaufmann, hängt „nicht zuletzt mit der Weigerung der kirchlichen Führungsspitze zusammen, die Geschichtlichkeit der eigenen Institution und damit deren Veränderungsbarkeit ernst zu nehmen“.

Die Zeit der fraglosen Glaubensgewissheit ist ebenso dahin wie die eines „gläubigen“ Atheismus. Wachsender Zweifel dominiert gegenüber dem aggressiven Neoatheismus ebenso wie gegenüber einem aggressiven Neofundamentalismus. Doch gerade auf dem Boden dieses Zweifels werden Gewissheiten gesucht. „Ist das die Wurzel dafür, dass eine spirituelle Suche in säkularer Kultur im Gang zu sein scheint?“ (Zulehner).

 

Der Exodus aus dem Bestehenden

Der Abschied von der Welt von gestern sollte Christen – denkt der Beobachter – nicht mutlos machen. Das Christentum war stets ein Exodus aus dem Bestehenden. Das heißt nicht „Bodenlosigkeit“, ganz im Gegenteil.

Als Petrus auf dem Wasser des Sees Genezareth ging, versank er nicht, solange er auf den entgegenkommenden Herrn blickte. Doch sobald er ängstlich auf die stürmischen Wogen schaute, glaubte er unterzugehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2011)

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