11.02.2012 08:20 | Meine Presse Merkliste0

Autoritär, brutal, vordemokratisch

CHRISTOPH CHORHERR (Die Presse)

Die absurdeste Ausformung des Feudalen findet man in Niederösterreich.

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Österreich hat eine freie Presse. Stimmt. Österreichs Rechtsstaat funktioniert. Stimmt weitgehend. Aber, es gibt Ausnahmen: Unsere neun Bundesländer verharren, im unterschiedlichen Ausmaß zwar, im Zustand des Feudalstaates.

Das äußert sich schon an der Tatsache, dass die Bezeichnung „Landesfürst“ für die Landeshauptleute inzwischen weitgehend ironiefrei verwendet wird. Die absurdeste, am meisten groteske Ausformung des Feudalen findet man in Niederösterreich.

Kernmerkmal: Völlige Absenz unabhängiger, freier Medien. ORF Niederösterreich? In keinem Bundesland wird so devot der Landeshauptmann hofiert. Kritische Berichte finden nicht statt, die Einflussnahme der ÖVP ist unmittelbar, brutal, jeder Insider kennt dazu Dutzende Geschichten. In keiner „Bundesland-heute“ Sendung kommt der Landeshauptmann so oft vor wie in NÖ.

Printmedien? Die Wochenzeitung NÖN ist total auf Parteilinie getrimmt. Jüngstes Beispiel: Ein aktuelles Wahlplakat von Erwin Pröll wird einfach als Titelbild genommen.

Die völlige Abhängigkeit erklärt sich schlicht ökonomisch. Von den rund 3 Mio. Presseförderung des Landes (kein Pappenstiel) erhalten die NÖN den größten Teil.

Andere Medien werden ökonomisch unter Druck gesetzt: Nach kritischen Artikeln wird beim Chefredakteur angerufen und „Konsequenzen“ verlangt. Sonst werde man nicht nur die Inserate des Landes, sondern auch jene „befreundeter“ Unternehmen, wie Raiffeisen oder EVN abziehen.

Dieser Machtmissbrauch äußert sich auch personell: Der Leiter des Pressedienstes des Landes, u.a. zuständig für die Inseratenvergabe, ist gleichzeitig Pressesprecher Erwin Prölls.

Weiterer Machtmissbrauch: Kulturschaffende, die für ihre Arbeit Unterstützung des Landes erhielten, ereilte in letzter Zeit ein Anruf des Unterstützungskommitees Pröll: Man habe doch sicher nichts dagegen, an diesem teilzunehmen, oder?

Es fragt sich, was schlimmer ist. Die Zustände als solche, oder die weitgehende Absenz einer grundsätzlichen Kritik an diesen vordemokratischen, autoritären Zuständen.

Es ist absurd, aber eine Tatsache: Könnte ein Staat mit politischen Strukturen wie den vorherrschenden in Niederösterreich der EU beitreten? Mit Sicherheit nicht.


chorherr.twoday.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2008)

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10 Kommentare
Gast: mike
09.03.2008 15:01
0 1

Vermutlich wären

die derzeitigen Verhältnisse in NÖ ein Paradies gegen ein mit absoluter Mehrheit grün regiertes Land ..
Aber so weit wird es glücklicherweise nie kommen ..

Ganz und gar Unsinn: autoritär brutal vordemokratisch

Der Unsinn den Sie in der Überschrift "Autoritär, brutal, vordemokratisch" schreiben ist Ihnen nicht würdig!

Warum haben Sie so wenig Kontakt mit Ihren Parteifreunden in NÖ: Petrovic usw. dass sie über die wirkliche Stimmung in NÖ so wenig wissen.

Wenn es wirklich "brutal" u. "autoritär" in NÖ zugehen würde - dann würde doch Frau Petrovic sich irgendwie dazu äußern. Man hört jedoch nichts dergleichen von den NÖ-Grünen!!!

Wenn Herr Chorherr wirklich so ein großartiger Demokrat ist, warum tut er nicht mehr dafür dass Wien wieder zur Demokratie zurückfindet?

Es ist absurd, aber eine Tatsache: Könnte ein Staat mit politischen Strukturen wie den vorherrschenden in WIEN der EU beitreten? Mit Sicherheit nicht.

Gast: Traisentaler
25.02.2008 12:50
1 0

Stimmt alles voll und ganz!

Was Sie sagen, kann man nur unterstreichen. So deutlich sollten sich auch Ihre Parteifreunde in Niederösterreich zu dort praktizierten Agrastalinismus äußern. Leider tun sie das nicht. Ihre Spitzenkandidatin präferiert es sattdessen, in Interviews abgehoben drauflos zu schwadronieren. Dass die Opposition in diesem Land mut-und ideenlos agiert, ist auch Teil des Problems. Es hat die Entstehung des Systems Pröll erleichtert.

