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Wird die Erinnerung an die Shoah leer und kraftlos werden?

30.10.2011 | 18:25 |  PAUL SCHULMEISTER (Die Presse)

Niemals vergessen. Wie lässt sich 66Jahre nach dem Holocaust das Bewusstsein des einzigartigen Zivilisationsbruchs lebendig erhalten?

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Die Erinnerung an den Judenmord durch die Nationalsozialisten gehört zu den geistigen Fundamenten Nachkriegseuropas. Die Bekämpfung des Antisemitismus ist zur staatsamtlichen Verhaltensregel geworden. Öffentlich wagt ihr niemand zu widersprechen (auf privater Ebene leider sehr wohl).

Die offizielle Einstellungsveränderung im Vergleich zu früheren Zeitläuften kann man als Fortschritt betrachten. Dürfen wir uns also beruhigt zurücklehnen? Wohl kaum. Die Zeit heilt viele Wunden, so heißt es. Sie lässt aber auch Katastrophen vergessen.

 

Eine beispiellose Last

„Auschwitz werden sie uns nie verzeihen!“ Mit diesem bösen Sarkasmus hat der Polemiker Henryk Broder versucht, eine latente Disposition in Teilen der Täternachfahren zu charakterisieren. Die Judenvernichtung ist eine derart beispiellose Last für das menschliche Selbstverständnis, dass auch Jahrzehnte später viele vor dieser Bewusstseinsbedrängnis zu fliehen versuchen. Auch Lippenbekenntnisse gegen den Antisemitismus sind eine (vergleichsweise harmlose) Flucht vor den Konsequenzen, die wirklich geboten wären.

Welche Konsequenzen gibt es oder sollte es geben? „Den Anfängen zu wehren“, lautet die erste Antwort. Der Zivilisationsbruch begann ja nicht mit dem Holocaust, sondern schon Jahre vorher mit der Entrechtung und Verfolgung der Juden. Damals sahen die meisten Mitbürger schweigend zu oder weg. Auch die Kirchenleitungen nahmen ihre Verantwortung nicht wahr.

Zu den mehr oder weniger eingeübten Konsequenzen zählt es, die Erinnerung an die Shoah wachzuhalten. Gedenktage und Denkmale, Zeitzeugen und Bücher, Dokumentationen oder etwa die Strafbarkeit der Holocaust-Leugnung: Die gesamteuropäischen Aktivitäten sind so zahlreich wie bemüht und verdienstvoll.

 

Aus „Memory“ wird „History“

Dennoch stellen sich zwei Fragen immer wieder aufs Neue: Kann es gelingen, eine lebendige Erinnerung an die nächste Generation weiterzugeben? Wird die Erinnerung an die Ungeheuerlichkeit der Shoah den Menschen in Zukunft gegen die Versuchungen des Geheimnisvoll-Bösen immunisieren?

Seit der Befreiung von Auschwitz (das strohdumme Mitläufer des neuen Jahrhunderts mitunter als „polnisches KZ“ apostrophieren) sind bald 66Jahre vergangen. Hochsensibel beobachtet man in den jüdischen Gemeinden Europas jene Entwicklungsprozesse, die das Erleben von einst in eine vergangene Geschichte verwandeln. Aus „Memory“ wird „History“.

Man muss aber die Geschichte kennen, um aus ihr lernen zu können. Das Zeitgeschichtswissen unter Schülern geht alarmierend zurück. Auf Homepages (mit Servern in den USA) wird Antisemitismus verbreitet. Schlichten Gemütern, die Feindbilder brauchen, dient manchmal sogar die aktuelle Islamophobie als Surrogat für Judäophobie.

Es ist alles andere als eine Obsession, sich zu fragen, wie zukunftsfest die Parole „Nie wieder!“ sein wird. Ein Lackmustest dafür ist das Verhältnis zu Israel. Nicht alle Juden sind Staatsbürger Israels, aber für (fast) alle Juden ist Israel nach fast zwei Jahrtausenden der Vertreibung eine spirituelle Heimstatt und geistiger Ankerpunkt.

 

Grundierte Codeworte

Freilich, in der Differenz zwischen dem Staat Israel und der metastaatlichen jüdischen Identität hat sich eine Einfallslücke für einen oft getarnten, manchmal kaum bewussten Antisemitismus geöffnet. „Darf man denn keine Kritik üben am Staat Israel und seiner Regierung?“ Natürlich darf man (und muss man sogar).

