Nicht bloß Xenophobe, auch Medien, die um Ausgewogenheit bemüht sind, benutzen oft folgende Diktion: „Mehr als die Hälfte der Kinder in Wiener Volksschulen sind nicht deutscher Muttersprache”, womit assoziiert werden soll, sie seien des Deutschen nicht mächtig. Schon gedeiht das „Ausländerproblem”.
Tatsache ist: Der überwiegende Teil jener Wienerinnen und Wiener, bei denen zu Hause auch z.B. türkisch, serbokroatisch oder ungarisch gesprochen wird, beherrscht selbstverständlich ebenso das Deutsche. Zweisprachig aufzuwachsen, also die Muttersprache so zu beherrschen wie Deutsch, ist für viele längst kein Problem.
Wenn in Wiens teuerster Schule, der „international school” bei der UNO-City der größte Teil der Diplomatenkinder nicht Deutsch kann, schreit auch niemand „Ausländerghetto”. Offensichtlich handelt es sich viel mehr um ein Klassen-, als um ein Ausländerproblem.
Hier soll nicht verniedlicht werden. Wenn tatsächlich, und diese Fälle gibt es leider, ein großer Teil von Kindern in einigen Volks- oder Hauptschulen der deutschen Sprache nicht mächtig ist, so können Lernfortschritte sehr schwer erzielt werden. Jedoch: Die Anzahl dieser Kinder bewegt sich in der ersten Klasse Volksschule bei deutlich weniger als 20 Prozent.
Und vor allem: Dieses Sprachdefizit muss und kann behoben werden. Dass es geht, beweisen engagierte Lehrerinnen (es sind überwiegend Frauen). Wer sträflich versagt, ist die Politik. Hätte man in den letzten Jahren ausreichend Sprach- und Stützlehrer/innen eingestellt, diesen Bereich als zentrale Investitionsaufgabe des Staates verstanden und Gelder bereitgestellt, jedem „Ausländerwahlkampf” wäre die Grundlage entzogen.
Denn in der Tat ist es die Schule, wo gemeinsam gelernt, und selbstverständlich auch Deutsch erlernt werden muss. Deswegen müsste Alfred Gusenbauer heftiger als für seinen Studiengebührenumfaller dafür kritisiert werden, dass er sich für den Schulbereich in den Koalitionsverhandlungen mit läppischen 35 Mio. abspeisen ließ.
Das ist schon für den Integrationsbereich viel zu wenig.
chorherr.twoday.net
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2007)

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