Nach dem einwöchigen Promi-Schaulauf durch Wien in Sachen Aids fragt man sich schön langsam, warum Alzheimer-, Hepatitis- oder die armen Patienten mit seltenen und daher schlecht erforschten Krankheiten nicht eine ähnlich machtvolle Lobby haben. Brauchen sie keine ehemaligen US-Präsidenten als Unterstützer? Eigentlich schon. Aber das zählt einfach nicht, wie Aids, zu den öffentlichen Herzensanliegen, mit denen man sich jederzeit gefahrlos schmücken kann. Und wer kämpft denn nicht gern Seite an Seite mit so lässigen Zeitgenossen wie Bill Clinton oder Annie Lennox für die gute Sache? Die Pfiffe, die Gesundheitsminister Stöger bei der schicken Menschenrechtsdemo letzten Dienstag abbekam, hat er zumindest in diesem Zusammenhang nicht verdient. Österreichs finanzieller Beitrag zur internationalen Aids-Hilfe mag zwar gering sein, aber innerhalb des Landes kriegt jeder die nötigen Medikamente auf Krankenschein. Nicht bei allen Patientengruppen ist das so. Auch wenn der Coolnessfaktor hier deutlich geringer ist: Eigentlich wäre es weitaus sinnvoller, Promis für die Anliegen von Patienten mit psychischen Erkrankungen über die Ringstraße ziehen zu lassen. Zwar hat sich die mediale Aufmerksamkeit in den letzten Monaten wegen der sprunghaft gestiegenen Zahl von Burn-out-Fällen am Arbeitsplatz stärker auf solche Leiden gerichtet, aber wer nicht zumindest einen Teil der Behandlung privat zahlen kann, ist arm dran.
Was die Massen auf die Straße treibt, folgt in westlichen Industriestaaten mit gefestigter Demokratie nicht immer ganz logischen Regeln. Siehe der Fall Zogaj: Gerade in dieser Causa haben die heimischen Behörden (im Gegensatz zu vielen anderen Asylverfahren) rasch Urteile gefällt – und es war immer klar, dass die Familie nicht bleiben kann, was diese seit Jahren ignorierte. Trotzdem regt sich niemand über den verantwortungslosen Vater auf, der die Familie illegal (wieder) einreisen und zu Fremden in der Heimat werden ließ, sondern alle kritisieren den unbarmherzigen Staat.
Klar ist: Wer für Arigonas Verbleib in Österreich demonstriert, sammelt jede Menge Political-Correctness-Punkte – genauso wie mit einem Eintreten gegen Aids, Globalisierung, Atomstrom, Gentechnik, Pelzmäntel, Klimawandel, Schwarz-Blau und andere Widrigkeiten des modernen Lebens. Mit den richtigen Feindbildern lebt es sich bequem.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2010)