Doch die Codeworte der Kritik an Israel, die in Wahrheit antisemitisch grundiert ist, sind nur zu gut bekannt: eine „faschistoide“ Siedlungspolitik, eine „rassistische“ Palästinenser-Verachtung, eine „verschlagene“ Machtarroganz im Bündnis mit der US-„Ostküste“ usw.

Je öfter die derzeitige israelische Regierung in ihrer Außen- und Sicherheitspolitik Fehler begeht, desto weniger sehen sich jene Israel-Kritiker, die de facto antisemitisch empfinden, in ihrer Wortwahl gehemmt.

Es gibt noch einen zweiten Lackmustest, ob und wie sehr die Absage an jeglichen Antisemitismus ernst gemeint ist. Das betrifft die Einschätzung der mörderischen Haltung Irans gegenüber Israel. Das Mullah-Regime macht aus seiner Absicht kein Hehl, Israel von der Landkarte auszuradieren. Es gibt keinen seriösen Experten, der noch die Bemühungen Teherans leugnet, künftig Atombomben samt entsprechenden Trägerraketen bauen zu können.

 

Mangelnde Empathie

Seit Jahren bekennt sich der Westen zu Sanktionen gegen den islamischen „Gottesstaat“, doch de facto suchen westliche Staaten mit Teheran so viele Geschäfte zu machen, wie das Sanktionsregime gerade noch zulässt (einschließlich milliardenschwerer Umgehungsgeschäfte über Dubai und andere Golfstaaten). Gewiss, die mangelnde Empathie für die Bedrohung Israels ist nicht schon mit Antisemitismus selbst gleichzusetzen, doch sie kann leicht zum Nährboden für diesen werden.

 

Der Einzelne ist letztentscheidend

Das Verbrechen der Shoah war ein einzigartiger Zivilisationsbruch, der die Menschheit von Grund auf verändern müsste – und nicht nur die Menschheit, sondern jeden einzelnen Nachgeborenen. Doch geschieht das? Kann das geschehen angesichts der Verführbarkeit, die für immer ein Kennzeichen menschlicher Existenz bleiben wird?

„Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt“, heißt es im Talmud. Der Einzelne ist letztentscheidend, sein Beispiel und Unterscheidungsvermögen, seine Verantwortung und seine Einsatzbereitschaft.

In Persien des 5. vorchristlichen Jahrhunderts war es die (Neben-)Königin Esther, die mit ihrem Mut ihr jüdisches Volk vor der Vernichtung bewahrte. Haman, der Großwesir des Königs Xerxes, hatte die Juden im Reich beschuldigt, sich (z.B. durch eigene Speisevorschriften) abzusondern und nicht integrieren zu wollen, deshalb seien sie auszurotten. Ohne die Vorwürfe zu überprüfen, gibt ihm der Großkönig recht. Er lässt sich erst umstimmen, als Esther unter Lebensgefahr Haman als skrupellosen Machtmenschen entlarvt.

 

Eine menschheitliche Erinnerung

Diese Geschichte zeigt auch, wie schnell Verachtung für vermeintlich „Fremde“ in einen Vernichtungswunsch umschlagen kann.

Um zu verhindern, dass die Erinnerung an den Holocaust kraftlos und leer wird, gibt es also zwei komplementäre Wege. Zum einen vermag das Zeugnis des Einzelnen die Erschütterung über die Generationen hinweg zu tradieren. Zum anderen gilt es, auf kluge Weise eine menschheitliche, nicht nur jüdische Erinnerung anzustreben, die die Leidenserfahrung präsent, die Gerechtigkeitsfrage beunruhigend und die Hoffnung lebendig hält.

Den Gläubigen begleitet dabei das Jesaja-Wort über den Herrn: „Das geknickte Rohr bricht er nicht, den glimmenden Docht löscht er nicht aus“ (Jes 42, 3).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2011)

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16 Kommentare

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Eine bezahlte Anzeige der israelischen Botschaft ?

Wie lässt sich...das Bewusstsein...lebendig erhalten?

Niemals vergessen:In dem man diesen Kommentar mehr als 1 Jahr online lässt! Vielleicht noch Pflichtlektüre dieses Artikels in den Schulen?