Svejk
25.02.2008 09:36
0 0

Falsche Fakten

Christoph Chorherr wäre gut beraten, wenn er - selbst als Parteipolitiker - die Fakten nicht ignorieren würde. So belegt Mediawatch, dass nicht in NÖ, sondern in Wien der Landeshauptmann am meisten im ORF zu Wort kommt. Auch das koordinierte Verschweigen des Skandals um die vertuschte Unfallserie der Wiener Linien spricht Bände. Wenn die Wiener Linien etwa in einem internen Memo vermerken: " dass sich die Medien zurückgehalten hätten, da man die tollen Errungenschaften der Stadt Wien nicht in Misskredit bringen will."(http://www.loub.at/?p=141), so zeigt sich, wo autoritäres Verständnis herrscht. Ich fordere den ansonsten von mir ob seiner Sachpolitik hoch geschätzten Christoph Chorherr auf, sich einmal mit der Medienlandschaft seines Heimatbundeslandes auseinanderzusetzen, ehe er faktisch unrichtige Vergleiche mit anderen Bundesländern zieht.

Gast: CZ
24.02.2008 23:20
0 0

Stimmt, aber es gibt auch Wien

Herr Chorherr,

Sie haben ganz sicher Recht. Nur ist das keine niederösterreichische Besonderheit. Sie können doch nicht auf Wien vergessen?!?
Hier ist es nicht die Spur besser. Die SPÖ Wien und die Stadt Wien werden gleichgesetzt. Die ganze Verwaltung und stadtnahe Unternehmen sind in rote Farbe getunkt, dass einen das Graußen kommt. Schon mal was von Gewista gehört?
Und das tägliche Telefonat zwischen dem Häupl-Stab und der Redaktion von Wien heute, ja auch das findet statt.
Die Frage ist, wer hier von welchem Landesfürsten gelernt hat? Jedenfalls sind die Wiener Verhältnisse wohl auf Grund der Verwaltungsorganisation (Landeshauptmann, Bürgermeister und Bezirkshauptmann in Personalunion) wohl noch problematischer.

Antworten Gast: Markus Gansterer
25.02.2008 12:56
0 0

eichenbrett versus stahlbeton

das aktuelle profil hat einen guten artikel dazu. der pressesprecher der grünen nö, der früher für die wiener gearbeitet hat, meint darin: wien war ein eichenbrett, niederösterreich ist stahlbeton.

in wien gibt es zumindest ein größeres kritisches, urbanes und akademisches publikum. vereine, initiativen, sozialprojekte können sich leichter bilden als in NÖ, ohne von der ÖVP unterwandert zu werden. der physische koordinationsaufwand einer partei/einer initiative ist in der großstadt wien geringer als in NÖ mit seinen weiten entfernungen.

nicht zu vergessen: es gibt in NÖ keinen falter, keinen standard etc., also medien die zumindest für das grüne kernpublikum ab und zu kritische geschichten schreiben.

Absurd: eichenbrett versus stahlbeton

Sie führen Ihre Argumentation selbst ad absurdum wenn sie hier behaupten dass es in Niederösterreich keinen "Standard" gibt - Leiden Sie an Sinnestäuschungen?

Wer oder was hindert eigentlich die zahlreichen Printmedien die es landauf, landab in Österreich gibt etwas Unabhängiges über Niederösterreich zu schreiben?

Gemäß Ihren Ausführungen sind "Standard" u. "Falter" die ideologischen Leitmedien für grüne Wähler. Also ist klar dass zumindest "Standard" u. "Falter" keine "unabhängigen Medien" sein können.

Dass ein Flächenstaat wie NÖ eine andere Charakteristik wie eine Großstadt Wien mit 1,7 Mio EW hat ist nicht wirklich etwas Neues.

Antworten Antworten Gast: tempa
03.03.2008 19:59
0 0

Re: eichenbrett versus stahlbeton

Tja, leider hilft mir das als Rechtsliberaler in Wien nicht, wenn linke Splittergruppierungen nicht zu 100% , sondern nur zu 95% mit der Wiener SPOE einer Meinung sind. Was den Rechten "Ihr" milder Landesfuerst ist, ist den Linken "ihre" Partei, beide haben diesen zentralistischen Ansatz. Allerdings finde ich die Linken etwas toerichter, da sie allzuoft mit den Tugendschaum auf der Lippe sich im Besitz der absoluten Moral glauben.

Antworten Antworten Gast: Stefan Forstner
29.02.2008 14:44
0 0

standard

stimme mit der grundaussage ihres kommentars durchaus überein, allerdings scheinen sie sich nicht wirklich oft in niederösterreich aufzuhalten, sonst hätten sie möglicherweise bemerkt, dass auch dort der standard ver- und gekauft wird :)

Antworten Gast: marsupialeater
25.02.2008 11:50
0 0

Re: Stimmt, aber es gibt auch Wien

Die Grünen sind immerhin die einzige Partei, die auf die roten Vernichtungmaschinen öffentlicher Gelder wie der GEWISTA in Wien ab und an aufmerksam machen...

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