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Durchgecheckt

31.07.2010 | 19:12 |  von Martina Salomon (Die Presse)

Durchgecheckt. Sind wir noch zu retten? Aber sicher. Wir sorgen ja vor.

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Noch ist es nicht so weit, dass jedes neugeborene Kind einem Gen-Test unterzogen wird, der künftige mögliche Krankheiten vorhersagt. Aber in der Zwischenzeit kann sich ja jeder Hypochonder schon mal gegen eine ordentliche Menge Bargeld von Kopf bis Fuß mittels Scanner durchchecken lassen. Wer sich nicht spätestens mit dem 40. Geburtstag regelmäßig zur Gesundheitsvorsorge begibt, wird mittlerweile schon fast als verantwortungsloser Volksschädling betrachtet. Irgendetwas Reparaturbedürftiges muss sich doch bei jedem Menschen finden lassen!

Selbst schuld, wer es zu spät bemerkt! Das verursacht individuelles Leid und unnötige Kosten für das Gesundheitssystem. Wir sind eine Screening-Gesellschaft geworden. ORF-Promis „sorgen sich nicht, sondern sorgen vor“. Wer kann sich dem noch entziehen? Manchmal beschleichen einen allerdings ketzerische Gedanken. Ist Vorsorge wirklich zu hundert Prozent sinnvoll und spart ernsthaft Geld? Sicher, das frühzeitige Erkennen einer Krebserkrankung kann Leben retten. Aber wie oft gibt es beunruhigende Falschbefunde, unnötige Röntgen oder Behandlungen verdächtiger Zustände, die sich vielleicht von selbst zurückgebildet hätten?

Gerade bei alten Menschen neigt die Reparaturmedizin der westlichen Welt viel zu oft dazu, Schwachstellen nicht nur zu suchen, sondern auch mit voller Wucht zu bekämpfen. Ärzte müssten wahrscheinlich häufiger die heikle Frage stellen: Ist Ihnen eine Lebensverlängerung von vielleicht drei Monaten eine schlechtere Lebensqualität (etwa durch eine belastende Chemotherapie) in den nächsten zwei Jahren wert? Zugegeben, Patienten sind mit der Frage wahrscheinlich meist überfordert, und leider gibt es in der Medizin selten nur eine einzige Wahrheit.

Aber die Erwartungen an die Gesundheitsindustrie sind so groß, dass der Tod als vermeidbarer Betriebsunfall gilt. Man geht regelmäßig zur Prostata-Untersuchung, aber hält sich daheim eine Boa constrictor. Man fährt Trekking nach Indien, aber versäumt keinen Gynäkologie-Check. Man raucht, aber der Atemfunktionstest ist in Ordnung. Man liefert sich Wettrennen auf der Autobahn, aber ängstigt sich wegen eines unklaren Blutbefundes. Wir wollen Lebensrisken minimieren, suchen aber das Abenteuer. Sind wir noch zu retten? Aber sicher. Wir sorgen ja vor.

martina.salomon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2010)

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