Die Geschichte wird verblassen, da hilft auch kein Wink mit der Erinnerungskeule

Die Geschichte der Menschheit ist voll von grausamen, blutigen Kriegen, bis hin zum Völkermord. Vieles ist nicht genau dokumentiert, sondern im Lauf der Zeit verblasst. So wird es auch mit der Zeit von 1938 - 45 geschehen; Tag für Tag liegt alles weiter zurück, wird zur Geschichte.

Sich daran erinnern? Ja. Sich ständig dafür entschuldigen? Sich schämen, Asche auf´s Haupt werfen? Nein, nein, 3 x nein! Und über die geistigen Fundamente (Nachkriegs)Europas könnte man lange diskutieren. Aber nicht so, wie es der Autor dieses unnötigen Artikels meint.

Gast: schwarzseher
28.10.2012 11:16
2 0

??

täternachfahren??? absurd.

Gast: freund?
08.02.2012 23:41
15 2

einmal langsam !



90% der heute lebenden, mich inklusive, waren damals nicht auf der welt. ich bin historisch interessiert, aber akzeptiere KEINE schuld von anderen.

ich bin NICHT bereit, einen schuldkult zu betreiben, wie er peinlicherweise in deutschland gerne, aber eben auch nur als lippenbekenntnis und p.c. theater, veranstaltet wird.

ich prügle weder in lokalen herum, noch vergase ich jemanden.

wer mit mir nicht auf augenhöhe kommunizieren kann, sondern einen kniefall fordert, den vergesse ich einfach. punkt.

Gast: Nemesis
29.01.2012 18:50
10 1

Die Shoah ist eine Randnotiz der Geschichte die vor "Holocausts" nur so wimmelt.

Darf man das noch sagen oder ist man jetzt schon ein N*?

Re: Die Shoah ist eine Randnotiz der Geschichte die vor "Holocausts" nur so wimmelt.

Alexander der Große, Karl der V und die US Army - alles Massenmörder. Das macht die Verbrechen an den Juden um nichts besser, aber systematisch ausgerottet wurde in der Historie genug. Niemand muss oder soll die Verbrechen vergessen, aber vorwerfen lasse ich mir als Unbeteiligter nichts dergleichen!

Wehret den Anfängen

ja, das ist das Vordringlichste, gerade heute, wo Nationalismus, ethnische Ausgrenzungen und Religionsphobien wieder fröhliche Urstände feiern. Es liegt aber (GsD) in der Natur des Menschen, schmerzende Katastrophen in der persönlichen Erinnerung verblassen zu lassen. Anders wäre auch das Überleben nach einem tödlichen Verlustes gar nicht möglich. So verblasste der ungeheure akute Schmerz in der Erinnerung der Täter/Opfer-Nachfolgegenerationen. Und das gibt uns die Chance zur späteren Aussöhnung, zum Vergeben. Wird aber das katastrophale Ereignis immer wieder, aus welchen Gründen auch immer, neuerlich polemisch hervorgezerrt, herbeigeschworen, als Argument missbraucht, dann verzögert sich der Prozess der Objektivierung in der historischen Betrachtung und alles beginnt von Neuem.
Ich finde, daß die Juden den Zeitpunkt, an dem sie vergeben können, selbst bestimmen sollen.
Im Moment sehe ich wenig Chance, nicht zuletzt wegen des Umstands, dass noch immer vieles verschwiegen, vertuscht und verdreht wird, was unter den Nazis passiert ist. Wohl auch deshalb, weil die erste, meist noch von ihren Nazi-Eltern beeinflußte Generation am Leben ist.

Gast: Machmuss Verschiebnix
01.01.2012 20:57
3 0

Was lernen wir aus den Beispielen der Vergangenheit:


Beispiel Erster Weltkrieg:
Was hat die Gräuel des ersten Weltkrieges buchstäblich in Vergessenheit gebombt ?
Richtig,
ein noch schlimmeres Ereignis: der zweite Weltkrieg.

Beispiel Kuba-Krise:
Warum hatten die Russen letztlich doch eingelenkt ?
Zu nachgiebig, oder vielleicht nur das vernünftigere Volk ?
Richtig,
Chrustschow war nicht annähernd der Dämon, als der er hingestellt wurde.

Beispiel Österreich:
Warum konnte nach dem Krieg das kleine "ausgemergelte" Österreich entgegen
allen anderslautenden Vermutungen doch überleben ?
Richtig,
weil Österreich gar nicht auf die Idee kam, seinen Nachbarn "Stärke zu zeigen".

Nun - schon was gelernt ?

