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Politisch korrekt

24.07.2010 | 19:01 |  von Martina Salomon (Die Presse)

Wer gegen Aids und für Arigona Zogaj demonstriert, kann kein schlechter Mensch sein.

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Nach dem einwöchigen Promi-Schaulauf durch Wien in Sachen Aids fragt man sich schön langsam, warum Alzheimer-, Hepatitis- oder die armen Patienten mit seltenen und daher schlecht erforschten Krankheiten nicht eine ähnlich machtvolle Lobby haben. Brauchen sie keine ehemaligen US-Präsidenten als Unterstützer? Eigentlich schon. Aber das zählt einfach nicht, wie Aids, zu den öffentlichen Herzensanliegen, mit denen man sich jederzeit gefahrlos schmücken kann. Und wer kämpft denn nicht gern Seite an Seite mit so lässigen Zeitgenossen wie Bill Clinton oder Annie Lennox für die gute Sache? Die Pfiffe, die Gesundheitsminister Stöger bei der schicken Menschenrechtsdemo letzten Dienstag abbekam, hat er zumindest in diesem Zusammenhang nicht verdient. Österreichs finanzieller Beitrag zur internationalen Aids-Hilfe mag zwar gering sein, aber innerhalb des Landes kriegt jeder die nötigen Medikamente auf Krankenschein. Nicht bei allen Patientengruppen ist das so. Auch wenn der Coolnessfaktor hier deutlich geringer ist: Eigentlich wäre es weitaus sinnvoller, Promis für die Anliegen von Patienten mit psychischen Erkrankungen über die Ringstraße ziehen zu lassen. Zwar hat sich die mediale Aufmerksamkeit in den letzten Monaten wegen der sprunghaft gestiegenen Zahl von Burn-out-Fällen am Arbeitsplatz stärker auf solche Leiden gerichtet, aber wer nicht zumindest einen Teil der Behandlung privat zahlen kann, ist arm dran.

Was die Massen auf die Straße treibt, folgt in westlichen Industriestaaten mit gefestigter Demokratie nicht immer ganz logischen Regeln. Siehe der Fall Zogaj: Gerade in dieser Causa haben die heimischen Behörden (im Gegensatz zu vielen anderen Asylverfahren) rasch Urteile gefällt – und es war immer klar, dass die Familie nicht bleiben kann, was diese seit Jahren ignorierte. Trotzdem regt sich niemand über den verantwortungslosen Vater auf, der die Familie illegal (wieder) einreisen und zu Fremden in der Heimat werden ließ, sondern alle kritisieren den unbarmherzigen Staat.

Klar ist: Wer für Arigonas Verbleib in Österreich demonstriert, sammelt jede Menge Political-Correctness-Punkte – genauso wie mit einem Eintreten gegen Aids, Globalisierung, Atomstrom, Gentechnik, Pelzmäntel, Klimawandel, Schwarz-Blau und andere Widrigkeiten des modernen Lebens. Mit den richtigen Feindbildern lebt es sich bequem.

martina.salomon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2010)

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9 Kommentare
Judicator
29.07.2010 18:56
1 0

Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung

Naja, Frau Salomon, dann sind Sie wohl in den falschen Kreisen unterwegs. Aber Sie haben den ersten Schritt in eine neue Welt getan. Viel Glück!

Gast: future
29.07.2010 09:52
0 0

dem kann ich mich voll anshließen

besonders schlimm ist es, dass psychische erkrankungen oder probleme in vielen fällen aus schwierigen finanziellen situationen heraus entstehen oder verstärkt werden. gerade jene personen können dann die behandlung aus dem privatsäckl nicht bezahlen und bekommen entweder keine oder unzulängliche hilfe. unsere medizin ist längst zu einer zwei - man möchte fast sagen - dreiklassen-medizin mutiert. aber darüber spricht man nicht.
danke für ihren hervorragenden artikel.

Gast: dings
28.07.2010 21:08
1 0

Ein spitzen Artikel.

Ich bin echt überrascht.
Einmal nicht diesen linkslinken Kack
(lehne genauso den rechten ab).
Eine wirkliche Erholung.
Danke dafür.

Gast: Markus Renner
27.07.2010 09:00
0 1

Hausverstand

Der Unterschied zwischen Aids und Alzheimer bzw. Burn-out ist schnell erklärt: an Aids sind bisher rund 25 Mio Menschen gestorben, weshalb man es gerne als Epidemie bezeichnet. Und es hat überhaupt nichts mit political correctness zu tun, wenn man sich dafür einsetzt, dass nicht nur in Österreich sondern weltweit alle Zugang zu Prävention, Testung, Beratung und Behandlung haben sollen, weil nur so die Verbreitung von HIV effizient und effektiv bekämpft werden kann.

Gast: MartinS
26.07.2010 00:37
3 0

Ich bin erstaunt!

Frau Salomon kritisiert sich mal selbst! EIn erster Schritt in die richtige Richtung?? Fürwahr, ich kanns kaum glauben...

Sebifredi
25.07.2010 16:17
3 0

Nomen est omen!

Der Name ist Vorzeichen-und der Artikel hervorragend!
Frau Salomon hat viele Probleme angesprochen und klare und logische Antworten dafür gefunden. Sehr mutig, so gegen den Zeitgeist zu schreiben!

Knieriem
25.07.2010 15:24
6 0

Politisch korrekt?

Political Correctness ist die Methode anderen das Denken zu verbieten, am Besten schon mit der Zensurschere im Kopf. Wenn das nicht gelingt, dann als Steigerung das Verbot, Gedachtes auszusprechen. Ihre Vertreter gerieren sich als Großmeister einer neuen "Heiligen Inquisition". Ihre Opfer werden vielleicht nicht tatsächlich am Scheiterhaufen verbrannt, aber entweder medial vernichtet, totgeschwiegen oder zensuriert. Pharisäerhaft halten sie sich für die wahren Guten, für Gutmenschen, während die anderen die Bösen sind. Mit diesen braucht man dann auch nicht über Inhalte zu diskutieren, wenn das Thema an und für sich politisch nicht korrekt ist. Man empört sich lieber, als zu argumentieren. Was zweifellos leichter ist. Bedenklich ist, daß auch immer mehr eigentlich Konservative sich dieser "Mode" unterwerfen. Für mich ist die "Political Correctness" eine undemokratische Entwicklung, vor allem weil wenige vielen ihre Vorstellung von richtig und falsch aufzwingen wollen.

Antworten Gast: Demok Rat
27.07.2010 22:25
1 0

Re: Politisch korrekt?

Ihr Bild der "Heiligen Inquisition" ist ein klein wenig unhistorisch. Aber Ihre übrigen Ausführungen sind voll zu unterstreichen. Political Correctness ist ein faschistisches Konzept der Gendankenkontrolle.

Gast: Nemesis
24.07.2010 22:27
3 0

Schau, schau...

Da sieht jemand nicht nur mehr die Schatten an der Höhlenwand sondern gewöhnt sich ans Licht und erkennt die Schattenmacher.

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