Im August, wenn die Österreicher an Badeseen sitzen, wollen sie normalerweise nicht mit Politiker-Stehsätzen behelligt werden. Deswegen lassen sich Medien allerhand für eine ferienadäquate Berichterstattung einfallen. Das ist dann die Zeit, in der gestandene Journalisten mit „einfachen Bürgern“ oder Kabarettisten im Gepäck zu Interviews anreisen und der ORF Parteichefs in diverse Fabriken samt deren Manager bittet. In deutschen Fernsehanstalten hat man da übrigens mehr Vertrauen in die Fähigkeiten des eigenen Personals und lässt diesen Firlefanz.
Leider ergeben solche exotischen Ausflüge fast nie ein befriedigendes Ergebnis für Medienkonsumenten. Selten hat das außerdem so deplatziert gewirkt wie heuer. Denn in diesem Hochsommer macht die Politik nicht Pause. Wobei es einigermaßen absurd ist: Selbst knapp zwei Jahre nach seinem Tod ist Jörg Haider präsenter als alle derzeit aktiven Politiker. Magazine hoffen noch immer, mit ihm Auflage zu machen. Das ist nicht einmal mehr virtuelle, sondern nekrophile Politik.
Die (leider nötige) Vergangenheitsbewältigung lässt, gepaart mit „originellen Interviews“, Aktuelles verblassen. Aber auch am Schotterteich oder in der Kurkonditorei sollte man an solchen Fragen nicht vorbeikommen: Ist die Wirtschaftskrise wirklich schon wieder vorbei? Sollen Vermögen steuerlich höher belastet werden – aber geht das ohne Einkommensentlastung? Wie schaffen wir es, nur jenen eine vorzeitige Pension zu finanzieren, die das wirklich brauchen? Wer wird künftig die Alten pflegen, und wer zahlt dafür? Wie können vernünftige Zuwanderung und Integration hier lebender Ausländer besser gelingen? Ist unser Bildungssystem Weltklasse, oder herrscht zu viel Frust und Mittelmaß? Und wie kann man eigentlich Korruption in Österreich besser vorbeugen?
Die Grünen wollen immerhin die sommerliche (Un-)Ruhe mit einer Nationalratssondersitzung stören. Aber am populistischen Reflex der Regierung, ernsthafte Politik erst nach Landtagswahlen anzusetzen, wird das genau nichts ändern. Doch es gibt Hoffnung: Nach Ferienende werden wenigstens die Medien wieder zu „normalen“ Interviews zurückkehren. Es wäre nämlich ein Wunder, wenn uns nach der Bäckerin mit illustrem Golatschen-Hintergrund nun die Manager überzeugen könnten, dass sie die besseren ORF-Fragesteller sind. Wetten, sie sind es nicht?
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.08.2010)