Bitte ? Was das alles mit Israel zu tun hat - oje, also doch nichts gelernt!

Vielleicht hilft folgendes Szenario als kurzer Denkanstoß:
Was spricht dagegen, daß die USA schon recht bald wieder ausrücken "müssen",
um "Stärke zu zeigen" gegen ein dämonisiertes Volk (welches eigentlich
niemandem was getan hat). Aber nach kurzem Krieg und raschem Sieg bemerken
die schlimmsten Sektierer auf diesem Globus (Name der Sekte darf ja nicht
genannt werden), daß sie damit den Interressen eines unüberwindlichen
Volkes in die Quere kamen, ein Volk das berüchtigt dafür ist, so nachgiebig
zu sein, wie ein Granitblock (und es zudem nichtmal nötig hat seine Stärke
zu zeigen).

Noch immer nichts aus DER Geschichte gelernt ? Wir Ösis schon <ätsch>


Gast: Der Schwabe
29.11.2011 16:08
2 1

Bitte net!

Vor Betroffenheit besoffene Standardsätze. Ich bevorzuge nicht betroffene Besoffenheit sondern den rationalen Blick a´la Bloodlands. Mit diesem Hintergrund sollte die Ehre der Toten hochgehalten werden.

Gast: OtraVezYoDeNuevoAnonymo
09.11.2011 20:29
0 6

Artikel wie diesen sollte man auf alle Fälle für die Nachwelt bewahren,

denn in 70 Jahren würde keiner mehr glauben, daß irgendwann
Empathie gefordert hat, für ein Tätervolk.

Antworten Gast: Grummelbart2
11.11.2011 13:32
4 0

Re: Artikel wie diesen sollte man auf alle Fälle für die Nachwelt bewahren,

Tätervolk? Für sie ist Empathie mit der Lage Israel "Empathie für ein Tätervolk"?!?! Oder habe ich sie falsch verstanden?

Gast: F.S
31.10.2011 10:04
1 1

Wird die Erinnerung an die Shoa leer und kraftlos werden ?

Gratuliere der Presse zu diesem wunderbar ausgewogenem Artikel, der von einem Menschen geschrieben zu sein scheint, der vorurteilslos dieses schwere Thema behandelt.
Es war mir ein Vergnügen dies zu lesen !
Vielen Dank!

Re: Wird die Erinnerung an die Shoa leer und kraftlos werden ?

Ob Deine Süffisance alle begriffen haben? Ich hoffe es!!

Antworten Gast: expers rationis
09.11.2011 20:04
3 1

Re: Wird die Erinnerung an die Shoa leer und kraftlos werden ?


Wäre es denkbar, daß sie diesen Satz überlesen hatten:

"..die mangelnde Empathie für die Bedrohung Israels ist nicht schon mit Antisemitismus selbst gleichzusetzen, doch sie kann leicht zum Nährboden für diesen werden..."

Habe noch nie gehört, daß jemand Empathie für die Völker
Afrikas gefordert hätte, die dort heimlich still und leise vor
sich hin verrecken.

Aber an allen Ecken wird uns Empathie und Solidarität für
Israel abgefordert, für ein Land von dessen Händen seit
Menschengedenken das Blut seiner Feinde trieft.


Antworten Antworten Gast: Grummelbart2
11.11.2011 13:31
1 2

Re: Re: Wird die Erinnerung an die Shoa leer und kraftlos werden ?

"Land von dessen Händen seit
Menschengedenken das Blut seiner Feinde trieft."

Wie lange gibt es denn den Staat Israel schon? In moderner Ausprägung seit kurzem. Davor war das Gebiet durchgehend von anderen Völkern bzw Mächten besetzt - Kolonialmächte, Kreuzfahrer, Römer, dazwischen wiederholt arabisch.

Das einzige Blut, das an diesem Land klebt, ist das der unzähligen unschuldigen Opfer, die im Streit um dieses Stückchen Land ihr Leben lassen mussten.

Ihre Aussage alleine offenbart ein grandioses Vorurteil gegen das Land als "Wurzel allen Übels".

Und ja, natürlich gibt es anderswo Probleme - doch gerade Ö und D trifft eine besondere Verantwortung hinsichtlich Israel; hinzu kommt, dass Israel nach wie vor der einzig demokratische Staat westlicher Prägung in der näheren Gegend (abgesehen von der Türkei) ist, und schon alleine deshalb Unterstützung bedarf.

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