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Im Reich des Bösen

11.09.2010 | 18:48 |  von Martina Salomon (Die Presse)

Großbauern, Föderalismus, Eurofighter, Reiche: Wen die Österreicher gar nicht mögen.

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Es gibt ein paar Stehsätze, die in Diskussionszirkeln besprochen, von Politikern transportiert, von Medien wiederholt und dann zur Stammtisch-Weisheit werden. Sie klingen total einleuchtend, sind bei näherer Betrachtung aber leider nicht mehr ganz so logisch.

Jüngstes Beispiel: „Großbauern und Industrie sollen keine Agrarförderungen mehr bekommen.“ Die SPÖ geht schon länger mit diesem Wunsch hausieren, und Gesinnungsfreund Hans Weiss, der einst die falsche Pflegerin von Wolfgang Schüssel erfand, hat praktischerweise im Wahlkampf ein Buch darüber publiziert. Also, weg damit! Was dann passiert? Dass zum Beispiel der österreichische Fruchtsafterzeuger Rauch billigen Zucker auf dem Weltmarkt statt heimische Zuckerrüben kauft. Oder dass Milchprodukte im Supermarkt teurer werden. Beides ist nicht abwegig – aber man sollte es halt dazusagen.

Oder: „Der Föderalismus gehört ersatzlos gestrichen.“ Keine Frage, Österreich hat zu viele und zu aufgeblähte Verwaltungsebenen. Aber wissen Wiener Beamte wirklich, was für ein Tiroler Spital oder einen Kärntner Kindergarten das Beste ist? Das viel geschmähte britische Gesundheitssystem ist zentral verwaltet, und es ist deutlich billiger als das österreichische, das vor allem in Länderhand liegt. Aber keine Studie sagt, dass es besser ist als das österreichische. Wollen wir tauschen?

Oder: „Die Eurofighter sind teures Glumpert, das niemand braucht.“ Die Regierung Schüssel hat tatsächlich nie schlüssig erklärt, warum ihre Wahl ausgerechnet auf diesen teuren Jet fiel. Es war aber klar, dass es für die alten, noch von der SPÖ angeschafften Draken ein Nachfolgeflugzeug geben musste. Natürlich geht es auch ohne Abfangjäger – wenn man die Neutralität aufgibt und die Luftraumüberwachung an andere, etwa die Nato (gegen Bezahlung) delegiert. Slowenien wird von Italien geschützt, scheint damit aber nicht ganz glücklich zu sein. Was will Österreich?

Oder: „Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer.“ Zumindest für Österreich ist diese Behauptung ziemlicher Unsinn, eine OECD-Studie bescheinigt der Alpenrepublik deutlich geringere Unterschiede zwischen den Haushaltseinkommen als den meisten anderen OECD-Staaten. Und 2,5 Millionen Österreicher zahlen überhaupt keine Lohnsteuer. Manches ist eben reine Propaganda ohne Substanz.

martina.salomon@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2010)

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3 Kommentare
Rinnhofer
13.09.2010 00:46
0 0

Selbstimmunisiere Vorurteile

Wie zäh sich vorurteile halten, nicht ernsthaft hinterfragt, von niemandem offfiziell richtiggestellt, von Politikern instrumentalisiert, unnötige Emotionen auslösend.

Bedenklich das Entstehen von Feindbildern, welche die landesspezifisch latente Neidneigung stimulieren.

Beispiel sind die (vermeintlich) "Reichen", unter die schon Mitglieder des unteren Mittelstandes subsumiert werden, wenn sie durch Sparsamkeit und konsequente Leistungsbereitschaft im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu bescheidenem Wohlstand kamen und als unbedankte Systemerhalter überall zahlen, selten lukrieren.

Schnell finden sich selbsternannte Anwälte des "Kleinen Mannes", die nach deren Fast-Enteignung "rufen;

Die Formel "jeder, der mehr besitzt/verdient, als ich, hat ein ungerechtfertigtes Privileg" ist wenig hilfreich - als ob ein Konnex zwischen den "besser verdienen" (fast ein Schimpfwort) und eingebrachter Leistung auszuschließen wäre.

Echt Leistungsbereite werden in einen Topf geworfen mit den ohnedies eher Wenigen, sie "es sich richten",, exorbitante Gehälter beziehen, die mit keiner menschenmöglichen Leistung zu rechtfertigen sind.

Unter extremer Vereinfachung: Wer doppelt Mal so viel arbeitet als ein anderer, soll
doppelt so viel dafür bekommen (und das ungeschmälert!). Doch 1000e Mal so viel zu leisten wie der Durchschnitt der Bevölkerung ist unmöglich. Daher kann es auch keine Tausendfache Gehälter geben!


Gast: Flow ErLeben
12.09.2010 01:39
1 1

Genau Ihr letzter Satz trifft auf Ihre Kolumnen unumschränkt zu:

'Manches ist eben reine Propaganda ohne Substanz.'

Intellektuell unredlich und wirklich peinlich.
Nur als Bsp: Eine Aussage bezüglich zeitlichem Verlauf (Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer, was ja unbestritten so ist) mit einem Ländervergleich (geringere Unterschiede als den meisten anderen OECD-Staaten) entkräften zu wollen.

Lächerlicher Versuch eines Propaganda-"Journalismus".

Gast: Eberhard
11.09.2010 23:16
0 0

Stammtisch-Weisheit "Ohne EU gemma unter"

Ja, Frau Salomon, manches ist eben reine Propaganda ohne Substanz.

Sie haben übersehen, ganz wesentliche Propagandapunkte, die auch ohne Substanz sind, zu erwähnen, nämlich die Mär von der EU als Friedensprojekt und auch das bei Jounalisten so beliebte Schauermärchen, Österreich werde nach dem EU-Austritt untergehen.

Auch für diese beiden Punkte gilt, wie Sie schreiben "in Diskussionszirkeln besprochen, von Politikern transportiert, von Medien wiederholt und dann zur Stammtisch-Weisheit geworden."

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